Be­die­nungs­an­lei­tung für Deutsch­land

In Rat­ge­bern für Flücht­lin­ge zeich­nen deut­sche Au­to­ren das Selbst­bild ei­ner Na­ti­on, in der sonn­tags kei­ne Mö­bel auf­ge­baut wer­den.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON KLAS LIBUDA

DÜSSELDORF Die­se Bü­cher soll­te man ver­gra­ben, und wenn sie dann in 150 Jah­ren wie­der­ent­deckt wer­den, kön­nen die Men­schen le­sen, wie das hier ein­mal war. Die Bü­cher han­deln von dem Do­sen­pfand- und Rauch­ver­bot-Deutsch­land, in dem wir le­ben. Sie hei­ßen „Re­fu­gee Gui­de“, al­so Flücht­lings-Rat­ge­ber, oder schlicht und er­grei­fend „Deutsch­land“. Ge­dacht sind die schma­len Bän­de für an­kom­men­de Flücht­lin­ge, aber wer hier lebt und schon im­mer ein­mal wis­sen woll­te, wie Deutsch­land funk­tio­niert, der soll­te die­se Be­die­nungs­an­lei­tun­gen le­sen. Sie ver­su­chen, die Ge­gen­wart ab­zu­bil­den, und zwar im De­tail: Fahr­kar­ten wer­den hier­zu­lan­de vor Fahrt­an­tritt ab­ge­stem­pelt, wenn die Fens­ter ge­öff­net sind, wer­den die Hei­zun­gen aus­ge­schal­tet, und sonn­tags wer­den kei­ne Mö­bel auf­ge­baut.

Na­tür­lich sind die Emp­feh­lun­gen und Hand­lungs­an­wei­sun­gen, die un­ter dem Ein­druck der wach­sen­den Flücht­lings­zah­len ent­stan­den sind und die­ser Ta­ge er­schei­nen, an ei­ne an­de­re Ziel­grup­pe adres­siert. Sie sol­len Miss­ver­ständ­nis­sen bei den An­kom­men­den vor­beu­gen, ih­nen hel­fen, die neue Um­ge­bung zu ver­ste­hen. Für deut­sche Le­ser er­scheint vie­les als Selbst­ver­ständ­lich­keit – auch wenn man­che Ge­dächt­nis­stüt­ze in Sa­chen Müll­tren­nung dem ei­nen oder an­de­ren gleich­falls zu­pass­kom­men dürf­te.

Ei­nen „Schnell­ein­stieg in die deut­sche Le­bens­wirk­lich­keit“ver­spricht „Wir schaf­fen das“von Ni­ko­laus von Wolff und Ame­en Al­ku­tai­ny. Der Crash­kurs in Sa­chen Deutsch­land ver­sam­melt 99 Tipps in drei Spra­chen (Ara­bisch, Eng­lisch und Deutsch) und rich­tet sich aus­drück­lich auch an hei­mi­sche Le­ser. „Den Deut­schen wol­len wir den Spie­gel vor­hal­ten“, sagt Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler von Wolff. Wer sein Buch zur Hand nimmt, schafft ei­ne Arm­län­ge Dis­tanz zum All­tag. Es darf ver­gli­chen, zu­ge­stimmt und wi­der­spro­chen wer­den: Kin­der spie­len in Deutsch­land nicht im Trep­pen­haus; Kran­ken­schwes­tern, Ta­xi­fah­rern und Kell­nern wird mit Re­spekt be­geg­net; wer ei­nen Te­le­fon­an­ruf ent­ge­gen­nimmt, sagt zu­erst ein­mal sei­nen Na­men. „Deutsch­land ist das ein­zi­ge Land, wo so­gar bei pri­va­ten Tref­fen Pünkt­lich­keit er­war­tet wird.“Er ha­be sich er

laubt, die Din­ge hier und da ein we­nig zu­zu­spit­zen, sagt von Wolff.

Seit im­mer mehr Flücht­lin­ge nach Deutsch­land kom­men, de­bat­tiert die Po­li­tik wie­der über Leit­kul­tur. Die Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung hat das Grund­ge­setz ins Ara­bi­sche über­set­zen las­sen, al­so die Grund­rech­te, die lei­ten­de Rechts­norm. Die Rat­ge­ber hin­ge­gen

„Re­fu­gee Gui­de“ sind ein Ge­leit zur All­tags­kul­tur. In Deutsch­land herr­sche „das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung“, so­lan­ge sie an­de­re Men­schen nicht dis­kri­mi­nie­re, be­lei­di­ge oder be­dro­he, stellt zwar auch der „Re­fu­gee Gui­de“klar. Zu den per­sön­li­chen Frei­hei­ten ge­hör­ten aber ge­nau­so öf­fent­li­che Lie­bes­be­kun­dun­gen – „dies geht von Händ­chen­hal­ten über Um­ar­men und Küs­sen bis hin zu Ku­scheln“– und ei­ne ge­wis­se Frei­zü­gig­keit: „Men­schen, die im Som­mer we­nig be­klei­det sind, gel­ten als nor­mal. Da­zu ge­hört bei­spiels­wei­se das Tra­gen von T-Shirt und kur­zen Ho­sen.“

Ent­stan­den ist der „Re­fu­gee Gui­de“im In­ter­net, fast 100 Men­schen ha­ben mit­ge­schrie­ben, vie­le aus dem aka­de­mi­schen Mi­lieu, auch Flücht­lin­ge wa­ren be­tei­ligt, er­zählt Initia­tor Micha­el Straut­mann. „95 Pro­zent der Men­schen ha­be ich nie ge­se­hen oder per­sön­lich ken­nen­ge­lernt“, sagt der Ham­bur­ger Dok­to­rand: „Die Schwar­min­tel­li­genz hat sehr gut funk­tio­niert.“Nun wur­de die Ori­en­tie­rungs­hil­fe, die man im Netz in elf Spra­chen von Pasch­tu bis Ser­bisch kos­ten­los her­un­ter­la­den kann, un­ter an­de­rem vom Klett-Ver­lag ver­öf­fent­licht. 35.000 vier­spra­chi­ge Gra­tis­ex­em­pla­re druck­te Klett, als „klei­nen Bei­trag zu ei­ner gu­ten In­te­gra­ti­on“, sagt Ge­schäfts­füh­re­rin Eliz­a­beth Webster.

In­te­gra­ti­on hat­te sich wohl auch die Ge­mein­de Hard­heim vor­ge­nom­men, als sie kürz­lich ih­ren „Leit­fa­den für Flücht­lin­ge“ver­öf­fent­lich­te. Vor al­lem aber trans­por­tiert das Re­gel­werk Vor­ur­tei­le. „Un­se­re Not­durft ver­rich­ten wir aus­schließ­lich auf Toi­let­ten, nicht in Gär­ten und Parks, auch nicht an He­cken und hin­ter Bü­schen“, heißt es et­wa. Es ha­gel­te Kri­tik. „Der Leit­fa­den wird auch wei­ter­hin an die Flücht­lin­ge ver­mit­telt“, schreibt Bür­ger­meis­ter Vol­ker Rohm in ei­ner Stel­lung­nah­me. Den Hin­weis, dass Mäd­chen und Frau­en im Zwei­fels­fall nie­man­den vom Fleck weg hei­ra­ten wol­len, hat er den­noch lie­ber wie­der ge­stri­chen. Vom Hard­hei­mer Mo­dell dis­tan­zie­ren sich die Rat­ge­ber-Au­to­ren aus­drück­lich, zu­wei­len aber schei­nen sie gleich­falls auf Kli­schees her­ein­zu­fal­len. Vor al­lem, wenn es im­mer wie­der um die be­rühm­te deut­sche Pünkt­lich­keit geht. „Es ist ei­ne Grat­wan­de­rung“, sagt Au­tor von Wolff. Es sei ih­nen be­wusst, „dass ei­ni­ge der Hin­wei­se als über­heb­lich oder ab­wer­tend emp­fun­den wer­den kön­nen“, ha­ben die „Re­fu­gee Gui­de“-Au­to­ren in ih­rem letz­ten Ka­pi­tel for­mu­liert. Man ha­be sich „kon­ti­nu­ier­lich kri­tisch hin­ter­fragt und re­flek­tiert“.

Ganz neu sind die Deutsch­lan­dRat­ge­ber üb­ri­gens nicht. Im ver­gan­ge­nen Jahr avan­cier­te der „Leit­fa­den für bri­ti­sche Sol­da­ten in Deutsch­land“von 1944 zum Best­sel­ler: Der Be­sat­zer-Knig­ge ver­sam- mel­te Er­schre­cken­des bis Ko­mi­sches über Na­zi-Deutsch­land. Emp­foh­len wur­den den Bri­ten aus­drück­lich Mett- und Le­ber­wurst so­wie Mo­sel- und Rhein­wein.

Skur­ri­li­tä­ten hal­ten auch die neu­en Ori­en­tie­rungs­hil­fen vor. Es sei nicht ver­kehrt, sich mit Per­sön­lich­kei­ten wie An­ge­la Mer­kel, Karl Marx und Franz Be­cken­bau­er ver­traut zu ma­chen, rät „Wir schaf­fen das“. Dass man im War­te­zim­mer „Gu­ten Tag“sagt, im Bus wenn über­haupt nur lei­se te­le­fo­niert und sich auch Män­ner auf der Toi­let­te hin­set­zen, liest sich wie­der­um wie ei­ne Wunsch­vor­stel­lung der Au­to­ren.

Wie wir le­ben und le­ben wol­len, ver­ra­ten die Deutsch­land-An­lei­tun­gen, oh­ne An­spruch auf Voll­stän­dig­keit oder das Ver­spre­chen, in die­sem Land durch­zu­bli­cken. „Es dau­ert ei­ni­ge Zeit, um in Deutsch­land Fuß zu fas­sen“, das ist Ni­ko­laus von Wolffs 99. und so­mit letz­ter Tipp. „Ge­duld mag Ih­nen da­bei hel­fen. Ei­nes Ta­ges wer­den Sie sich aber zu Hau­se füh­len.“

„Men­schen, die im Som­mer we­nig

be­klei­det sind, gel­ten als nor­mal“

FOTOS: DPA (2), IMAGO/MONTAGE: KREBS

Deut­sche, de­ren Na­men man pa­rat ha­ben soll­te: Karl Marx, An­ge­la Mer­kel

und Franz Be­cken­bau­er.

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