Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Du bist be­stimmt tot“, sag­te sie, und auch das er­for­der­te ein ge­wis­ses Maß an In­ter­pre­ta­ti­on, aber sie mein­te wohl, dass ich nach ei­ner so lan­gen Fahrt an ei­nem so hei­ßen Tag be­stimmt sehr mü­de war.

Ich lös­te den Blick von dem sa­kra­len Ge­mäl­de, das ich im Spie­gel sah, samt al­len Sie­ben Schmer­zen, nahm mei­nen Drink vom Wasch­tisch, dreh­te mich um und schau­te sie di­rekt an. Der Ganz­kör­per­ein­druck war viel welt­li­cher, viel pro­fa­ner, we­gen des Zwei­tei­lers un­ter dem Hand­tuch, ei­nes un­er­hört me­di­ter­ra­nen Teils mit frei­er Sicht auf den Na­bel. Ich trat zu­rück, be­trach­te­te die­se Art Ba­de­an­zug und frag­te mich, war­um er mir vor­hin nicht auf­ge­fal­len war, als ich Ju­dith ans Te­le­fon ge­ru­fen hat­te und sie die Stu­fen zum Son­nen­deck hoch­ge­kom­men war.

„Was ist denn mit dir los?“, frag­te sie, doch ich woll­te ihr nicht sa­gen, dass sie mich ver­blüfft hat­te, und ge­nau­so­we­nig woll­te ich sie fra­gen, ob Mäd­chen auf so et­was zu­rück­grei­fen, um Me­di­zin­stu­den­ten in die Ehe zu lo­cken, al­so kehr­te ich zu dem The­ma zu­rück, das die Ma­don­nen­mie­ne her­vor­ge­ru­fen hat­te. „Siehst du ir­gend­wo Bla­sen?“Wie­der die­se Mie­ne, oder zu­min­dest ein An­flug da­von, und wäh­rend Ju­dith mich in­spi­zier­te, er­zähl­te ich ihr, wie mein Tag ver­lau­fen war – mein flucht­ar­ti­ger Auf­bruch, die un­glaub­li­che Hit­ze auf dem High­way, schlim­mer als wir sie je zu­sam­men erlebt hat­ten, und ich im of­fe­nen Ri­ley der sen­gen­den Son­ne aus­ge­setzt. So ein Tag, nein, ei­ne Feu­er­pro­be von an­dert­halb Ta­gen, oh­ne ei­nen ein­zi­gen Zwi­schen­stopp (hör­te ich mich sa­gen) in ei­ner ein­zi­gen Bar, kei­ne Ab­schwei­fung, kei- ne Pau­se, nur die­ser be­schwer­li­che Marsch nach Mek­ka durch Be­dui­n­en­ge­biet. Und jetzt: Mek­ka.

„Wahr­schein­lich kom­men die Bla­sen erst mor­gen“, sag­te sie, als hät­te sie mei­nen Be­richt vor lau­ter In­spi­zie­ren gar nicht ge­hört. Dann trat sie ei­nen klei­nen Schritt zu­rück, und ich sah, wie sie die Na­sen­flü­gel be­weg­te, als rö­che sie et­was, könn­te es aber nicht auf An­hieb iden­ti­fi­zie­ren.

„Hast du wirk­lich schon zu Abend ge­ges­sen?“, frag­te sie, wor­an ich er­kann­te, dass die Iden­ti­fi­ka­ti­on Co­gnac er­ge­ben hat­te – es war das Glei­che wie bei mei­ner Groß­mut­ter, die­ser frau­li­che Übe­rei­fer, mit dem mir die An­nehm­lich­kei­ten von Heim und Herd auf­ge­drängt wur­den, Le­cker­bis­sen aus dem Kühl­schrank, ge­mäs­te­ter Och­se, jeg­li­che An­nehm­lich­keit au­ßer der ei­nen, oder viel­leicht den zwei­en, die ich woll­te.

Ich sog den Ge­ruch mei­nes Co­gnacs ein, trank ei­nen Schluck und sag­te ihr noch ein­mal, ich hät­te schon ge­ges­sen.

„Aber wie denn, wenn du nir­gends an­ge­hal­ten hast?“

„Ich weiß nicht“, sag­te ich. „Wenn du mich so di­rekt fragst, weiß ich es auch nicht.“

Ich schnup­per­te noch ein­mal, trank noch ein­mal und sag­te, es ge­be vie­les, was ich nicht wis­se, zum Bei­spiel, war­um Frau­en so sein müss­ten, wie sie of­fen­bar wa­ren, dass sie näm­lich stän­dig an­de­re Men­schen da­zu brin­gen woll­ten, et­was zu es­sen oder mit je­man­dem zu te­le­fo­nie­ren oder et­was auf ih­ren Son­nen­brand zu schmie­ren. Und im Win­ter ei­nen Man­tel an­zu­zie­hen.

„Wahr­schein­lich gibt es ir­gend­wo ei­ne Ehe­frau­en­schu­le“, sag­te ich, „aber da musst du nicht hin.“

Jetzt fühl­te ich mich bes­ser, und ich über­prüf­te mit ei­nem kur­zen Sei­ten­blick, ob sie sich schlech­ter fühl­te, aber das war schwer zu sa­gen. Sie sah sehr ru­hig und nach­denk­lich aus, und nach ei­ner Wei­le gab sie mir ei­ne Ant­wort. Wie­der ei­ne ziem­lich gu­te.

„Kein schlech­tes Pro­gramm – Tr­üb­sal bla­sen und Bla­sen krie­gen. Viel Spaß da­bei.“„Dan­ke, den werd ich ha­ben.“„Und ja nichts es­sen. Nur trin­ken.“

Ge­nau, dach­te ich, schmier’s mir nur aufs Brot. Es ist das Kenn­zei­chen bra­ver Frau­en, dass ih­nen das Trin­ken Sor­ge be­rei­tet – das Trin­ken an­de­rer Leu­te. Und ich wuss­te auch, war­um. Weil Al­ko­hol die Wahr­heit zu­ta­ge för­dert, und die Wahr­heit ist et­was, was bra­ve Frau­en nicht hö­ren wol­len. Sie macht ih­nen Angst. Sie wol­len nur Kli­schees hö­ren: Wie schön es ist, wie­der zu Hau­se zu sein, und wie auf­re­gend dies­mal noch da­zu, mit ei­ner Hoch­zeit als Dr­ein­ga­be zu dem freu­di­gen Wie­der­se­hen, und dürf­te ich bit­te mal in die Hoff­nungs-Schatz­kis­te lin­sen, in die gu­te al­te Büch­se der Pan­do­ra? Das ist es, was sie wol­len – mei­ne Schwes­ter ge­nau­so sehr wie die er­ge­bens­te Ehe­frau.

Ich such­te nach ei­ner mög­lichst deut­li­chen Ant­wort, et­was rich­tig Lie­bens­wür­dig-Ge­mei­nem, doch sie kam mir mit et­was zu­vor, was ich nicht recht ein­ord­nen konn­te.

„Es ist mir egal, was du tust. Ich bin froh, dass du da bist.“

Sie schau­te mich di­rekt an, wäh­rend sie das sag­te, und dann senk­te sie den Blick. Froh sah sie nicht aus, egal was sie be­haup­te­te, aber auch nicht trau­rig. Mit ih­rem Ge­sicht ge­schah et­was, was sehr in­ter­es­sant zu be­ob­ach­ten war. Die Ma­don­nen­mie­ne war da­hin, die Sor­ge ver- schwun­den, und wäh­rend ich ihr zu­sah, be­griff ich, was da ab­lief – sie be­gann wie­der aus­zu­se­hen wie ich, so wie es sich ge­hör­te. Ich spür­te die Ve­rän­de­rung, wäh­rend sie er­folg­te, und sah, wie Ju­dy sie mit ei­ner – sehr ent­schie­de­nen – Ges­te voll­ende­te: Sie pack­te den Rand des Strand­tuchs, zog es sich vom Hals, ließ es ei­nen Mo­ment lang hän­gen und schleu­der­te es sich dann über die Schul­ter wie ein Sol­dat sei­nen Man­tel. Als Be­we­gung oder viel­mehr Cho­reo­gra­phie be­wies das Stil und Sou­ve­rä­ni­tät, und ich fühl­te mich wie­der­her­ge­stellt, als ich es sah, doch zu­gleich auch ver­lo­ren und et­was schwind­lig, bis ich spür­te, wie sie mir das Glas aus der Hand nahm, und sah, wie sie es an­setz­te und ei­nen ziem­lich üp­pi­gen Schluck nahm. Wirk­lich ei­nen ziem­lich üp­pi­gen.

„Be­dien dich, nur kei­ne Scheu“, sag­te ich. „Ver­trink un­ser Haus und Hof.“

„Klingt gut“, sag­te sie mit ei­ner Stim­me, die sich völ­lig von der un­ter­schied, mit der sie mich ge­fragt hat­te, ob ich schon ge­ges­sen hät­te. „Klingt sehr an­nehm­bar“, und dann trank sie er­neut, dies­mal eher ge­mä­ßigt, und gab mir mein Glas zu­rück, das nicht ganz leer war. Aber fast.

„Was klingt gut? Haus und Hof ver­trin­ken?“

„Nicht, wo du ge­ra­de erst dort an­ge­langt bist. Wor­über ich, wie ge­sagt, froh bin.“– Sie stieß ei­nen re­si­gniert klin­gen­den Seuf­zer aus, der von ih­ren Fer­sen em­por­zu­stei­gen schien, sehr auf­rich­tig, und sag­te: „Du bist so –“, sie hielt in­ne, fuhr dann fort, tas­te­te sich beim Re­den vor. (Fort­set­zung folgt)

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