Nichts ge­hört und nichts ge­se­hen

Am 249. Ver­hand­lungs­tag des NSU-Pro­zes­ses sagt Beate Zschä­pe aus. Sie lässt ei­ne teils bi­zar­re Ge­schich­te er­zäh­len. Am En­de ent­schul­digt sie sich bei den Op­fern. Die sind em­pört.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON CHRIS­TOPH LEM­MER, CHRIS­TOPH TROST UND BRITTA SCHUL­TE­JANS

MÜNCHEN (dpa) Beate Zschä­pe re­det end­lich. Die­se An­kün­di­gung wirkt wie ein Ma­gnet. Schon in der Nacht war­tet ein gu­tes Dut­zend Zu­schau­er vor dem Ge­bäu­de des Ober­lan­des­ge­richts am Münch­ner Stigl­mai­er­platz. Am frü­hen Mor­gen er­streckt sich die War­te­schlan­ge über den ge­sam­ten Vor­platz. Al­le 100 Plät­ze für Zu­schau­er und Jour­na­lis­ten sind zu Ver­hand­lungs­be­ginn be­setzt. Auch An­ge­hö­ri­ge von Mord­op­fern der mut­maß­li­chen Ter­ro­ris­ten des „Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds“(NSU) sind ge­kom­men – in der Hoff­nung, Zschä­pe mö­ge zur Wahr­heit bei­tra­gen und so et­was wie Reue zei­gen.

Un­ge­wöhn­lich an die­sem 249. Ver­hand­lungs­tag ist auch Zschäpes Ver­hal­ten, nach­dem sie aus dem Ge­fan­ge­nen­zim­mer in den Saal ge­führt wor­den ist. Erst­mals dreht sie den Fo­to­gra­fen nicht den Rü­cken zu. Sie lä­chelt. Sie setzt sich auf ih­ren Platz und plau­dert zu­nächst mit Her­mann Bor­chert, ei­nem ih­rer bei­den neu­en An­wäl­te. Bor­chert, der bis­her kein vom Staat be­zahl­ter Pflicht­ver­tei­di­ger ist, ist über­haupt zum ers­ten Mal in der Ver­hand­lung.

Aber nicht er ist es, der dann knapp zwei St­un­den im Mit­tel­punkt steht, son­dern sein jun­ger Kol­le­ge Ma­thi­as Gra­sel. Be­vor der mit der Ver­le­sung von Zschäpes Aus­sa­ge be­ginnt, steht er auf, läuft zu den Plät­zen der Bun­des­an­walt­schaft und reicht ei­ne Ko­pie der schrift­li­chen Fas­sung. Auch das Ge­richt be­kommt ein Ex­em­plar. Dann ist es so weit – Zschä­pe lässt re­den und bricht erst­mals ihr Schwei­gen.

Ei­ne Wei­le geht es um die Vor­ge­schich­te: Kind­heit, Schu­le, Ju­gend, Aus­bil­dung zur Gärt­ne­rin. Sie lässt er­zäh­len, wie sie zu­nächst Uwe Mund­los und an ih­rem 19. Ge­burts­tag Uwe Böhn­hardt ken­nen­lernt, erst mit dem ei­nen zu­sam­men war und sich dann in den an­de­ren ver­lieb­te. Von „na­tio­na­lis­ti­schen“Lie­dern, die sie mit ih­ren Freun­den „sang be­zie­hungs­wei­se gröl­te“. Wie sie dann nach und nach von den bei­den Män­nern im­mer tie­fer in ih­re Welt hin­ein­ge­zo­gen wor­den sei, im Grun­de ge­gen ih­ren Wil­len. Ei­ne Ga­ra­ge in Je­na (Thü­rin­gen) als Ver­steck für Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al und Spreng­stoff ha­be sie et­wa nur des­halb ge­mie­tet, weil Uwe Böhn­hardt mit ihr Schluss ge­macht ha­be und sie un­be­dingt wie­der mit ihm zu­sam­men sein woll­te. Ab­dul­ke­rim Sim­sek Sohn ei­nes NSU-Op­fers

Auch im Un­ter­grund sei sie eher ge­gen ih­ren Wil­len ge­lan­det. Ge­gen Böhn­hardt ha­be es ei­nen Durch­su­chungs­be­fehl ge­ge­ben. Der ha­be sich auch auf die Ga­ra­ge er­streckt, was die drei ge­wun­dert ha­be. „Wir be­schlos­sen, das Gan­ze erst mal aus der Fer­ne zu be­ob­ach­ten.“

Ge­sin­nungs­ge­nos­sen in Chem­nitz hät­ten sie auf­ge­nom­men. Dann ha­be es aber im Fern­se­hen ei­nen gro­ßen Be­richt mit Fahn­dungs­auf­ruf ge­ge­ben. Mund­los und Böhn­hardt hät­ten oh­ne ihr Wis­sen ei­nen Su­per­markt über­fal­len und zu ih­rem, Zschäpes, Ent­set­zen ei­ne schar­fe Waf­fe da­bei­ge­habt. Es folg­ten die nächs­ten Über­fäl­le. Sie ha­be im­mer tie­fer drin­ge­steckt, ei­ne Ge- fäng­nis­stra­fe ge­fürch­tet und kei­nen Weg zu­rück ge­se­hen.

Von dem ers­ten Mord der bei­den Uwes will sie gar mo­na­te­lang nichts mit­be­kom­men ha­ben. Der war am 9. Sep­tem­ber 2000. Op­fer war der Blu­men­händ­ler En­ver Sim­sek in Nürn­berg. Zwei sei­ner An­ge­hö­ri­gen sit­zen im Ge­richt, als Gra­sel ver­liest, Zschä­pe ha­be erst zu Weih­nach­ten da­von er­fah­ren. „Erst jetzt er­fuhr ich, was drei Mo­na­te zu­vor pas­siert war.“Sie sei „re­gel­recht aus­ge­flippt“. Nichts ha­be sie vor­her ge­wusst, und sie ha­be den bei­den das Ver­spre­chen ab­ge­nom­men, dass so et­was nicht noch ein­mal pas­siert.

Pas­siert ist es aber, und be­kannt­lich nicht nur ein­mal. Zu je­dem der ins­ge­samt zehn Mor­de sagt Zschä­pe: Sie ha­be vor­her nichts ge­wusst, auch nicht von den bei­den Bom­ben­an­schlä­gen in Köln. Nur von Bank­über­fäl­len hät­ten die Uwes manch­mal et­was er­zählt. Von den Mor­den ha­be sie im­mer nur im Nach­hin­ein er­fah­ren. Ein­mal sol­len die Uwes gleich vier Mor­de auf ei­nen Schlag ge­beich­tet ha­ben.

Zu den Schüs­sen auf Michè­le Kie­se­wet­ter in Heil­bronn 2007 hät­ten sie ge­sagt, es sei nur um die Waf­fen der Po­li­zis­tin und ih­res Kol­le­gen ge­gan­gen. Das klingt ähn­lich bi­zarr wie die Aus­sa­ge, manch­mal ha­be Zschä­pe Pis­to­len in der Woh­nung her­um­lie­gen se­hen und or­dent­lich in den Schrank ge­räumt.

Und schließ­lich, am En­de ih­rer Aus­sa­ge, end­lich auch das: „Ich ent­schul­di­ge mich auf­rich­tig bei al­len Op­fern und An­ge­hö­ri­gen von Op­fern.“Und: „Ich füh­le mich mo­ra­lisch schul­dig, dass ich zehn Mor­de und zwei Bom­ben­an­schlä­ge nicht ver­hin­dern konn­te.“Gleich dar­auf teilt An­walt Gra­sel mit, dass Zschä­pe Nach­fra­gen der Op­fer nicht be­ant­wor­ten wer­de. Das sei „schon wie­der ein Schlag ins Ge­sicht“, sagt hin­ter­her Gam­ze Ku­ba­sik, die Toch­ter des in Dort­mund er­mor­de­ten Is- ma­el Ku­ba­sik. „Es ist schreck­lich. Ich ha­be kei­ne Wor­te da­für“, kom­men­tiert Ab­dul­ke­rim Sim­sek, Sohn des ers­ten Op­fers En­ver Sim­sek. Der Va­ter des in Kas­sel er­mor­de­ten Ha­lit Yoz­gat, Is­mail Yoz­gat, sagt: „Da ih­re Aus­sa­ge ei­ne Lü­ge ist, ak­zep­tie­ren wir auch ih­re Ent­schul­di­gung nicht.“Op­fer­an­walt Ste­fan Lu­cas er­klärt: „Wenn das al­les ist, was Frau Zschä­pe uns zu sa­gen hat­te, dann hät­te sie bes­ser gar nichts ge­sagt.“

Den für heu­te an­ge­setz­ten Ver­hand­lungs­tag hat das Ge­richt ge­stri­chen. Am Di­ens­tag geht es wei­ter. Mit Ver­hand­lungs­tag 250.

„Es ist schreck­lich. Ich ha­be kei­ne Wor­te da­für“

FOTO: DPA

Beate Zschä­pe mit ih­ren Ver­tei­di­gern (v.l.) Anja Sturm, Wolf­gang Heer, Wolf­gang Stahl, Her­mann Bor­chert und Ma­thi­as Gra­sel.

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