Ei­ne Mil­li­on un­be­ar­bei­te­ter Asyl­ver­fah­ren be­fürch­tet

Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge steht in der Kri­tik. Der­zeit fal­len dop­pelt so vie­le neue Fäl­le an, wie be­ar­bei­tet wer­den kön­nen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GREGOR MAYNTZ

BER­LIN Zwei­ein­halb Mo­na­te nach Über­nah­me des Bun­des­am­tes für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) wächst die Kri­tik an Be­hör­den­chef Frank-Jür­gen Wei­se. Die rhein­land­pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­lu Drey­er (SPD) sprach von „Zu­stän­den, die nicht trag­bar sind“. Die Nürn­ber­ger Be­hör­de müs­se fle­xi­bler wer­den. „Di­enst von Mon­tag bis Frei­tag – das geht in die­sen Zei­ten nicht mehr“, mo­nier­te sie. Nach ei­nem Ge­spräch mit Wei­se hat­te be­reits NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) des­sen Vor­stel­lung „ent­täu­schend, in man­chen Tei­len er­schre­ckend“ge­nannt. Sein Kol­le­ge Lo­renz Caf­fier (CDU) aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern sag­te, auch im öf­fent­li­chen Di­enst sei­en „im Zwei­fels­fall mal Über­stun­den mög­lich“. Der rhein­land-pfäl­zi­sche In­nen­mi­nis­ter Ro­ger Le­w­entz (SPD) ver­wies auf ein Zwei-Schich­ten-Mo­dell im Saar­land.

Die Kri­tik ent­zün­det sich dar­an, dass das BAMF die Zahl der Ent­schei­dun­gen zwar von 1000 auf 1600 pro Tag er­höht hat, dass aber im­mer noch täg­lich dop­pelt so vie­le neue Ver­fah­ren hin­zu­kom­men. Zu- dem war­ten vie­le Flücht­lin­ge in­zwi­schen acht Mo­na­te, bis sie über­haupt ei­nen An­trag ein­rei­chen und das Ver­fah­ren star­ten kön­nen. Da­her be­fürch­ten Be­ob­ach­ter, dass das BAMF das Jahr 2015 mit ei­nem Berg von bis zu ei­ner Mil­li­on un­be­ar­bei­te­ter Ver­fah­ren be­en­det. Schon jetzt sol­len es rund 330.000 sein. Ob­wohl das Per­so­nal zu Jah­res­be­ginn um wei­te­re 4000 Stel­len auf­ge­stockt wird, könn­te es bis Mai dau­ern, bis die Be­hör­de in der La­ge ist, mo­nat­lich 80.000 Ver­fah­ren zu be­ar­bei­ten. So vie­le Flücht­lin­ge wa­ren im Spät­som­mer in ei­ner Wo­che ge­kom­men.

FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner sieht es in die­ser La­ge als „ka­pi­ta­len Feh­ler“, zu Ein­zel­fall­prü­fun­gen auch bei Sy­rern zu­rück­zu­keh­ren: „So wächst der Berg un­er­le­dig­ter An­trä­ge.“Statt­des­sen müs­se ein ei­ge­ner Sta­tus für Kriegs­flücht­lin­ge ge­schaf­fen wer­den, da­mit die­se Ver­fah­ren aus dem BAMF ver­schwin­den. Dann könn­ten die an­de­ren Ver­fah­ren be­schleu­nigt wer­den. Lind­ner: „Nur kur­ze Ver­fah­ren und an­schlie­ßen­de Aus­rei­se sen­den das Si­gnal in Län­der wie Pa­kis­tan oder Ni­ge­ria, dass auch Deutsch­land bei al­ler So­li­da­ri­tät nicht je­den neh­men kann.“

Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) ver­tei­dig­te Wei­se im ZDF: „Herr Wei­se und sei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ar­bei­ten sehr gut.“Auch Uni­ons-In­nen­ex­per­te Ste­phan Mayer nahm die Be­hör­de in Schutz: Wei­ses Kon­zept sei „nach­voll­zieh­bar und um­fang­reich“, sag­te Mayer, und ge­eig­net, Hun­dert­tau­sen­de Alt­fäl­le schnell ab­zu­bau­en: „Ich ha­be den Ein­druck, dass man­che Län­der durch die Kri­tik von ei­ge­nen Feh­lern und ei­ge­nen Un­zu­läng­lich­kei­ten bei der Un­ter­brin­gung und ins­be­son­de­re von der im­mer noch un­zu­rei­chen­den Ab­schie­bung von aus­rei­se- pflich­ti­gen ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern ab­len­ken wol­len.“

In der De­bat­te um die Zu­wan­de­rung nach Eu­ro­pa ap­pel­lie­ren Deutsch­land und Frank­reich an die EU, die Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex zu stär­ken. In ei­nem ge­mein­sa­men Brief for­dern die In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re und Ber­nard Ca­ze­neuve, dass die Agen­tur bei man­gel­haf­ter Kon­trol­le der Au­ßen­gren­zen „auf der Grund­la­ge ei­ner von Fron­tex er­stell­ten Ri­si­ko­be­wer­tung schnell hin­zu­ge­zo­gen wer­den kann“– in Aus­nah­me­fäl­len auch oh­ne dass ein Mit­glied­staat dar­um bit­tet.

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