Mit Al­ad­din in die Schatz­kam­mer

Mit der neu­en Pro­duk­ti­on könn­te Sta­ge En­ter­tain­ment nach ei­ni­gen Plei­ten im Musical-Ge­schäft wie­der Er­folg ha­ben.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON CHRIS­TOPH FORSTHOFF

HAM­BURG Drei Wün­sche frei zu ha­ben wie sein jüngs­ter Musical-Held „Al­ad­din“in Ham­burg: Selbst ein Jo­op van den En­de hät­te die­ses An­ge­bot des Dschin­ni, je­nes be­rühm­ten Geis­tes aus der Wun­der­lam­pe, kaum aus­ge­schla­gen. Nicht, dass es der 73-Jäh­ri­ge nach Ver­kauf sei­ner An­tei­le an der nie­der­län­di­schen TVPro­duk­ti­ons­fir­ma En­demol vor bald zwei Jahr­zehn­ten fi­nan­zi­ell noch nö­tig hät­te: Als Mil­li­ar­där hat er per­sön­lich aus­ge­sorgt. Doch mit sei­ner gro­ßen Lie­be, dem Musical-Ge­schäft sei­ner Sta­ge En­ter­tain­ment (SE), will es nicht recht vor­an­ge­hen: In­ter­na­tio­nal er­wirt­schaf­te­te der Kon­zern zu­letzt ei­nen Um­satz von rund 500 Mil­lio­nen Eu­ro, in

Dis­ney ach­tet ge­nau

dar­auf, dass die Auf­füh­run­gen nah an der Ver­si­on vom Broad­way lie­gen

Deutsch­land – dem Haupt­stand­bein mit zwölf Thea­tern – wa­ren es im Ge­schäfts­jahr 2014/15 rund 333 Mil­lio­nen Eu­ro. Grö­ßen­ord­nun­gen, in de­nen sich der Um­satz be­reits vor ei­nem Jahr­zehnt be­weg­te – da­bei sind seit­her die Ti­cket­prei­se dras­tisch in die Hö­he ge­schnellt.

Da mag auch ein Ge­schäfts­mann wie van den En­de ins Träu­men ge­kom­men sein, als der Hol­län­der bei der Pre­mie­re im Sta­ge Thea­ter Neue Flo­ra in die von Edel­stei­nen und Gold blit­zen­de und fun­keln­de, glän­zen­de und glei­ßen­de Büh­nen­höh­le blick­te: Ei­ne wah­re Schatz­kam­mer er­öff­ne­te sich den Be­su­chern. Und das nicht nur in punc­to Aus­stat­tung. Denn die be­rühm­te Ge­schich­te vom Stra­ßen­dieb Al­ad­din, der in der Stadt Agra­bah auf die Prin­zes­sin Jasmin trifft und sie – Dank sei­nes gro­ßen Her­zens und den Zau­ber­kräf­ten des Wun­der­lam­pen-Geis­tes Dschin­ni – nach al­ler­lei Aben­teu­ern am En­de hei­ra­tet, hat auch sonst das Zeug zum Hit. Weil Pro­du­zent Tho­mas Schu­ma­cher um die Ele­men­te weiß, die ein Musical so rich­tig (auf)le­ben las­sen: Rhyth­mus, Tanz und Be­we­gung. Zwei­ein­halb tem­po­reich und schmis­sig in­sze­nier­te St­un­den vol­ler Far­ben­pracht, Stepp­schrit­ten und Py­ro­tech­nik – und dass der flie­gen­de Tep­pich vor ei­nem nächt­li­chen Ster­nen­him­mel tat­säch­lich über die Büh­ne schwebt, sorgt nicht nur bei den jüngs­ten Be­su­chern für Be­geis­te­rung.

Nach man­cher Plei­te in der Ver­gan­gen­heit („Schuh des Ma­ni­tu“, „Ti­ta­nic“) und hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück­ge­blie­be­nen Pro­duk­tio­nen wie „Ich war noch nie­mals in New York“könn­te sich das Dis­ney­Stück „Al­ad­din“zu ei­nem ähn­lich er­trag­rei­chen Hit ent­wi­ckeln wie „Der Kö­nig der Lö­wen“: Bei­den liegt ein Ki­no-Block­bus­ter zu­grun­de, bei­de sind fa­mi­li­en­taug­lich. Of­fen­bar ein Er­folgs­re­zept, das bei der Pre­mie­re auch Ivo Lur­vink auf- merk­sam ver­folgt ha­ben dürf­te: Der Hol­län­der ist ei­ner der Part­ner bei CVC Ca­pi­tal – ei­nem Fi­nanz­in­ves­tor, der vor kur­zem 60 Pro­zent des SE-An­teils von Un­ter­neh­mens­grün­der van den En­de über­nom­men hat. Über 70 Mil­li­ar­den Dol­lar schwer ist das in Lu­xem­burg be­hei­ma­te­te Un­ter­neh­men und zählt zu je­nen „Heu­schre­cken“, über die der da­ma­li­ge SE-Ge­schäfts­füh­rer Jo­han­nes Mock-O’Ha­ra noch vor ein paar Jah­ren sag­te: „Es ist ein gro­ßer Vor­teil, dass wir nicht an der Bör­se no­tiert sind und kei­ne Pri­va­te-Equi­ty­Ge­sell­schaf­ter ha­ben.“

Wohl wis­send, dass es die­sen kaum um Kul­tur, son­dern al­lein um Ri­si­ko­mi­ni­mie­rung und Ge­winn­ma­xi­mie­rung geht. „Pri­va­te Equi­ty­In­ves­to­ren re­gie­ren knall­hart durch und trim­men ih­re Be­tei­li­gun­gen auf Pro­fit – um die­se dann nach ein paar Jah­ren wie­der mit Ge­winn zu ver­kau­fen“, sagt ein Ken­ner der Sze­ne. Ein Ge­schäfts­ge­ba­ren, das nicht zu van den En­des pro­pa­gier­ter Musical-Lei­den­schaft pas­sen will. Doch die Zei­ten än­dern sich für den Musical-Ty­coon – müs­sen sich än­dern. Denn der wirt­schaft­li­che Still­stand der SE kann selbst ei­nen Mil­li­ar­där auf Dau­er kaum zu­frie­den­stel­len. Und da der wich­ti­ge deut­sche Markt of­fen­bar kei­ne Wachs­tums­chan­cen mehr bie­tet – „Der Markt hat in­zwi­schen ei­ne Sät­ti­gungs­gren­ze er­reicht“, sagt nicht al­lein Jür­gen Schmu­de, Pro­fes­sor für Wirt­schafts­geo­gra­phie und Tou­ris­mus­for­schung – bleibt nur ei­ne wei­te­re in­ter­na­tio­na­le Ex­pan­si­on.

Hier kommt ne­ben CVC Ca­pi­tal Part­ners der welt­größ­te Un­ter­hal­tungs­kon­zern ins Spiel: Dis­ney, be­reits jetzt Li­zenz­ge­ber für die SEPro­duk­tio­nen „Al­ad­din“und „Kö­nig der Lö­wen“. Pein­lich ge­nau ach­ten die US-Ame­ri­ka­ner dar­auf, dass ih­re Vor­ga­ben er­füllt wer­den, Auf­füh­run­gen nah an der Ur-Ver­si­on vom Broad­way lie­gen. Was für die Li­zenz­neh­mer den Vor­teil hat, dass sie ein Er­folgs­re­zept über­neh­men und – wie in Ham­burg – auch mu­si­ka­lisch dar­auf set­zen kön­nen, dass die zwar nicht son­der­lich ori­gi­nel­len me­lo­di­schen Ein­fäl­le Alan Men­kens doch trag­fä­hig ge­nug sind für die tem­po­rei­che Show und mär­chen­haf­te Büh­nen­stim­mung.

Ei­ne Ga­ran­tie, die sich Dis­ney wie an­de­re Li­zenz­ge­ber teu­er be­zah­len las­sen: Bis zu 25 Pro­zent der Ein­spie­l­er­lö­se sind üb­lich. Ei­ne statt­li­che Sum­me, die ein Li­zenz­neh­mer wie die Sta­ge erst ein­mal er­spie­len muss. Was Ge­rüch­ten neue Nah­rung gibt, die seit län­ge­rem kur­sie­ren: Dass Dis­ney bei der SE ein­steigt und van den En­de die ver­blie­be­nen 40 Pro­zent ab­kauft – um in ein paar Jah­ren auch die CVC-An­tei­le zu über­neh­men. Denn für die USA­me­ri­ka­ner ist das Ge­schäft mit den Emo­tio­nen selbst oh­ne Al­addins Schatz­kam­mer und den Wun­sch­Er­fül­ler Dschin­ni loh­nend: Schließ­lich hal­ten sie an zahl­rei­chen Er­folgs­mu­si­cals die Li­zen­zen.

FOTO: STA­GE EN­TER­TAIN­MENT, DEEN VAN MEER

In der Wun­der­lam­pe von Al­ad­din (Richard-Sal­va­dor Wolff ) ver­steckt sich der Geist Dschin­ni.

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