Nach­kriegs­dra­ma aus West­fa­len

„Der ver­lo­re­ne Bru­der“wirft ein Schlag­licht auf die Ver­gan­gen­heits­ver­drän­gung in den 60er Jah­ren.

Rheinische Post Moenchengladbach - - FERNSEHEN - VON JO­HAN­NES VON DER GA­THEN

BER­LIN (dpa) Som­mer 1960, Ver­s­mold in West­fa­len. Das deut­sche Wirt­schafts­wun­der kommt lang­sam in Gang, aber die Wun­den der Ver­gan­gen­heit sind noch lan­ge nicht aus­ge­heilt. Der jun­ge Max Blasch­ke (Noah Kraus) fühlt sich ver­nach­läs­sigt, weil sich Zu­hau­se al­les um sei­nen äl­te­ren, ver­miss­ten Bru­der dreht, der 1945 bei der Flucht vor den Rus­sen als Ba­by in die Ob­hut Frem­der kam und seit­dem als ver­schol­len gilt.

Max sieht die gan­ze Sa­che im Ge­gen­satz zu sei­ner Mut­ter Eli­sa­beth (Katharina Lo­renz) und sei­nem Va­ter Lud­wig (Char­ly Hüb­ner) eher prag­ma­tisch. So­lan­ge der äl­te­re Bru­der nicht auf­taucht, hat er sein Zim­mer für sich al­lein.

Re­gis­seur Mat­ti Ge­schon­neck („Box­ha­ge­ner Platz“) er­zählt sei­ne Ge­schich­te, die auf dem au­to­bio­gra­fisch ge­färb­ten Ro­man „Der Ver­lo­re­ne“des Au­tors Hans-Ulrich Trei­chel (Jahr­gang 1952) ba­siert, kon­se­quent und ein­fühl­sam aus der Per­spek­ti­ve des halb­wüch­si­gen Prot­ago­nis­ten Max. Der schmäch­ti­ge Jun­ge hat es schwer in der Schu­le, wird von den Mäd­chen aus­ge­lacht, ist hoff­nungs­los in die hüb­sche Nach­bar­s­toch­ter ver­liebt und wird von den äl­te­ren Jungs ver­prü­gelt. Da flieht er dann in sei­ne Tag­träu­me und hat ei­ne Hei­den­angst, dass der ver­miss­te Bru­der ge­fun­den wird. „Wie kann man über­haupt sein Kind ver­lie­ren?“, fragt er sei­ne El­tern, die sich mit der Ant­wort sicht­lich schwer­tun. Was ist ei­gent­lich pas­siert auf der Flucht vor den Rus­sen? Wel­ches Ge­heim­nis ver­ber­gen Lud­wig und Eli­sa­beth?

Die El­tern schöp­fen neue Hoff­nung, als die Iden­ti­tät von „Fin­del­kind 2307“ge­klärt wer­den soll. Max’ Mut­ter ist fest da­von über­zeugt, dass es sich um ihr Kind han­delt. Sein Va­ter, der sich ein klei­nes Le­bens­mit­tel­ge­schäft auf­ge­baut hat und ex­pan­die­ren will, re­agiert eher zö­ger­lich und aus­wei­chend. Trost fin­det die Mut­ter beim ein­fühl­sa­men Po­li­zis­ten Frank Ru­dolf (Mat- thi­as Matsch­ke), der im­mer ein of­fe­nes Ohr für ih­re Nö­te hat. Ei­ne zar­te Li­ai­son bahnt sich an.

Sehr ge­nau ent­wirft der Film (Dreh­buch: Ruth Toma) ein Sit­ten­bild der frü­hen 1960er Jah­re in West­deutsch­land. Die Leu­te kön­nen sich wie­der et­was leis­ten, der ers­te Fern­se­her, das ers­te Au­to, der Wohl­stand wächst. Aber ei­ner wie Max’ Va­ter Lud­wig ist so mit dem Wie­der­auf­bau be­schäf­tigt, dass er die Ver­gan­gen­heit ver­drängt hat.

Das manch­mal et­was sta­ti­sche Dra­ma um den ver­lo­re­nen Bru­der kann mit star­ken Darstel­lern punk­ten. Char­ly Hüb­ner über­zeugt als wort­kar­ger Va­ter, der sich dem Wie­der­auf­bau ver­schrie­ben hat. Im Ge­gen­satz da­zu spielt Katharina Lo­renz glaub­wür­dig die tief­ver­letz­te Mut­ter, die sich erst spät von den Trau­ma­ta des Ver­lusts frei­ma­chen kann.

In ei­ner un­ge­wohnt se­riö­sen Rol­le gibt Mat­thi­as Matsch­ke, der ei­nem brei­ten Pu­bli­kum vor al­lem aus Come­dy­se­ri­en wie „Pas­tew­ka“be­kannt sein dürf­te, den sen­si­blen Frau­en­ver­ste­her mit über­kor­rek­tem Sei­ten­schei­tel, der al­les da­für tut, um die Su­che nach dem Fin­del­kind zum Er­folg zu füh­ren. Und na­tür­lich muss man den Kin­der­dar­stel­ler Noah Kraus da­für lo­ben, dass er uns die fra­gi­le Ge­fühls­welt ei­nes Ju­gend­li­chen im spie­ßi­gen Wirt­schafts­wun­der­land ein­dring­lich vor Au­gen führt. „Der ver­lo­re­ne Bru­der“, ARD, 20.15Uhr

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