Wo­hin rollt die Deut­sche Bahn?

Vor 180 Jah­ren nahm in Bay­ern mit dem „Ad­ler“die ers­te Lo­ko­mo­ti­ve den Di­enst auf deut­schem Bo­den auf.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON MAXIMILIAN PLÜCK

DÜSSELDORF Dass es aus­ge­rech­net ein Bri­te war, der den Deut­schen heu­te vor ex­akt 180 Jah­ren die ers­te Bahn­fahrt ih­rer Ge­schich­te be­scher­te, ist aus Sicht der Deut­schen Bahn AG wohl Iro­nie der Ge­schich­te. Denn ge­ra­de schickt sich mit der Pri­vat­bahn Na­tio­nal Ex­press aus­ge­rech­net ein bri­ti­sches Un­ter­neh­men an, den Zug­ver­kehrs­markt hier­zu­lan­de auf­zu­mi­schen – ab kom­men­den Sonn­tag zu­nächst in NRW mit den bei­den Stre­cken RE7 und RB48, vor­aus­sicht­lich ab 2018 mit Tei­len des Rhein-Ruhr-Ex­press und auch mit der S-Bahn in aus­ge­rech­net der Stadt, wo al­les be­gann: Am 7. De­zem­ber 1835 star­te­te der Lok­füh­rer und Ma­schi­ne­nin­ge­nieur Wil­li­am Wil­son pünkt­lich um 9 Uhr die Dampf­lo­ko­mo­ti­ve „Ad­ler“in Nürn­berg. Mit für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se bahn­bre­chend schnel­len 40 Ki­lo­me­tern pro St­un­de ging es für die Eh­ren­gäs­te ins sechs Ki­lo­me­ter ent­fernt ge­le­ge­ne Fürth – die Ge­schwin­dig­keit wur­de spä­ter aus Kos­ten­grün­den je­doch auf 30 Ki­lo­me­ter pro St­un­de ge­dros­selt.

Bei der Lud­wigs­bahn, be­nannt nach dem baye­ri­schen Kö­nig, han­del­te es sich im Üb­ri­gen auch um ei­ne Pri­vat­bahn. Erst spä- ter dräng­ten Schritt für Schritt staats­ei­ge­nen Bah­nen auf den Markt. Von Nürn­berg aus trat die Bahn ih­ren Sie­ges­zug in Deutsch­land an. Nur vier Jah­re nach der Jung­fern­fahrt von Nürn­berg wur­de die ers­te Fern­rei­se­bahn zwi­schen Leip­zig und Dresden er­öff­net. Im Jahr 1850 um­fass­te das Stre­cken­netz be­reits 6044 Ki­lo­me­ter. Heu­te sind es rund 33.400 Ki­lo­me­ter in der Hand des Markt­füh­rers Deut­sche Bahn AG.

Doch der be­fin­det sich 180 Jah­re nach der Jung­fern­fahrt des „Ad­ler“und gut 20 Jah­re nach sei­ner Um­wand­lung in ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft in ei­ner gleich in mehr­fa­cher Hin- sicht schwie­ri­gen La­ge. Der Kon­zern mit sei­nen knapp 297.000 Be­schäf­tig­ten steu­ert ge­ra­de erst­mals seit Jah­ren auf ei­nen Ver­lust von mehr als ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro zu – und das trotz ei­nes Um­sat­zes von mehr als 40 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Grund ist ne­ben den Be­las­tun­gen aus der Neu­struk­tu­rie­rung des Kon­zerns un­ter an­de­rem auch die lang­wie­ri­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ge­werk­schaft Deut­scher Lo­ko­mo­tiv­füh­rer und der Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft um Zu­stän­dig­kei­ten beim Bahn-Per­so­nal.

Zu­gleich hat sich das Markt­um­feld für den Staats­kon­zern mas­siv ge­wan­delt: Im Fern­ver­kehrs­markt sind es auf­grund der an­ge­pass­ten Ge­set­zes­la­ge ins­be­son­de­re die güns­ti­ge­ren Fern­bus­se, die der Bahn die Kun­den ab­spens­tig ma­chen. Im Re­gio­nal­ver­kehr ist es der Bahn zu­letzt nicht ge­lun­gen, Aus­schrei­bun­gen für wich­ti­ge Stre­cken zu ge­win­nen. Pri­vat­bah­nen, die we­gen des schlan­ke­ren Ap­pa­rats, nied­ri­ge­rer Per­so­nal­kos­ten und der Fremd­ver­ga­be von War­tungs­auf­trä­gen deut­lich bes­se­re Ge­bo­te ab­ge­ben konn­ten, lau­fen dem eins­ti­gen Mo­no­po­lis­ten den Rang ab.

Hin­zu kom­men Pro­ble­me bei der Fach­kräf­te­ge­win­nung so­wie das in­zwi­schen in Tei­len als ma­ro­de gel­ten­de Schie­nen­netz, das dem Kon­zern im­mer wie­der beim The­ma Pünkt­lich­keit ei­nen Strich durch die Rech­nung macht.

Für Bahn­chef Rü­di­ger Gru­be ist das ei­ne ex­trem schwie­ri­ge Si­tua­ti­on, muss er doch ei­nen Ra­di­kal­um­bau des Un­ter­neh­mens durch­set­zen. Und da­bei steigt of­fen­bar die Un­ge­duld von so man­chem Be­tei­lig­ten. Nach In­for­ma­tio­nen des „Spie­gel“gibt es im Auf­sichts­rat Stim­men, wo­nach das Um­bau­pro­gramm des Bahn­chefs Jah­re zu spät kom­me. Zu­dem be­män­geln die Kon­trol­leu­re, dass Gru­be in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach er­klärt ha­be, die Ver­schul­dung des Kon­zerns dür­fe 20 Mil­li­ar­den Eu­ro nicht über­stei­gen, nun aber zu­sätz­li­che kre­dit­fi­nan­zier­te In­ves­ti­tio­nen ein­pla­ne, die die Ver­schul­dung so­gar auf 22 Mil­li­ar­den Eu­ro hoch­trei­be.

Am 16. De­zem­ber wird Gru­be dem Auf­sichts­rat sein Kon­zept vor­le­gen – mit Vor­schlä­gen zu den The­men Qua­li­tät, mehr Kun­den und mehr Er­folg. Um wie ge­wünscht sei­nen Ver­trag auch über 2017 hin­aus ver­län­gert zu be­kom­men, muss er den Auf­sichts­rä­ten und der Öf­fent­lich­keit ei­ne Er­folgs­ge­schich­te prä­sen­tie­ren – so wie einst den „Ad­ler“zwi­schen Nürn­berg und Fürth.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.