„Wir wer­den den IS zer­stö­ren“

Die An­schlä­ge in Pa­ris und das jüngs­te Blut­bad in Ka­li­for­ni­en ha­ben die Ame­ri­ka­ner auf­ge­schreckt. Kri­ti­ker las­ten dem US-Prä­si­den­ten Schwä­che im Kampf ge­gen den Ter­ro­ris­mus an. Doch Ba­rack Oba­ma geht in die Of­fen­si­ve.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON FRANK HERR­MANN

WA­SHING­TON Es hat Sel­ten­heits­wert, dass sich ein ame­ri­ka­ni­scher Prä­si­dent di­rekt vom Oval Of­fice aus an sei­ne Lands­leu­te wen­det. In ei­ner Ku­lis­se, die be­stimmt wird vom prä­si­dia­len Schreib­tisch, ge­fer­tigt aus dem Holz ei­nes bri­ti­schen For­schungs­schiffs na­mens „Re­so­lu­te“, je­nem Kunst­werk, das die frü­he­re Ko­lo­ni­al­macht dem auf­stre­ben­den Rie­sen USA am En­de des 19. Jahr­hun­derts ver­mach­te. Ba­rack Ba­rack Oba­ma

US-Prä­si­dent Oba­ma hat in sie­ben Amts­jah­ren erst zwei­mal von dort zur Na­ti­on ge­spro­chen, das ers­te Mal im Früh­jahr 2010 nach der Ex­plo­si­on ei­ner Öl­bohr­platt­form im Golf von Me­xi­ko, das zwei­te Mal we­ni­ge Mo­na­te dar­auf, um das En­de der Kampf­ein­sät­ze im Irak zu ver­kün­den. Am Sonn­tag­abend stell­te er sich zur bes­ten Sen­de­zeit an ein Pult vor dem be­rühm­ten Tisch, um nach den Schüs­sen ei­nes ter­ro­ris­ti­schen Ehe­paars im ka­li­for­ni­schen San Ber­nar­di­no die Ner­ven zu be­ru­hi­gen.

Die Ter­ror­ge­fahr sei re­al, sagt er, doch man wer­de sie über­win­den. Man wer­de Isil, wie er den Is­la­mi­schen Staat ab­ge­kürzt nennt, eben­so zer­stö­ren wie je­de an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, die dem Land zu scha­den ver­su­che. „Un­ser Er­folg wird nicht auf har­ter Rhe­to­rik be­ru­hen oder dar­auf, dass wir un­se­re Wer­te preis­ge­ben oder der Angst er­lie­gen. Das ist ge­nau das, wor­auf Grup­pen wie Isil hof­fen. Viel­mehr wer­den wir uns durch­set­zen, in­dem wir stark und klug, ro­bust und aus­dau­ernd sind.“

Mal klingt Oba­ma wie Fran­klin D. Roo­se­velt, der 1933 im Stru­del der Welt­wirt­schafts­kri­se von der Angst sprach, die das Ein­zi­ge sei, wo­vor man Angst ha­ben müs­se. „Lasst uns nicht ver­ges­sen, dass die Frei­heit mäch­ti­ger ist als die Furcht“, sagt Oba­ma und warnt da­vor, in die ISFal­le zu tap­pen und den Kampf ge­gen den Ter­ror als Krieg zwi­schen Ame­ri­ka und dem Is­lam zu de­fi­nie­ren. „Isil spricht nicht für den Is­lam. Das sind Gangs­ter und Kil­ler, Tei­le ei­nes To­des­kults.“Mal setzt er sich aus­ein­an­der mit re­pu­bli­ka­ni­schen Fal­ken, die der Ent­sen­dung von Bo­den­trup­pen nach Sy­ri­en das Wort re­den. Auch dies wä­re ex­akt das, was der IS an­stre­be, warnt er. „Sie wis­sen, sie kön­nen uns auf dem Schlacht­feld nicht be­sie­gen. Sie wis- sen aber auch, sie kön­nen Auf­stän­de auf Jah­re durch­hal­ten, wenn wir frem­des Land ok­ku­pie­ren, sie kön­nen Tau­sen­de un­se­rer Sol­da­ten tö­ten und un­se­re Prä­senz nut­zen, um neue Re­kru­ten zu wer­ben.“

Oba­ma probt den Spa­gat. Ei­ner­seits will er deut­lich ma­chen, dass er an sei­ner Stra­te­gie im We­sent­li­chen nichts än­dert, weil er kei­ne ver­nünf­ti­ge Al­ter­na­ti­ve zum Kon­zept des lan­gen Atems sieht. Luft­schlä­ge, ein Mi­ni­kon­tin­gent an Spe­zi­al­ein­hei­ten, ge­dul­di­ges Ko­ope­rie­ren mit lo­ka­len Kräf­ten im Irak und in Sy­ri­en: Die Eck­punk­te blei­ben un­ver­än­dert. An­de­rer­seits muss er der akut ver­un­si­cher­ten Wäh­ler­schaft das Ge­fühl ver­mit­teln, dass er ih­re Ängs­te ver­steht und die Ge­fahr nicht un­ter­schätzt. Ge­ra­de er, der den IS einst als B-Team cha­rak­te­ri­sier­te, des­sen Am­bi­tio­nen sich an­geb­lich auf den Na­hen Os­ten be­schrän­ken und den man nicht ver­glei­chen kön­ne mit ei­nem glo­bal ope­rie­ren­den Ter­ror­netz­werk wie Al Kai­da.

Wie an­ge­grif­fen das kol­lek­ti­ve Ner­ven­kos­tüm ist, il­lus­triert ei­ne ak­tu­el­le Um­fra­ge des Fern­seh­sen­ders CBS, wo­nach 63 Pro­zent der Ame­ri­ka­ner da­für plä­die­ren, Bo­den­trup­pen nach Sy­ri­en und in den Irak zu schi­cken, um das IS-Ka­li­fat in die Knie zwin­gen. Noch vor zwei, drei Mo­na­ten wä­ren sol­che Zah­len un­denk­bar ge­we­sen. Erst mit Pa­ris, dann mit San Ber­nar­di­no ist die Stim­mung ge­kippt. Do­nald Trump, der rechts­po­pu­lis­ti­sche Bau­un­ter­neh­mer, stellt mit ge­wis­ser Ge­nug­tu­ung fest, dass je­de Kri­sen­si­tua­ti­on sei­ne Um­fra­ge­wer­te er­neut nach oben schnel­len las­se. Ted Cruz, ein Tea-Par­ty-na­her Se­na­tor aus Te­xas, der sich Chan­cen auf die Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur der Re­pu­bli­ka­ner aus­rech­net, be­dient sich ei­ner Rhe­to­rik, die an Ram­bo-Fil­me er­in­nert. Al­len Erns­tes schlägt er vor, das IS-Ka­li­fat in der sy­ri­schen Wüs­te so in­ten­siv zu bom­bar­die­ren, „dass dort der Sand glüht“.

Trump wie­der­um hat be­reits nach den Pa­ri­ser An­schlä­gen laut dar­über nach­ge­dacht, die über sechs Mil­lio­nen Mus­li­me der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in ei­ner spe­zi­el­len Da­ten­bank zu er­fas­sen. Mus­li­me an­ders zu be­han­deln als die üb­ri­gen Ame­ri­ka­ner, das leh­ne er ent­schie­den ab, ent­geg­net Oba­ma im Oval Of­fice. Ein sol­cher Ver­rat am Grün­dungs­cre­do der Re­pu­blik wür­de nur Grup­pen wie dem IS in die Hän­de spie­len: „Wenn wir uns auf die­se Stra­ße be­ge­ben, ver­lie­ren wir.“Oba­ma rief die mus­li­mi­schen Füh­rer in­des welt­weit da­zu auf, ge­mein­sam ge­gen den Miss­brauch ih­rer Re­li­gi­on auf­zu­ste­hen.

„Der Is­la­mi­sche Staat spricht nicht für

den Is­lam“

FOTO: DPA

US-Prä­si­dent Oba­ma hält im Oval Of­fice an­läss­lich der An­schlä­ge in San Ber­nar­di­no ei­ne Re­de an die Na­ti­on.

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