Ja­pan ver­söhnt sich mit sei­nem Mi­li­tär

Na­tur­ka­ta­stro­phen und un­heim­li­che Nach­barn sor­gen da­für, dass sich das bis­her eher ge­rin­ge An­se­hen der Streit­kräf­te ver­bes­sert.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WEITSICHT - VON HEL­MUT MI­CHE­LIS

TO­KIO Der graue Rie­se im Ha­fen von Yo­ko­suka in der Bucht von To­kio ist der neue Stolz von Ja­pans Ma­ri­ne und de­ren größ­tes Kriegs­schiff seit dem Zwei­ten Welt­krieg: Die 248 Me­ter lan­ge „Izu­mo“ist ei­ne in­tel­li­gen­te Kom­bi­na­ti­on aus Hub­schrau­ber­trä­ger, schwim­men­der Kom­man­do­zen­tra­le, Tan­ker, Ver­sor­ger so­wie La­za­rett- und Lan­dungs­schiff. Aus ja­pa­ni­scher Sicht ent­hält die­se Be­schrei­bung aber gleich drei gra­vie­ren­de Feh­ler: Ei­ne ja­pa­ni­sche Ma­ri­ne mit Kriegs­schif­fen exis­tiert of­fi­zi­ell gar nicht; die nur mit Flug­ab­wehr­ra­ke­ten zum Selbst­schutz be­waff­ne­te und 55 km/h schnel­le „Izu­mo“, die ein Lan­de­deck in der Grö­ße von um­ge­rech­net zwei­ein­halb Fuß­ball­fel­dern be­sitzt, ist le­dig­lich ein „Ge­leit­schiff der Mee­resSelbst­ver­tei­di­gungs­kräf­te“.

Die­se vor­sich­ti­ge Wort­wahl geht zu­rück auf den Zwei­ten Welt­krieg: Der zwei­te Ab­satz des Ar­ti­kels neun der Ver­fas­sung ver­bie­tet Ja­pan seit­dem die Auf­stel­lung von Trup­pen. Das al­ler­dings wur­de – vor al­lem auf ame­ri­ka­ni­schen Druck hin – schnell sehr groß­zü­gig aus­ge­legt: Strikt de­fen­siv aus­ge­rich­te­te Selbst­ver­tei­di­gungs­kräf­te sind dem­nach doch er­laubt. Sie gibt es, zeit­lich fast par­al­lel mit der Grün­dung der deut­schen Bun­des­wehr, be­reits seit 1954. Sehr ähn­lich wa­ren auch die hef­ti­gen Pro­tes­te der Be­völ­ke­rung ge­gen die­se Wie­der­be­waff­nung und de­ren po­li­ti­sche Be­grün­dung: die mi­li­tä­ri­sche Be­dro­hung durch ag­gres­si­ve kom­mu­nis­ti­sche Staa­ten.

Wie sich die deut­sche Si­cher­heits­po­li­tik nach En­de des Kal­ten Krie­ges ver­än­dern muss­te, so wird auch Ja­pan in­zwi­schen zu­neh­mend von der rau­en Rea­li­tät ein­ge­holt; im Sep­tem­ber be­schloss die Re­gie­rung da­her ein neu­es Si­cher­heits­ge­setz. Denn die Kräf­te­ver­hält­nis­se ver­schie­ben sich: Chi­na rüs­tet mas­siv auf – der Wehr­etat hat sich in zehn Jah­ren na­he­zu ver­vier­facht – und schafft Fak­ten durch die Be­set­zung von Ter­ri­to­ri­en, um die sich bei­de Staa­ten be­reits seit Kriegs­en­de strei­ten. Die un­kal­ku­lier­ba­re Dik­ta­tur Nord­ko­rea droht im­mer glaub­wür­di­ger mit der Atom­bom­be. Und Streit um et­li­che wei­te­re In­seln gibt es auch mit Russ­land und so­gar mit Süd­ko­rea.

Die „Izu­mo“ist in der Re­kord­zeit von drei Jah­ren ge­baut und so­eben in Di­enst ge­stellt wor­den. „Man könn­te an­ge­sichts die­ser Schnel­lig­keit mei­nen, es stün­de ein Krieg be­vor“, sag­te ein Of­fi­zier beim Rund­gang durch das Schiff, was wohl eher au­gen­zwin­kernd ge­meint ist. Doch al­le si­cher­heits­po­li­ti­schen Ex­per­ten in Ja­pan bli­cken tief be­sorgt in die Zu­kunft: Die Zei­chen stün­den auf Sturm. Es gel­te tat­säch­lich, ei­nen Krieg in Asi­en zu ver­hin­dern. „Wir kön­nen nicht um­zie­hen“, sagt Ta­ka­hi­ro Shin­yo, bis 2011 Bot­schaf­ter in Deutsch­land. „Wir müs­sen mit die­sen Nach­bar­län­dern fried­lich zu­sam­men­le­ben.“Deutsch­land, nach dem Mau­er­fall nur noch von Freun­den um­ge­ben, mit de­nen man die glei­chen Wer­te tei­le und die den Zwei­ten Welt­krieg in­zwi­schen ver­zie­hen hät­ten, sei da in ei­ner deut­lich bes­se­ren Si­tua­ti­on.

„Es geht mehr und mehr um die Geo­po­li­tik. Der In­sel­staat Ja­pan brau­che die Frei­heit der Mee­re, Chi­na be­trei­be auch auf See ei­ne lan­d­ori­en­tier­te Aus­deh­nung. „Es nutzt die Pro­ble­ma­tik der Ver­gan­gen- heits­be­wäl­ti­gung sehr in­ten­siv, um Ja­pans wirt­schaft­li­che Vor­macht zu un­ter­mi­nie­ren. Das ge­schieht lei­der auch ko­or­di­niert mit Süd­ko­rea – ei­ne sehr schwie­ri­ge Si­tua­ti­on.“Wohl nicht um­sonst zeigt das Wap­pen der „Izu­mo“ein Schwert, das ei­nen acht­köp­fi­gen ro­ten Dra­chen in Schach hält.

„Ak­ti­ven Pa­zi­fis­mus“nennt ExVer­tei­di­gungs­mi­nis­ter Sa­to­shi Mo­ri­mo­to den neu­en Weg, den Pre­mier Shin­zo Abe vor we­ni­gen Wo­chen durch­ge­setzt hat. „Al­lein ei­ne glaub­wür­di­ge Ab­schre­ckung ist die Grund­la­ge der Si­cher­heits­po­li­tik Ja­pans.“Der neue Kurs klingt für deut­sche Oh­ren eher harm­los: Künf­tig dür­fen zum Bei­spiel ja­pa­ni­sche Sol­da­ten in UN-Frie­dens­ein­sät­zen ih­ren aus­län­di­schen Ka­me­ra­den zur Hil­fe kom­men, wenn die­se an­ge­grif­fen wer­den, sie dür­fen ja­pa­ni­sche Bür­ger eva­ku­ie­ren, die im Aus­land in Ge­fahr ge­ra­ten, und sie dür­fen US-Kriegs­schif­fe be­tan­ken – all dies war dem ja­pa­ni­schen Mi­li­tär bis­lang ver­bo­ten. Die ent­schei­den­de Än­de­rung lau­tet: Ja­pan darf jetzt – so die For­mu­lie­rung – „ei­ner an­de­ren eng ver­bun­de­nen Na­ti­on zur Hil­fe kom­men, wenn sie an­ge­grif­fen wird und dies auch die Exis­tenz Ja­pans be­droht“.

Das zielt auf den gro­ßen Be­schüt­zer Ame­ri­ka, der sei­nen mi­li­tä­ri­schen Schwer­punkt 2011 nach Asi­en ver­legt hat. „Die USA wol­len mi­li­tä­risch nicht mehr al­les al­lein ma­chen. Ja­pan ist be­reit, die zu­sätz­li­che Last zu schul­tern“, er­läu­tert Shin­yo. „Ein Ein­satz wie der der Bun­des­wehr in Af­gha­nis­tan ist trotz die­ser Än­de­run­gen aber wei­ter­hin nicht denk­bar.“Ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Bun­des­wehr und Na­to lehnt Shin­yo grund­sätz­lich ab: Das kön­ne das fal­sche Si­gnal sein. „Ja­pan soll­te nicht den Ein­druck er­we­cken, dass es Chi­na ein­krei­sen will. Da ist äu­ßers­te Vor­sicht ge­bo­ten.“

Der Wi­der­stand in der Be­völ­ke­rung ge­gen die Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Ver­fas­sung und das neue Si­cher­heits­ge­setz sei ge­ring, meint Ku­ni Miya­ke vom Ca­non-For­schungs­in­sti­tut für glo­ba­le Stu­di­en. Hun­dert­tau­sen­de sei­en 1960 und 1970 auf die Stra­ße ge­gan­gen, um ge­gen ei­ne Auf­rüs­tung Ja­pans zu de­mons­trie­ren. „Jetzt las­sen sich ma­xi­mal noch 33.000 Men­schen mo­bi- li­sie­ren, die meis­ten von ih­nen sind äl­ter als 65 Jah­re.“Ei­ne schwei­gen­de Mehr­heit ge­gen die Si­cher­heits­po­li­tik Ja­pans ge­be es nicht mehr. Das sieht auch Shin­yo so: „Der Wi­der­stand der Be­völ­ke­rung ist mä­ßig.“Als Ja­pan erst­mals an ei­ner Blau­helm-Mis­si­on teil­nahm, ha­be es ge­hei­ßen: „Ja­pan zieht in den Krieg. 20 Jah­re spä­ter ist klar: Das war ei­ne un­nö­ti­ge Angst.“

Die zu­neh­men­de Be­un­ru­hi­gung über die un­heim­li­chen Nach­barn und die Drei­fach-Ka­ta­stro­phe mit Erd­be­ben, Tsu­na­mi und Re­ak­torKol­laps vom März 2011 ha­ben in Ja­pan zu ei­nem Um­den­ken ge­führt. Das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ist stolz dar­auf, da­mals mehr als 27.000 Men­schen ge­ret­tet zu ha­ben. Mit 107.000 Mann war fast die Hälf­te der ge­sam­ten Ar­mee im Ein­satz. Das Mi­li­tär, im öf­fent­li­chen Le­ben frü­her ei­ne eher an­ony­me und stark um­strit­te­ne Ein­rich­tung, ge­nießt seit­dem Re­spekt.

Auch beim Be­such der Mi­li­tär­aka­de­mie in Yo­ko­suka wird die­ser Wan­del deut­lich: „Ich stam­me aus dem Ka­ta­stro­phen­ge­biet von Miya­gi und ha­be dort als eh­ren­amt­li­cher Hel­fer mit ja­pa­ni­schen und ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Das hat mich sehr be­ein­druckt“, sag­te Ka­dett Yu­t­a­ka Ta­ka­ha­shi (21). Des­halb tra­ge er jetzt eben­falls Uni­form. „Ich ha­be eben­falls In­ter­es­se am Ka­ta­stro­phen­schutz und wür­de au­ßer­dem gern im Rah­men der UN-Frie­dens­trup­pe an Aus­lands­ein­sät­zen teil­neh­men“, er­gänz­te sein gleich­alt­ri­ger Ka­me­rad Sei­ha Ma­e­za­wa aus Na­ga­no.

In Sa­chen Si­cher­heit blickt Ja­pan in­ter­es­siert auf Eu­ro­pa: Wie die Na­to auf die Ag­gres­si­ons­po­li­tik des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin in der Ukrai­ne re­agiert, ob die EU stand­haft bleibt bei Sank­tio­nen, das könn­te Aus­wir­kun­gen ha­ben auf das Vor­ge­hen Chi­nas, ver­mu­ten Ex­per­ten in To­kio. „Der rus­si­sche Bär und der chi­ne­si­sche Dra­che sind zu­rück auf der welt­po­li­ti­schen Büh­ne“, warnt Ku­ni Miya­ke. „Wir müs­sen sie ab­schre­cken und des­halb vor­be­rei­tet sein auf ih­ren An­griff.“Pu­tin ha­be sich ver­schätzt, so sei­ne Mei­nung, er ha­be we­gen der Be­set­zung der Krim und der Ope­ra­tio­nen in der Ost-Ukrai­ne nur schwa­chen Pro­test er­war­tet. „Ver­stän­di­gung ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße“, be­tont Ta­ka­hi­ro Shin­yo mit Blick auf die Nach­barn Ja­pans. „Eu­ro­pa könn­te uns di­plo­ma­tisch be­hilf­lich sein. Deutsch­land und Frank­reich ha­ben ei­ne Bot­schaft: Aus­söh­nung ist mög­lich, und sie bringt für al­le Vor­tei­le.“

„Ak­ti­ven Pa­zi­fis­mus“

nennt Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Sa­to­shi Mo­ri­mo­to den neu­en

Kurs Ja­pans

FOTO: MI­CHE­LIS

Sie ste­hen stell­ver­tre­tend für ein neu­es Image des ja­pa­ni­schen Mi­li­tärs: Vier der 2000 Ka­det­ten, die für je­weils vier Jah­re an der Na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­aka­de­mie in Yo­ko­suka stu­die­ren (v.l.): Yas­uhi­de Sho­rou­chi, Yu­t­a­ka Ta­ka­ha­shi, Ma­sa­to Mitsui und Sei­ha Ma­e­za­wa.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.