Ge­mein­sa­me Mahl­zei­ten sind ein Se­gen

Sich in Ru­he zu Tisch zu set­zen, ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr. Heu­te sind Wohn­kü­chen in Mo­de. Das Le­ben dar­in ist nicht un­be­dingt er­hol­sam.

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Ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen las­sen sich an den un­schein­ba­ren Din­gen ab­le­sen. An der Art, wie wir uns zu Tisch set­zen, zum Bei­spiel. Jahr­hun­der­te­lang war die ge­mein­sa­me Mahl­zeit mit Tisch­ge­bet und fes­ten Plät­zen ein ge­setz­tes Fa­mi­li­en­ri­tu­al. Doch Ar­beits- und Schul­zei­ten sind fle­xi­bler ge­wor­den, die Rol­len­auf­tei­lung in der Fa­mi­lie auch, und so ist die ge­mein­sa­me Mahl­zeit nicht mehr selbst­ver­ständ­lich. Fa­mi­li­en rin­gen heu­te um je­de ge­mein­sa­me St­un­de und ver­brin­gen sie nicht mehr zwangs­läu­fig rund um den Mit­tags- oder Abend­brot­tisch.

Dar­um ha­ben sich auch die Woh­nun­gen ver­än­dert. Wer er­in­nert sich noch an die Durch­rei­che, die frü­her in vie­len Woh­nun­gen die ein­zi­ge Ver­bin­dung zwi­schen Ess­tisch und Kü­che war? Die Durch­rei­che war ein Zei­chen da­für, dass die Sphä­ren des Ko­chens und des Ver­zehrs strikt ge­trennt blei­ben soll­ten. Der Zu­be­rei­tung wur­de kaum Wert bei­ge­mes­sen, die Kü­chen­ge­rä­te wa­ren noch kei­ne edel­stahl-glän­zen­den Sta­tus­sym­bo­le, son­dern dien­ten dem Ge­brauch. Ko­chen war auch noch nicht das Hob­by für ge­schick­te Ken­ner, mit dem man Ein­druck schin­den konn­te, son­dern vor al­lem ei­ne Tä­tig­keit, die Ge­rü­che und Ge­räu­sche er­zeug­te. Und da­von soll­te die Zeit bei Tisch ver­schont blei­ben. Denn die dien­te ja dem Ge­nuss und der Kon­ver­sa­ti­on. Na­tür­lich klingt das idyl­li­scher, als es oft war, denn es gal­ten stren­ge Re­geln und Hier­ar­chi­en: Die Ma­nie­ren muss­ten stim­men, oft hat­te der Haus­herr das Wort – und die Ho­heit über den Bra­ten so­wie­so. Ber­tolt Brecht hat die­se En­ge in sei­nem Ge­dicht „Was ein Kind ge­sagt be­kommt“tref­fend be­schrie­ben. Es en­det mit den Zei­len: „Kar­tof­feln sind ge­sund, ein Kind hält den Mund.“Klar, dass das ir­gend­wann für Re­bel­li­on sorg­te und die „So­lan­ge du dei­ne Fü­ße un­ter mei­nen Tisch stellst“-Kämp­fe aus­ge­foch­ten wer­den muss­ten.

Es war al­so nicht al­les bes­ser frü­her, aber geordneter. Und dar­um manch­mal auch er­hol­sa­mer. Denn ein kla­rer Rah­men schafft Ge­las­sen­heit. Heu­te pas­siert al­les gleich­zei­tig: ko­chen, es­sen, le­ben. Dar­um sind Wohn­kü­chen in Mo­de, in de­nen die un­ter­schied­li­chen Sphä­ren des All­tags nicht ge­trennt sind, je­der ko­chen und es­sen kann, wann es ge­ra­de passt. Das klingt ent­spann­ter, als es ist. Denn den ein­zel­nen Tä­tig­kei­ten fehlt es oft an Auf­merk­sam­keit. Wo al­les gleich­zei­tig ge­schieht, ist nichts wirk­lich wich­tig. Und das schlaucht.

Die Ru­he für ei­ne ge­mein­sa­me Mahl­zeit muss heu­te er­kämpft wer­den, doch sie bleibt ein Se­gen.

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