Die iso­lier­te Groß­macht

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON GREGOR MAYNTZ

BER­LIN Nach dem Fall der Mau­er be­zeich­ne­te Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Wal­ter Mom­per die Deut­schen als „das glück­lichs­te Volk der Welt“. Noch sechs Jah­re spä­ter ana­ly­sier­te Alt­bun­des­prä­si­dent Jo­han­nes Rau die dau­er­haf­te Neu-Ver­or­tung des Lan­des ähn­lich eu­pho­risch, näm­lich als „von Freun­den um­zin­gelt“. Jetzt, zehn Jah­re spä­ter, liegt ein an­de­rer Be­fund auf dem Tisch: Das gro­ße, star­ke, ein­fluss­rei­che Deutsch­land fin­det mit sei­ner Flücht­lings­po­li­tik kei­ne Freun­de in Eu­ro­pa. Die Groß­macht ist iso­liert. Wie konn­te es da­zu kom­men?

Da ist der Neid­fak­tor, der im EU-Ver­gleich auf blen­den­de Vor­aus­set­zun­gen trifft: In den wich­tigs­ten Sta­tis­ti­ken bil­det Deutsch­land den Aus­rei­ßer. Tra­di­tio­nell bei der Be­völ­ke­rungs­zahl: Al­lein in die Lü­cke zwi­schen den 81 Mil­lio­nen in Deutsch­land und den 66 Mil­lio­nen in Frank­reich auf Platz zwei pas­sen mal eben al­le Fin­nen und Grie­chen. Ge­gen­über Grie­chen­land hat Deutsch­land nur ein Sechs­tel der Ar­beits­lo­sig­keit, ge­gen­über Spa­ni­en we­ni­ger als ein Fünf­tel, auch in Ita­li­en, Frank­reich und im Durch­schnitt der Eu­ro­zo­ne ist das Pro­blem dop­pelt so groß wie in Deutsch­land. Da­zu ge­sellt sich der wirt­schaft­li­che Er­folg: Auch beim Brut­to­in­lands­pro­dukt liegt Deutsch­land weit vorn.

Vor die­sem Hin­ter­grund lässt sich nach­voll­zie­hen, was Kanz­ler Hel­mut Kohl (CDU) kurz nach dem ent­schei­den­den Eu­ro-Gip­fel der EU ge­gen­über US-Au­ßen­mi­nis­ter Ja­mes Ba­ker als sei­nen in­ners­ten An­trieb zum Ver­zicht auf die D-Mark er­läu­tert ha­ben soll. Die­se Ent­schei­dung sei zwar „ge­gen deut­sche In­ter­es­sen“, aber nö­tig ge­we­sen, weil Deutsch­land Freun­de brau­che. Zum Ge­gen­teil ist es ge­kom­men. Die Ex­port­na­ti­on Deutsch­land pro­fi­tiert vom Eu­ro wie kaum ein an­de­res Land, und mit sei­nem Fest­hal­ten an Min­dest­stan­dards für die Sta­bi­li­tät hat sich Deutsch­land we­nig Freun­de ge­macht. Wer dar­an schei­tert, will Deutsch­land erst wie­der lieb­ha­ben, wenn die­ses zur gan­zen So­li­da­ri­tät be­reit ist: nicht nur als Wäh­rungs-, son­dern auch als Trans­fer­uni­on.

Das Pro­blem da­bei: Deutsch­land soll sich neue Sym­pa­thie da­durch er­kau­fen, dass es mit sei­nen Mil­li­ar­den als Wun­der­hei­ler durch die kran­ken Volks­wirt­schaf­ten läuft – soll aber bit­te nicht über die EU Ein­fluss auf die Rah­men­da­ten der Wirt­schafts-, Fi­nanz- und So­zi­al­po­li­tik der zu Hei­len­den neh­men. Ganz ab­ge­se­hen da­von, dass die Ge­sun­dung Deutsch­lands selbst auf tö­ner­nen Fü­ßen ste­hen könn­te: Erst wenn sich der woh­li­ge Ne­bel der Null­zins­po­li­tik ir­gend­wann lich­tet, wird sich zei­gen, wie trag­fä­hig und kräf­tig das wei­ter schwer ver­schul­de­te Land selbst ist.

War die Na­to nach den Wor­ten ih­res ers­ten Ge­ne­ral­se­kre­tärs Lord Is­may noch ge­grün­det wor­den, um in Eu­ro­pa die „Ame­ri­ka­ner drin­nen, die Rus­sen drau­ßen und die Deut­schen un­ten zu hal­ten“, hat­te sich die Bun­des­re­pu­blik über die kon­se­quen­te Aus­söh­nung mit dem Wes­ten und die fol­gen­de zä­he Ent­span­nung Rich­tung Os­ten ei­ne re­spek­ta­ble Po­si­ti­on er­ar­bei­tet. Das war je­doch un­ter­halb der He­ge­mo­nie be­zie­hungs­wei­se Teil­he­ge­mo­nie der USA, Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs ge­sche­hen. Mi­li­tä­risch ge­ben die­se drei Si­cher­heits­rats­mit­glie­der im­mer noch den Ton an.

Aber po­li­tisch ist Deutsch­land in­zwi­schen nicht nur an ih­re Sei­te, son­dern teil­wei­se so­gar an ih­re Stel­le ge­tre­ten. Sooft die Mi­nis­ter­rä­te in Brüssel Kon­flik­te lö­sen, Po­si­tio­nen klä­ren und die Rich­tung be­stim­men müs­sen, bli­cken die Au­gen der 27 Part­ner auf den deut­schen Ver­tre­ter am Tisch. Mal vor­über­ge­hend den Hut auf­ha­ben und sich als ehr­li­cher Mak­ler vom Rand aus ver­su­chen, das än­dert so schnell nichts an gu­ten Be­zie­hun­gen. Aber im­mer im Mit­tel­punkt zu ste­hen, we­gen ver­meint­lich ei­ge­ner Vor­tei­le kri­tisch be­trach­tet zu wer­den und nach un­schö-

Sooft Brüssel die Rich­tung be­stim­men muss, bli­cken die Au­gen auf den deut­schen Ver­tre­ter am Tisch

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