Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Bei Saks. Und dein schwarz­brau­nes Teil hat Con­chi­ta schon vor drei Jah­ren zum Staub­wi­schen ver­wen­det.“„Wirk­lich? Ver­zeih. Dann kann die­ser nicht mei­ner sein.“

„Stimmt“, sag­te Ju­dy. „Kann er nicht.“

Sie stand mit dem Hand­tuch über ih­rer Schul­ter da und schau­te mich mit ei­nem hüb­schen Ge­sichts­aus­druck an – zu­sam­men­ge­knif­fe­ne Au­gen, wei­ße Zäh­ne – sehr frisch und amü­siert.

„Aber wenn du ihn dir mal aus­lei­hen willst“, sag­te sie, „wä­re es mir ei­ne Eh­re.“

Ich zog mei­ne Blu­se aus, warf sie mir über die Schul­ter und griff nach dem Tür­knauf.

„Wie kommst du auf die Idee, dass ich ir­gend­je­man­des al­ten, nas­sen Zwei­tei­ler aus­lei­hen woll­te?“, sag­te ich. „Was Bes­se­res als ei­nen fa­den­schei­ni­gen al­ten Stau­blap­pen fin­de ich al­le­mal. Komm.“

Ich mach­te die Tür auf und ging durch den Flur zu un­se­rem Zim­mer, und sie folg­te mir.

Ju­diths Sa­chen wa­ren übers gan­ze Zim­mer ver­teilt, nur auf mei­nem Bett la­gen bloß mei­ne Sa­chen – mein Kof­fer und mein Hand­köf­fer­chen und die braun­weiß ge­streif­te Schach­tel mit mei­nem Kleid. Er­staun­li­cher­wei­se hat­te Gran sie nicht ge­öff­net, und ich ver­spür­te kei­ner­lei Ver­lan­gen, das jetzt selbst zu tun und ei­nen ver­trau­li­chen Plausch über Braut­jung­fern-Mo­de zu hal­ten. Ich hat­te das Kleid, ich wuss­te, dass ich dar­in gut aus­se­hen wür­de, wenn der Zeit­punkt ge­kom­men war, was ziem­lich bald der Fall sein wür­de, und bis da­hin woll­te ich mich nicht da­mit be­schäf­ti­gen. Ich nahm die Schach­tel und schob sie un­ters Bett.

„Was ist da drin?“, frag­te Ju­dith, und ich ant­wor­te­te, ein paar Sa­chen, die ich in Oak­land ge­kauft hät­te – T-Shirts, Shorts, die ich auf der Ranch tra­gen woll­te, und ein Paar Espadril­les, ich hät­te al­les in ei­ne Schach­tel pa­cken las­sen, um Platz zu spa­ren, aber ich wol­le sie jetzt nicht aus­pa­cken, ich wol­le nur das Al­ler­nö­tigs­te tun. Ich klapp­te mei­nen Kof­fer auf und frag­te mich, wie mir wohl ein Wort wie Espadril­les in den Sinn ge­kom­men war, et­was so Spe­zi­el­les, so plötz­lich, aus hei­te­rem Him­mel.

Ju­dith setz­te sich auf ihr Bett und schau­te mir beim Aus­pa­cken zu. Ich hat­te nicht viel mit­ge­bracht, drei Rö­cke, drei oder vier Blu­sen, Shorts, ein Sweat­shirt und Turn­schu­he. Ich hat­te die Turn­schu­he in der Hand und über­leg­te, wo ich sie hin­stel­len soll­te.

„Die ge­hö­ren in den Müll“, sag­te Ju­dith, fast so, als be­ant­wor­te­te sie ei­ne Fra­ge.

„In den Müll? Was ist denn das für ein ab­fäl­li­ges Ge­re­de?“

„Die sind doch schon vor drei Jah­ren aus­ein­an­der­ge­fal­len. Die ha­ben ja nicht mal mehr La­schen. Guck sie dir doch an.“Ich guck­te. „Ich fin­de“, sag­te ich, „sie ha­ben Stil. Oder sind auf dem bes­ten Weg da­hin.“

„Stil? Wel­chen denn? Machst du jetzt auf ein­sa­me Pro­phe­tin?“

Das Wort ge­fiel mir. Sie hät­te mich weit Schlim­me­res schimp­fen und ih­re Aus­sa­ge we­ni­ger sub­til rü­ber­brin­gen kön­nen. Ich setz­te mich auf mein Bett, ihr ge­gen­über, und sag­te ihr, wie es war. Wenn ich ei­ne Pro­phe­tin wä­re, hät­te ich kei­ne An­hän­ger­schaft, denn mei­ne Leh­re wä­re ei­ne zu wil­de Mi­schung. Ich bin ei­ne exis­ten­tia­lis­ti­sche ZenMar­xis­tin Freud’scher Aus­rich­tung. Oder viel­mehr Freud’scher Ab­wei­chung. Ei­ne Rich­tung, der zu fol­gen nicht ganz ein­fach war. „Das kann ich mir vor­stel­len“, sag­te sie. Sie lang­te über die Lü­cke zwi­schen un­se­ren Bet­ten, nahm mir ei­nen der Turn­schu­he aus der Hand und tas­te­te dar­in her­um – nach der La­sche ver­mut­lich, doch da war kei­ne. Sie hat­te recht. Die La­sche war nicht et­wa hin­ein­ge­krum­pelt, es gab schlicht­weg kei­ne. „Und an was glaubt ihr, ihr zen­mar­xis­ti­schen Exis­ten­tia­lis­ten Freud’scher Ab­wei­chung?“, frag­te sie und warf mir den Schuh wie­der zu, wor­auf ich ant­wor­te­te, dass es nicht fair von mir wä­re, zu sa­gen, was wir glaub­ten, denn ich sei die Ein­zi­ge die­ser Aus­rich­tung, aber wenn ich für mich als Pro­phe­tin sprä­che, las­se sich das nicht all­zu schwer auf den Punkt brin­gen. „Wir glau­ben an den Mo­ment“, sag­te ich. „An das Hier und Jetzt und was im Hier und Jetzt ge­sche­hen kann.“Sie kniff die Au­gen zu­sam­men und schau­te mich leicht arg­wöh­nisch an, und ich re­de­te schnell wei­ter. „Aber das ist nur der ei­ne Teil. Der an­de­re – der Zen-Teil – be­steht in der Über­zeu­gung, dass man Cha­rak­ter, oder Stil, nur mü­he­voll und all­mäh­lich er­langt.“Ich hielt zur Il­lus­tra­ti­on den ei­nen Turn­schuh hoch. „Um die­sen Zu­stand zu er­rei­chen, will ich da­mit sa­gen, braucht es Zeit. Jetzt ist er im Hier und Jetzt, aber er war es nicht im­mer. Er muss­te sich ent­wi­ckeln. Kannst du mir fol­gen?“„Das weißt du doch“, sag­te sie. „Trotz­dem wür­de ich dir ra­ten, sie weg­zu­schmei­ßen und mit dem Ent­wi­ckeln der Espadril­les zu be­gin­nen.“Fast hät­te ich ge­fragt, wel­che Espadril­les, da fiel mir die Schach­tel un­ter dem Bett wie­der ein. Ich stell­te mein Hand­köf­fer­chen, das ei­gent­lich ein Kos­me­tik­kof­fer war, auf die Fri­sier­kom­mo­de und nahm Kamm und Bürs­te, Lip­pen­stif­te, Zahn­bürs­te so­wie ein paar Ta­schen­bü­cher und mei­nen Ki­mo­no her­aus, dann ging ich wie­der zum Bett, hol­te mei­ne Blu­se und die Turn­schu­he und räum­te al­les in mei­nen Teil des Klei­der­schranks. Wir ha­ben in un­se­rem Zim­mer ei­nen Klei­der­schrank mit Schie­be­tü­ren, der ei­ne kom­plet­te Wand ein­nimmt. Mei­ne Hälf­te ent­hielt nicht viel, aber was drin war, ge­hör­te mir – haupt­säch­lich Sa­chen, die ich in Ber­ke­ley nicht brauch­te, ei­ne al­te Ma­tro­sen­blu­se, ei­ne dün­ne Le­der­ja­cke, ei­ne Le­vi’s und ein ges­mok­tes Kleid, das ich in der sieb­ten Klas­se ge­tra­gen hat­te. Es war und blieb mein ab­so­lu­tes Lieb­lings­kleid, und ich be­trach­te­te es kurz – lang ge­nug, um wie­der zu wis­sen, dass ich es nie­mals weg­wer­fen wür­de, dann stell­te ich die Turn­schu­he auf den Schrank­bo­den ne­ben mei­ne schwar­zen Cow­boy­stie­fel, schob die Bü­gel ans En­de der Klei­der­stan­ge und schau­te auf die Rück­wand des Schranks. Dort hin­gen ein Ten­nis­schlä­ger, ei­ne Tau­cher­bril­le, bei der das Glas ka­putt war, und an ei­nem Ha­ken da­ne­ben ein schlaf­fes, ver­bli­che­nes Et­was, das ich dort zu fin­den ge­hofft hat­te – mein al­ter Ba­de­an­zug aus der High­school. Ich hielt ihn vor mich und be­gut­ach­te­te ihn, dann ent­le­dig­te ich mich mei­ner Klei­der, zog ihn an und be­trach­te­te mich in dem gro­ßen Spie­gel an der Schrank­tür.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.