Gas, Was­ser, Ta­blet

Den Han­del hat die Di­gi­ta­li­sie­rung be­reits re­vo­lu­tio­niert. Nun neh­men Start-ups das Hand­werk ins Vi­sier. Ein In­stal­la­teur aus Mön­chen­glad­bach zeigt, wie man sich er­folg­reich ge­gen die di­gi­ta­len An­grei­fer wehrt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - DIGITALE WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RINKE

MÖN­CHEN­GLAD­BACH Es ist ist knapp 35 Jah­re her, dass Co­mic­zeich­ner Brö­sel mit sei­nen Ge­schich­ten über Wer­ner, Meis­ter Röh­rig und Eck­hard ei­ne gan­ze Bran­che ver­un­glimpf­te. „Wer­ner“wur­de da­mals Kult, wäh­rend dem In­stal­la­teur bis heu­te der Ruf des bier­trin­ken­den Prolls an­haf­tet: Gas, Was­ser, Schei­ße statt Sa­ni­tär, Hei­zung, Kli­ma – die­ser Drei­klang ist in vie­len Köp­fen noch ab­ge­spei­chert.

Bis heu­te kämpft Ge­org Haaß ge­gen die­ses Kli­schee an, ob­wohl bei ihm längst die Zu­kunft ein­ge­zo­gen ist: Er hat sei­ne In­stal­la­teu­re mit Ta­blets und mo­bi­len Dru­ckern aus­ge­stat­tet, das Com­pu­ter­sys­tem mit den Da­ten­ban­ken der Händ­ler ver­netzt, und dem­nächst sol­len Kun­den ihr neu ge­plan­tes Ba­de­zim­mer vor­ab dank Da­ten­bril­le als vir­tu­el­le Rea­li­tät er­le­ben kön­nen. Haaß Haus­tech­nik aus Mön­chen­glad­bach treibt die Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an – und ist da­mit Vor­rei­ter in ei­ner Bran­che, die sich viel­fach noch schwer­tut mit den Ent­wick­lun­gen, die durch das In­ter­net ent­stan­den sind und lang­fris­tig auch das Hand­werk ge­wal­tig ver­än­dern wer­den.

In Zu­kunft kon­kur­rie­ren Hand­wer­ker nicht mehr nur mit An­bie­tern mit glei­cher Post­leit­zahl, son­dern auch mit neu­en Di­gi­tal­an­ge­bo­ten, die sich Ther­mon­do oder Ea­syHei­zung nen­nen und Mo­del­le des On­line­han­dels auf das Hand­werk über­tra­gen wol­len: Die Hei­zung mit we­ni­gen Klicks kon­fi­gu­rie­ren, in den Wa­ren­korb le­gen und be­stel­len.

Der Hand­wer­ker, bis­lang ers­ter An­sprech­part­ner des Kun­den, ist in die­sem Mo­dell nur noch Er­fül­lungs­ge­hil­fe gro­ßer On­line­platt­for­men.

„Die Di­gi­ta­li­sie­rung von Pro­duk­ti­on und Ver­trieb ist ne­ben der Fra­ge der künf­ti­gen Ver­sor­gung mit Fach- und Füh­rungs­kräf­ten die größ­te Her­aus­for­de­rung fürs Hand­werk“, sagt Andre­as Eh­lert, Prä­si­dent des Nord­rhein-West­fä­li­schen Hand­werks­kam­mer­tags. Für NRWWirt­schafts­mi­nis­ter Gar­relt Du­in (SPD) ist sie „die öko­no­mi­sche Auf­ga­be un­se­rer Zeit“.

Und sie ist nicht nur auf den In­stal­la­teur be­schränkt. Schrei­ner, Po­lier oder Metz­ger – sie al­le wer­den sich mit der Di­gi­ta­li­sie­rung be­schäf­ti­gen müs­sen.

Wel­che Chan­cen sie bie­tet, kann man im Be­trieb von Ge­org Haaß be­sich­ti­gen. Hier küm­mert sich Toch­ter Kath­rin de Blois um das The­ma. Sie hat be­rech­net, wie viel ef­fi­zi­en­ter das Un­ter­neh­men wer­den könn­te, wenn es Pro­zes­se di­gi­ta­li­sie­ren wür­de. Er­geb­nis: 2500 Ar­beits­stun­den. De Blois war klar, dass sich dar­an et­was än­dern muss. Denn der Fach­kräf­te­man­gel trifft be­son­ders das Hand­werk. Im­mer we­ni­ger jun­ge Men­schen ent­schei­den sich für ei­ne Aus­bil­dung, um­so wich­ti­ger wird es, die ver­blie­be­nen Mit­ar­bei- ter mög­lichst ef­fi­zi­ent ein­zu­set­zen. „Wir ver­kür­zen die Pro­zes­se durch den Ein­satz von Tech­nik so, dass un­ser Fach­per­so­nal sich kom­plett auf sei­ne ei­gent­li­che Ar­beit kon­zen­trie­ren kann“, sagt sie.

Von der Ter­min­pla­nung bis zur Rech­nung ist al­les di­gi­ta­li­siert wor­den. „An­fangs dach­te ich, im Hand­werk geht

das al­les nicht“, sagt Haaß. 1987 hat­te er sich mit sei­nem Be­trieb selbst­stän­dig ge­macht. Zu­nächst hat­te er noch selbst auf Bau­stel­len ge­ar­bei­tet, doch je grö­ßer das Un­ter­neh­men wur­de, um­so mehr Zeit ver­brach­te er im Bü­ro. „Al­lein die Be­ar­bei­tung von bis zu 3000 Rech- nun­gen pro Jahr kos­tet un­heim­lich viel Zeit“, sagt Haaß.

Heu­te läuft in der 42-Mann-Fir­ma al­les di­gi­tal. Die Mon­teu­re kom­men mit dem Ta­blet zum Kun­den, auf dem vor Ort die Rech­nung er­stellt wird. „So se­hen Kun­den di­rekt, ob al­les stimmt“, sagt Haaß. An­schlie­ßend kann sie der Mon­teur auf ei­nem Mo­bil­ge­rät im Au­to aus­dru­cken. „Dem­nächst wol­len wir auch mo­bi­le ECKar­ten­le­se­ge­rä­te ein­füh

ren“, sagt de

Blois. Man den­ke zu­dem über ei­nen QRCo­de auf der Rech­nung nach. „So kön­nen die Kun­den di­rekt mit dem Han­dy be­zah­len.“Doch nicht nur das Abrech­nungs­we­sen hat Haaß Haus­tech­nik ver­än­dert. Mit­hil­fe von Soft­ware er­fasst man nun ge­nau, wel­che Tei­le wie oft im Jahr be­stellt und ein­ge­setzt wer­den. De Blois hat da­zu das ei­ge­ne Sys­tem mit den Da­ten­ban­ken der Händ­ler ver­bun­den – was leich­ter klingt, als es war. Un­zäh­li­ge un­ter­schied­li­che Da­ten­sät­ze muss­ten an­ge­passt wer­den, doch die Ar­beit hat sich ge­lohnt. „Wir wis­sen jetzt erst­mals ge­nau, was wir ver- brau­chen“, sagt de Blois. „Bis­lang ha­ben wir für je­des Pro­jekt die Prei­se ein­zeln ver­han­deln müs­sen. Nun ver­han­deln wir Jah­res­fest­prei­se.“

Vie­len klei­nen Fir­men – im Schnitt ha­ben Hand­werks­be­trie­be im Kam­mer­be­zirk Düsseldorf fünf Mit­ar­bei­ter, Chef in­klu­si­ve – feh­len Zeit und Ka­pi­tal, sich um sol­che Din­ge zu küm­mern. Wie viel Nach­hol­be­darf die Bran­che hat, zeigt auch man­che Pres­se­mit­tei­lung der Kam­mern. Da wird dann dar­auf ver­wie­sen, dass im­mer mehr Hand­werks­be­trie­be ei­ne Home­page hät­ten oder bei Face­book ak­tiv sind. Im­mer­hin hat et­wa die Hand­werks­kam­mer Köln ei­ne zehn Punk­te um­fas­sen­de Di­gi­ta­le Agen­da aus­ge­ar­bei­tet, in der es auch um die Ve­rän­de­rung von Fer­ti­gungs­pro­zes­sen geht – et­wa durch 3-D-Dru­cker.

In Chi­na hat ein Un­ter­neh­men be­reits mit ei­nem 3-D-Dru­cker Tei­le für ein Haus her­ge­stellt. Auch de Blois ist fas­zi­niert: „Viel­leicht ha­ben un­se­re Mon­teu­re bald nicht nur Dru­cker für die Rech­nung im Au­to – son­dern auch für die Er­satz­tei­le.“

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