Güns­ti­ge Ge­le­gen­heit für Sün­der

Papst Fran­zis­kus hat ges­tern in Rom das Hei­li­ge Jahr er­öff­net. Der eme­ri­tier­te Papst Be­ne­dikt XVI. ging als Zwei­ter durch die Pfor­te.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON PHIL­IPP STEM­PEL

ROM Papst Fran­zis­kus hat im Pe­ters­dom die Hei­li­ge Pfor­te ge­öff­net, die sonst zu­ge­mau­ert ist. Da­mit be­ginnt für die rö­misch-ka­tho­li­sche Kir­che das so­ge­nann­te Hei­li­ge Jahr. Fran­zis­kus bricht da­für mit meh­re­ren Tra­di­tio­nen. Die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten. Was ist das Hei­li­ge Jahr? Das Hei­li­ge Jahr ist ein Ju­bi­lä­ums­jahr in der ka­tho­li­schen Kir­che, auch be­kannt als „Ju­bel­jahr“. „Es ist nicht nur ein Event, son­dern auch ei­ne Wall­fahrt, um sich auf­zu­ma­chen zu neu­en Ufern“, er­läu­tert Bru­der Hel­mut Ra­kow­ski vom Päpst­li­chen Rat, der für die Or­ga­ni­sa­ti­on ver­ant­wort­lich ist. Das Hei­li­ge Jahr dient so­mit der in­ne­ren Ein­kehr und lädt Gläu­bi­ge zu ei­nem Neu­an­fang ein. Un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ge­währt ih­nen die Kir­che ei­nen Ablass ih­rer Sün­den­stra­fen. Da­her wer­den Mil­lio­nen Pil­ger er­war­tet. Das Hei­li­ge Jahr dau­ert bis 20. No­vem­ber 2016. Wie alt ist die­se Tra­di­ti­on? Das Hei­li­ge Jahr kann auf ei­ne jahr­hun­der­te­lan­ge Ge­schich­te zu­rück­bli­cken. Für die ka­tho­li­sche Kir­che rief Papst Bo­ni­fa­ti­us im Jahr 1300 das Hei­li­ge Jahr ins Le­ben. Die Idee fußt je­doch auf ei­ner weit äl­te­ren, he­bräi­schen Tra­di­ti­on. Das al­le 50 Jah­re ge­fei­er­te „Ju­bel­jahr“soll­te die Gleich­heit zwi­schen al­len Söh­nen und Töch­tern Is­ra­els wie­der­her­stel­len, er­läu­tert ein Hin­ter­grund­schrei­ben der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz. Wor­um geht es Papst Fran­zis­kus? Im Mit­tel­punkt des Hei­li­gen Jah­res steht die Barm­her­zig­keit – ei­nes der Leit­the­men von Papst Fran­zis­kus. Dar­um hat er vor ei­nem hal­ben Jahr mit der Bul­le „Mi­se­ri­cor­di­ae vul­tus“so­gar ein „au­ßer­ge­wöhn­li­ches“Hei­li­ges Jahr aus­ge­ru­fen und bricht so mit dem üb­li­chen 25-Jah­re-Tur­nus. Zu­letzt hat­te Papst Jo­han­nes Paul II. im Jahr 2000 ein Hei­li­ges Jahr er­öff­net. „Es gibt Au­gen­bli­cke, in de­nen wir auf­ge­ru­fen sind, in ganz be­son­de­rer Wei­se den Blick auf die Barm­her­zig­keit zu rich­ten“, be­grün­de­te der Papst sei­ne Ent­schei­dung. Das Hei­li­ge Jahr sei ei­ne „güns­ti­ge Ge­le- gen­heit, um sein Le­ben zu än­dern“, schreibt Fran­zis­kus. Was hat es mit der Hei­li­gen Pfor­te auf sich? Die Hei­li­ge Pfor­te ist das Nord­por­tal des Pe­ters­doms. Nor­ma­ler­wei­se ist sie auf der In­nen­sei­te zu­ge­mau­ert. Nur zu den Ju­bi­la­ri­en wird die Mau­er ge­öff­net. In ihr be­fin­den sich in ei­ner Me­tall­kas­set­te die no­ta­ri­el­le Ur­kun­de der letz­ten Schlie­ßung der Pfor­te, Ge­denk­me­dail­len und die Schlüs­sel zur Öff­nung des Por­tals. Das Durch­schrei­ten ist als Sym­bol für den Über­gang von Schuld zur Gna­de zu ver­ste­hen. Hei­li­ge Pfor­ten fin­den sich zu­dem in den wei­te­ren rö­mi­schen Papst­ba­si­li­ken. Müs­sen Gläu­bi­ge nach Rom pil­gern? Ur­sprüng­lich war das Hei­li­ge Jahr wohl tat­säch­lich da­zu ge­dacht, mehr Pil­ger nach Rom zu lo­cken. Doch Fran­zis­kus ver­steht das Hei­li­ge Jahr als Auf­for­de­rung an die Kir­che, sich hin­aus in die Welt zu be­ge­ben. „Übe­r­all wo Chris­ten sind, muss ein je­der Oa­sen der Barm­her­zig­keit vor­fin­den kön­nen“, for­dert der Papst in sei­ner Bul­le. Da­her er­öff­net auf sei­nen Wunsch hin nicht nur in Rom ei­ne Hei­li­ge Pfor­te. Erst­mals soll dies welt­weit in den Bi­stü­mern der Fall sein: so auch ab Di­ens­tag­abend im Köl­ner Dom oder in der Ba­si­li­ka in Kevelaer, am Sonn­tag fol­gen et­wa das Pa­ra­die­spor­tal des Pa­der­bor­ner Doms oder ei­ne Pfor­te im Dom zu Aa­chen. Die ein­zi­ge Aus­nah­me in Deutsch­land bil­det das Ruhr­bis­tum Es­sen. Be­grün­dung: Der Dom bie­te ar­chi­tek­to­nisch „kei­ne ad­äqua­te Lö­sung“. Ei­nen Über­blick bie­tet die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz auf der Web­site www.hei­li­gesjahr­barm­her­zig­keit.de. Wie wird ein Kir­chen­tor zur Hei­li­gen Pfor­te? „Am An­fang steht die in Ein­ver­neh­men mit dem Bi­schof ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung des Paps­tes“, er­läu­tert Ka­plan Hen­drik Wen­ning aus Kevelaer. „Nach ei­nem Got­tes­dienst vor der Pfor­te wird dann zur Er­öff­nung am Abend der Pas­tor drei­mal mit ei­nem gol­de­nen Häm­mer­chen an das Tor klop­fen und es mit Weih­rauch und Weih­was­ser seg­nen. Da­zu wer­den die Wor­te ge­spro­chen, die in an­de­rer Spra­che auch in Rom er­klan­gen: „Öff­net mir die To­re zur Ge­rech­tig­keit, da­mit ich ein­tre­te, um dem Herrn zu dan­ken. Das ist das Tor zum Herrn, nur Ge­rech­te tre­ten hier ein.“ Was müs­sen Gläu­bi­ge tun, da­mit ih­nen ver­ge­ben wird? Papst Fran­zis­kus zählt da­für ei­ni­ge Vor­aus­set­zun­gen auf: Ein „kur­zer Pil­ger­gang“zu ei­ner Hei­li­gen Pfor­te, ver­bun­den mit ei­ner Beich­te, ei­ner Eucha­ris­tie­fei­er, dem Glau­bens­be­kennt­nis, ei­nem Nach­den­ken über die Barm­her­zig­keit Got­tes und das Ge­bet für den Papst und des­sen An­lie­gen. Ge­nau­so kann je­doch auch je­de barm­her­zi­ge Tat die­ses Ge­schenk ver­mit­teln, das „von al­len Kon­se­quen­zen der Sün­de be­freit, so dass er wie­der neu aus Lie­be han­deln kann“. War­um be­ruft sich Fran­zis­kus auf das Zwei­te Va­ti­ka­ni­sche Kon­zil? „Wenn wir heu­te durch die Hei­li­ge Pfor­te ge­hen, wol­len wir auch an ei­ne an­de­re Pfor­te den­ken: an die Tür, wel­che die Vä­ter des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils vor fünf­zig Jah­ren zur Welt hin auf­ge­sto­ßen ha­ben“, sag­te der Papst ges­tern in sei­ner Pre­digt auf dem Pe­ters­platz vor et­wa 50.000 Gläu­bi­gen. Da­mals hat­te Papst Jo­han­nes Paul XXIII. mit Bi­schö­fen aus der gan­zen Welt be­ra­ten, wie sich die Kir­che auf ei­ne zu­neh­mend un­re­li­giö­se Mo­der­ne ein­stel­len soll­te. Fran­zis­kus ver­steht sie als Ansporn, die Kir­che zu öff­nen und auf Men­schen zu­zu­ge­hen. Was hat es mit der Ver­ge­bung für Ab­trei­bung auf sich? „Wir müs­sen die Gna­de vor das Ur­teil stel­len“, sagt Fran­zis­kus. Da­her gilt sein Dik­tum der Barm­her­zig­keit nicht nur für Ge­fan­ge­ne, son­dern auch Frau­en, die ein Kind ab­ge­trie­ben ha­ben. Un­ter nor­ma­len Um­stän­den sind ein­fa­che Pries­ter nicht be­fugt, ih­nen die Ab­so­lu­ti­on zu er­tei­len. Für das Hei­li­ge Jahr aber hat der Papst ei­ne Aus­nah­me ver­fügt. „Un­ge­ach­tet ge­gen­tei­li­ger Be­stim­mun­gen“er­hal­ten al­le Pries­ter die Voll­macht, „von der Sün­de der Ab­trei­bung je­ne los­zu­spre­chen, die sie vor­ge­nom­men ha­ben und reui­gen Her­zens da­für um Ver­ge­bung bit­ten“.

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