Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Du bist wirk­lich ge­nau­so, wie du frü­her warst, wie du schon im­mer bist. Du ver­än­derst dich über­haupt nicht. Du wirst nie net­ter – und auch nie schlim­mer. Komm, wir ge­hen schwim­men, wo du schon hier bist.“

Ich igno­rier­te die Auf­for­de­rung und reich­te ihr das Glas. Jetzt konn­te sie es auch ganz aus­trin­ken, es war eh fast nichts mehr drin.

„Das hab ich für dich üb­rig ge­las­sen“, sag­te sie, und ich ant­wor­te­te, sie sol­le be­en­den, was sie an­ge­fan­gen ha­be, das sei ei­ne al­te Fa­mi­li­en­re­gel, und ich wür­de uns noch viel mehr da­von be­sor­gen, ein gan­zes Glas für sie und ein gan­zes für mich, aber sie sol­le nicht sol­che ko­mi­schen Ide­en ent­wi­ckeln, von we­gen, ich wür­de mich nicht ver­än­dern.

„Schlim­mer wird’s bei mir gern“, sag­te ich, „schlim­mer und schlim­mer und im­mer noch schlim­mer. War­um soll­te ich an­ders ge­wor­den sein?“

Sie stand da mit dem Hand­tuch über der Schul­ter und mei­nem Glas in der Hand, und ich spür­te die­ses ur­al­te Eins­sein, fast so wie frü­her, wenn ich sie bei ei­nem Schwimm­wett­be­werb auf dem Block ste­hen und auf den Start­schuss war­ten sah. Ich spür­te dann, wie mei­ne ei­ge­nen Ze­hen sich um den Rand des Start­blocks mit dem Hand­tuch dar­auf krall­ten, und wenn sie auf dem Was­ser auf­traf, pas­sier­te im­mer et­was mit mei­nem Ma­gen und dann mit mei­nen Ar­men und Bei­nen. Der Un­ter­schied jetzt war, dass sie nicht gleich auf dem Was­ser auf­tref­fen, son­dern mir ei­ne Fra­ge be­ant­wor­ten wür­de, die ich be­ant­wor­tet ha­ben woll­te, und ich merk­te, dass ich im Geis­te ei­ni­ge ih­rer denk­ba­ren Ant­wor­ten durch­spiel­te, die ein­fa­che­ren, wäh­rend ich auf ih­re tat- säch­li­che Ant­wort war­te­te, ir­gend­ei­ne, nur ein paar Wor­te, die mir er­klär­ten, was mit je­nem Le­ben im per­fek­ten Gleich­ge­wicht ge­sche­hen war, das für mich nun mal das ein­zig mög­li­che Le­ben war.

Sie mach­te den Mund auf und sag­te et­was, aber es war nichts von dem, was ich ihr so schön zu­recht­ge­legt hat­te.

„Es war ir­re schön, dich am Te­le­fon zu hö­ren“, sag­te sie.

„An wel­chem Te­le­fon?“, frag­te ich has­tig, und sie schau­te mich er­staunt an, sag­te es mir aber.

„An dem Not­fall-Te­le­fon, reicht dei­ne Er­in­ne­rung denn nicht mal so weit zu­rück?“

„Na­tür­lich“, sag­te ich. „Was hab ich denn ge­sagt?“

„Ich weiß nicht“, sag­te sie, „es war dei­ne Stim­me, und wie das al­les ab­lief. Als wür­de et­was ab­ge­spielt, was ich er­fun­den und auf­ge­nom­men hät­te, wenn ich mir hät­te aus­su­chen dür­fen, was ich gern hö­ren woll­te.“

„Dann ha­be ich of­fen­sicht­lich ir­gend­was ge­sagt. Was war so gut dar­an?“

„Nichts. Ein­fach die­se sau­dum­me Art, wie du re­dest.“

„Säue sind nicht dumm. Das hat uns Pa­pa schon ge­sagt, als wir fünf wa­ren.“

„Ich weiß. Halt dei­ne Art zu re­den. Es klang ein­fach gut.“

Sie leer­te das Glas, das biss­chen, das noch drin war, schau­te hin­ein, und dann end­lich sag­te sie et­was, was wirk­lich et­was aus­sag­te. „Es klang re­al.“Das hät­te ich selbst nicht bes­ser sa­gen kön­nen, da­bei bin an­geb­lich ich die Wort­mäch­ti­ge. Ins­ge­heim pries ich sie für die­ses Wort, denn nach­dem sie es ge­sagt hat­te, konn­te ich schließ­lich und end­lich an­fan­gen, dar­an zu glau­ben, dass ich hier war und dass das al­les hier re­al war, die­ser klei­ne, weiß ge­ka­chel­te Raum mit den Hand­tü­chern und Was­ser­häh­nen und dem Dusch­vor­hang. Noch vor fünf Mi­nu­ten hat­te ich hin­ter die­sem Vor­hang ge­stan­den und mich ver­steckt, al­lein, so ort­los, so un­de­fi­niert, dass es mir kei­nes­wegs selt­sam vor­ge­kom­men wä­re, wenn ich mich ver­flüs­sigt hät­te und sang- und klang­los ab­ge­flos­sen wä­re. Aber das war nicht ge­sche­hen, und jetzt kam mir gar nichts mehr selt­sam vor; ich stand of­fen sicht­bar da – wir bei­de, wir stan­den ein­an­der ge­gen­über und wuss­ten nicht nur, wer wir selbst wa­ren, son­dern auch, wer die an­de­re war – die alt­be­kann­te an­de­re, und hät­te je­mand das Wort Te­le­fonan­zap­fen aus­ge­spro­chen, dann hät­te ich nicht ge­wusst, wo­von die Re­de war, denn das war nicht re­al, die­ser Mo­ment jetzt aber war es.

„Willst du im­mer noch schwim­men ge­hen?“, frag­te ich. „Jetzt gleich?“„Ist mir egal“, sag­te sie. „Ich glau­be, dei­ne Idee ge­fällt mir bes­ser.“„Wel­che?“„Dass du noch so ein Glas für mich holst und eins für dich und wir trin­ken und über al­les re­den.“„Hier?“, frag­te ich, und sie sag­te, nein, ir­gend­wo, wo es schö­ner sei, drin­nen bei Pa­pa und Gran­ny. „Ist das dei­ne Vor­stel­lung von ,über al­les re­den‘?“, frag­te ich. „Willst du was über mei­ne Ab­schluss­ar­beit hö­ren?“„Hät­te ich nichts da­ge­gen.“„Ich aber. Und zwar ganz ge­wal­tig, al­so sprich das The­ma nicht an.“„Hab ich doch gar nicht. Das warst du.“„Na gut, dann muss ich wohl et­was da­zu sa­gen. Ich bin auf Sei­te sie­ben­und­fünf­zig. Wo hast du die­sen Zwei­tei­ler her?“„Das ist ein Bi­ki­ni. Stand so auf dem Kas­sen­zet­tel.“ „Pa­pa mag es nicht, wenn wir sol­che neu­mo­di­schen Be­zeich­nun­gen ver­wen­den, das weißt du doch, Bi­ki­niGirl.“„Ich strei­te nicht mit dir her­um. Ich hab dir nur ge­sagt, was auf dem Kas­sen­zet­tel stand.“„Na gut, aber er­zähl Pa­pa.“Wir schlepp­ten uns durch die­se Sor­te alt­ver­trau­ten Schwes­tern-Schlag­ab­tauschs, ein­fach um wie­der ein Ge­fühl da­für zu krie­gen, aber mein Blick lag auf ih­rem Zwei­tei­ler, dem Ba­de­dress von den In­seln, und ich fühl­te mich zu­neh­mend falsch an­ge­zo­gen und fehl am Platz, wie die äl­te­re Schwes­ter der Mut­ter von ir­gend­je­man­dem auf ei­ner Strand­par­ty. Aber das ließ sich än­dern. Ich knöpf­te be­reits mei­ne Blu­se auf, mir fiel ein, dass ich selbst ei­nen Bi­ki­ni hat­te, wo auch im­mer. Wahr­schein­lich in ei­ner der un­te­ren Schub­la­den in Ber­ke­ley, denn ich er­in­ner­te mich nicht dar­an, ihn ein­ge­packt zu ha­ben. „Ist das mein Bi­ki­ni?“„Dein Bi­ki­ni? Sieht er viel­leicht so aus?“„Ja, ein biss­chen schon. Er­in­nerst du dich an mei­nen schwarz­brau­nen Zwei­tei­ler, der an den Sei­ten ge­bun­den wur­de?“„Hör zu“, sag­te Ju­dy, „die­ser hier ist braun und blau, und mit den Schnü­ren hier wird nichts ge­bun­den, das ist rei­ne De­ko­ra­ti­on. Au­ßer­dem ha­be ich ihn erst letz­te Wo­che ge­kauft.“„Wo denn?“„Bei Saks.“„Bei Saks?“

das

nicht

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.