Un­auf­halt­sam

Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach be­siegt die Bay­ern 3:1, weil die Sys­tem­um­stel­lung von Trai­ner An­dré Schu­bert greift.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON KARS­TEN KELLERMANN

MÖN­CHEN­GLAD­BACH Es war ei­ne net­te Ges­te zum Ni­ko­laus-Tag. Die Bo­rus­sen-Fans, die ges­tern zum mor­gend­li­chen Trai­ning der Mön­chen­glad­ba­cher Fuß­ball-Pro­fis ge­kom­men wa­ren, ap­plau­dier­ten, als Trai­ner An­dré Schu­bert von der Ka­bi­ne zu sei­nem Ar­beits­platz stapf­te. Sze­nen wie die­se hat es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren öf­ter ge­ge­ben in Glad­bach, nur dass da Lu­ci­en Fav­re, Schu­berts Amts­vor­gän­ger, Adres­sat der Bei­falls­be­kun­dun­gen war. Schu­bert hat „ganz Mön­chen­glad­bach in ei­nen Freu­den­tau­mel ver­setzt“, wie Ur-Bo­rus­se Ber­ti Vogts ver­mu­te­te. Denn un­ter Schu­berts An­lei­tung ha­ben die Glad­ba­cher den gro­ßen FC Bay­ern München am Sams­tag 3:1 be­siegt. Und wie!

Schu­bert hat seit­her ein Pro­blem. Er ver­such­te es noch bei­sei­te zu schie­ben, als er stets von „Wir“sprach und dann sei­ner Mann­schaft ein Kom­pli­ment mach­te. Er de­fi­niert sich als ein Räd­chen in der Er­folgs­ma­schi­ne­rie der ver­gan­ge­nen Wo­chen, als der, der die Idee hat und sie den Spie­ler ver­mit­telt. Um­set­zen müs­sen das die Pro­fis. Doch mit dem Sieg ge­gen den ent­rück­ten Bran­chen­füh­rer hat Schu­bert sei­ne ei­ge­ne The­se schwer be­leg­bar ge­macht. Denn mit die­sem Sieg ge­gen die Bay­ern hat er sich end­gül­tig aus dem Schat­ten sei­nes er­folg­rei­chen Vor­gän­gers her­aus­ka­ta­pul­tiert. Die­ser Sieg war sei­ner.

In der ver­gan­ge­nen Sai­son hat­te Fav­re ei­nen meis­ter­li­chen tak­ti­schen Coup ge­lan­det, als sein Team die Bay­ern in de­ren Al­li­anz-Are­na 2:0 be­sieg­te – mit dem Fav­re-Stil in Per­fek­ti­on. Na­he­zu gar nicht schos­sen die Bay­ern auf das Bo­rus­senTor. Am Sams­tag ent­wi­ckel­te Schu­bert ei­nen tak­ti­schen Kniff, mit dem er die Bay­ern über­rasch­te: Er mo­del­te das un­ter Fav­re in St­ein ge­mei­ßel­te (und nur in Nuan­cen va­ri­ier­te) 4-2-3-1-Sys­tem total um: Es gab ei­ne Drei­er­ab­wehr­ket­te, die bei Be­darf ei­ne „pen­deln­de Vie­rer­ket­te“wur­de, wenn sich Sech­ser Gra­nit Xha­ka zu­rück­fal­len ließ. Die Au­ßen­ver­tei­di­ger spiel­ten sehr weit vorn, um Bay­erns star­ke Flü­gel zu bin­den. Im Zen­trum rück­te Fa­bi­an John­son als drit­te Kraft ne­ben Xha­ka und Dahoud – es war ein lauf- und spiel­star­kes Trio mit gu­ten Ide­en. Ab und an hat­te Schu­bert die­ses tak­ti­sche Mo­dell schon aus­pro­biert, in­des „hin­ten raus“, wie bei 1899 Hof­fen­heim, als die Bay­ern-Tak­tik ge­übt und noch ein 3:3 ge­holt wur­de.

Dass Schu­bert zur Kom­plet­tie­rung sei­ner Ab­wehr den erst 19-jäh­ri­gen Schwei­zer Ni­co El­ve­di erst­mals in die Start­elf be­för­der­te, war ein mu­ti­ger Schach­zug. El­ve­di ist der ers­te Spie­ler, der sein Bun­des­li­ga-De­büt in Schu­berts Amts­zeit gab. Es dau­er­te 20 Mi­nu­ten, bis al­le Bo­rus­sen an­ge­kom­men wa­ren im neu­en Sys­tem, das vor­ab mehr theo­re­tisch als prak­tisch ein­ge­übt wor­den war, wie der Tor­schüt­ze zum 1:0, Os­car Wendt, ver­riet. In die­ser Pha­se hät­ten die Bay­ern das Spiel ent­schei­den kön­nen, ta­ten es aber nicht. Man darf sa­gen: Das Glück ge­hört den Mu­ti­gen, in die­sem Fall Schu­bert. In der Halb­zeit frag­te er noch mal, ob es pas­sen wür­de mit der Tak­tik, das Feed­back fiel po­si­tiv aus – und nach der Pau­se spiel­ten die Bo­rus­sen gran­di­os.

Schu­bert pre­digt Mut, er selbst leb­te ihn an die­sem Tag vor mit sei­ner neu­en Tak­tik – und das mit ei­nem Ka­der, der um wich­ti­ge Spie­ler re­du­ziert ist. Schu­bert ar­bei­tet mit sei­nen Spie­lern, er ver­steht Fuß­ball als Grup­pen­ar­beit, gibt dar­um sei­nen An­ver­trau­ten ein ge­wis­ses Mit­spra­che­recht. Das er­höht den Spaß­fak­tor und wohl auch die Ak­zep­tanz. In sei­nem zehn­ten Li­ga-Spiel als Trai­ner (dem drit­ten als of­fi­zi­el­ler Chef) hat sich Schu­bert von Fav­re eman­zi­piert und den nächs­ten Ent­wick­lungs­schritt die­ser Glad­ba­cher Mann­schaft ein­ge­lei­tet: Bo­rus­sia wird va­ria­bler. Zu­dem hat sich Schu­berts ri­si­ko­rei­che­res Mo­dell nun auf al­ler­höchs­ter Ebe­ne be­währt: ge­gen die Bay­ern und Pep Guar­dio­la. Es war ei­ne Meis­ter­leis­tung des Teams – und des Trai­ners bis­he­ri­ges Meis­ter­stück. Das muss auch Schu­bert ak­zep­tie­ren.

FOTO: IMAGO

Völ­lig los­ge­las­sen: Fa­bi­an John­son be­ju­belt sei­nen Tref­fer zum 3:0-Zwi­schen­stand.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.