Barm­her­zig­keit – ei­ne Über­for­de­rung

Mor­gen wird Papst Fran­zis­kus in Rom ein neu­es Hei­li­ges Jahr aus­ru­fen – es steht im Zei­chen der Barm­her­zig­keit. Die aber treibt die Men­schen in Zei­ten von Krieg und Ver­trei­bung in Kon­flik­te: Wie rea­lis­tisch ist et­wa ge­leb­te Fein­des­lie­be?

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖDER

ROM Das Gleich­nis liest sich erst wie ei­ne Va­ri­an­te von St. Mar­tin: die Ge­schich­te vom Sa­ma­ri­ter, der sich ei­nem hilf­lo­sen Mann am Stra­ßen­rand zu­wen­det, dem Op­fer ei­ner Ge­walt­tat. Da es an ver­gleich­ba­ren Ge­schich­ten in der Bi­bel nicht man­gelt, könn­te man die­se Be­ge­ben­heit als das Bei­spiel ei­ner gu­ten Tat ab­ha­ken – und wei­ter­ma­chen in un­se­rem All­tag. Ei­nen sol­chen All­tag wird der Sa­ma­ri­ter auch ge­habt ha­ben. Aber nur bis zur Be­geg­nung mit dem Hilf­lo­sen. Mit ihm wur­de al­les an­de­re un­wich­tig, be­lang­los.

Barm­her­zig nennt der Evan­ge­list Lukas die­sen Mann – ei­ne mit dem

Man muss im wahrs­ten Sin­ne über sei­nen ei­ge­nen Schat­ten sprin­gen kön­nen

Sa­ma­ri­ter sprich­wört­lich ge­wor­de­ne Ei­gen­schaft, die jetzt Papst Fran­zis­kus stär­ker in den Blick der Mensch­heit rü­cken will: Mor­gen wird er in Rom die Hei­li­ge Pfor­te an der Pe­ters­kir­che öff­nen und da­mit das Hei­li­ge Jahr der Barm­her­zig­keit aus­ru­fen.

Ei­gent­lich wä­re das nächs­te Hei­li­ge Jahr erst 2025 fäl­lig ge­we­sen. Doch der so ger­ne un­kon­ven­tio­nel­le Pon­ti­fex nimmt das En­de des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils vor ge­nau 50 Jah­ren zum An­lass, die zu­ge­mau­er­te Pfor­te fei­er­lich zu öff­nen. Auch das ist ein Be­kennt­nis: Mit Papst Jo­han­nes XXIII. soll­ten schon da­mals die Fens­ter der Kir­che ge­öff­net und die fri­sche Luft des Geis­tes hin­ein­ge­las­sen wer­den. Die­ser Wunsch ist auch ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter of­fen­kun­dig nicht schwä­cher ge­wor­den.

Folgt jetzt al­so das Jahr lau­ter gu­ter Ta­ten? Mag sein, doch mit Barm­her­zig­keit hat das nichts zu tun. Denn das Gleich­nis vom Sa­ma­ri­ter ist viel re­vo­lu­tio­nä­rer und theo­lo­gisch her­aus­for­dern­der, als man zu­nächst denkt. Be­vor näm­lich dem Op­fer ge­hol­fen wird, ge­hen ein Le­vit und ein Pries­ter acht­los an ihm vor­bei. So ist dann aus­ge­rech­net ein Sa­ma­ri­ter zur Stel­le – ei­ner, der da­mals als ei­ne Art hal­ber Hei­de ver­ach­tet wur­de. Und die Pro­vo­ka­ti­on geht noch wei­ter: Je­sus er­hebt die­sen Sa­ma­ri­ter auch noch zum Vor­bild. „Dann geh und hand­le ge­nau­so!“, sagt er.

Al­ler­hand, was Lukas uns er­zählt. Im Gleich­nis scheint ei­ne Un­ru­he zu ar­bei­ten, die sich bis heu­te nicht ge­legt hat. Und die auch un­se­re Vor­stel­lung von Ge­rech­tig­keit ver­un­si­chert. Auf den Schrei ei­ner nicht mehr ein­zu­lö­sen­den Ge­rech­tig­keit folgt oft der Ruf we­nigs­tens nach Barm­her­zig­keit. An wen rich­tet sich die­se? Die Barm­her­zig­keit, so der frü­he­re Dog­ma­tik-Pro­fes­sor und Ku­ri­en­kar­di­nal Wal­ter Kasper, müs­se „als die Gott ei­ge­ne Ge­rech­tig­keit und als sei­ne Hei­lig­keit ver­stan­den wer­den“. Die so­ge­nann­te un­ver­dien­te Gunst bleibt da­nach Got­tes Ge­heim­nis und be­schreibt sein We- sen. Da­mit über­steigt sie den mensch­li­chen Ver­stand; sie sprengt auch die Lo­gik ei­nes mensch­li­chen Ge­rech­tig­keits­emp­fin­dens. An ih­re Stel­le tritt, so die Theo­lo­gie, Got­tes Ge­rech­tig­keit, das heißt: ei­ne voll­kom­me­ne Ge­rech­tig­keit.

Die Fra­ge, was Barm­her­zig­keit dann ist oder sein könn­te, muss un­be­ant­wor­tet blei­ben. Auf je­den Fall ist sie mehr als nur ei­ne bil­li­ge Gna­de, sie ist auch et­was an­de­res als Mit­leid. Ei­ne Fähr­te hin zum We­sen der Barm­her­zig­keit legt uns sei­ne la­tei­ni­sche Über­set­zung: Sei­nem ur­sprüng­li­chen Wort­sinn nach heißt Mi­se­ri­cor­dia, sein Herz (cor) bei den Ar­men (mi­se­ri) ha­ben. Ei­ne sol­che Auf­ga­be von Dis­tanz be­schreibt jen­seits al­ler An­teil­nah­me die Fä­hig­keit, sich in den an­de­ren hin­ein­zu­ver­set­zen. Die Gren­zen zwi­schen Op­fer und Hel­fer wer­den zu­neh­mend un­scharf.

Das hört sich so­lan­ge nach­voll­zieh­bar an, bis mit ei­nem Rea­li­täts­ab­gleich zwangs­läu­fig Kon­flik­te auf­tau­chen. Kann wirk­lich al­les ver­ge­ben wer­den? Gilt das Er­bar­men oh­ne An­se­hen der Person? Gibt es ein Ver­zei­hen für Ta­ten, die für uns Men­schen un­ver­zeih­lich sind? Wie et­wa Mord oder an­de­re, im wah­ren Sin­ne des Wor­tes him­mel­schrei­en- de Un­recht­sta­ten? „Wie kann ein Gott, der als voll­kom­men ge­recht zu den­ken ist, ge­gen­über den Tä­tern barm­her­zig sein, oh­ne im Akt des Ver­zei­hens den Op­fern Ge­walt an­zu­tun, falls die­se nicht in sei­ne Ver­ge­bung ein­stim­men?“, fragt Kasper.

Die Fra­ge mün­det schließ­lich in die Fra­ge der so­ge­nann­ten Fein­des­lie­be. In der Berg­pre­digt sagt Je­sus: „Liebt eu­re Fein­de und be­tet für die, die euch ver­fol­gen.“Und noch am Kreuz wird er sei­nen Pei­ni­gern ver­ge­ben: „Va­ter, ver­gib ih­nen, sie wis­sen nicht, was sie tun.“Si­cher ist das der Gip­fel von Barm­her­zig­keit. Man­che nen­nen das die schwie­rigs­te For­de­rung Je­su. An­de­re se­hen in der Ver­wirk­li­chung der Fein­des­lie­be ei­ne Uto­pie; ein Ge­bot, das den Men­schen über­for­dern muss.

Die­se Ver­ge­bung setzt vor­aus, sich selbst über­win­den zu kön­nen; sa­lop­per for­mu­liert: Man muss im wahrs­ten Sin­ne über sei­nen ei­ge­nen Schat­ten sprin­gen kön­nen. Ter­ro­ris­ten und ver­ant­wor­tungs­lo­se Kriegs­trei­ber und Dik­ta­to­ren kom­men ei­nem in den Sinn, die es uns un­mög­lich ma­chen, solch barm­her­zi­ges Han­deln in sei­ner gan­zen Kon­se­quenz zu be­den­ken.

Barm­her­zig­keit ist ei­ne ra­di­ka­le Hal­tung. Sie meint ei­ne Art Stell­ver­tre­tungs­exis­tenz Chris­ti, ei­ne Nach­fol­ge sei­nes Le­bens und sei­ner Ta­ten, wie sie Tho­mas von Kem­pen (1380–1471) in sei­nem Mit­tel­al­terBest­sel­ler „Imi­ta­tio Chris­ti“be­schrieb. So spi­ri­tu­ell al­so ist das We­sen des Hei­li­gen Jah­res; und so po­li­tisch – von den Krie­gen vor un­se­rer Haus­tür bis zu den Flücht­lin­gen in un­se­rem Land. Hei­li­ge Jah­re sind im­mer Pil­ger­jah­re. Viel­leicht sind es sol­che Be­we­gun­gen, die die Kir­che und die Men­schen in die­ser Zeit be­son­ders nö­tig ha­ben wer­den.

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