Finn­land tes­tet be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT -

HEL­SIN­KI (anw) Finn­lands rechts­li­be­ra­ler Mi­nis­ter­prä­si­dent und ExGroß­un­ter­neh­mer Ju­ha Si­pi­lä ge­wann die Wahl im April, weil er ver­sprach, das Land wie ein Un­ter­neh­men zu füh­ren und es so aus sei­ner Wirt­schafts­kri­se zu be­frei­en. Des­halb ver­wun­dert auf den ers­ten Blick ein Vor­stoß, der jetzt aus Hel­sin­ki kommt: Aus­ge­rech­net der Un­ter­neh­mer Si­pi­lä hat sich – wenn auch vor­sich­tig – der an­dern­orts vor al­lem von Link­s­par­tei­en pro­pa­gier­ten Idee des be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom- mens an­ge­nom­men. Si­pi­läs bür­ger­lich-na­tio­na­lis­ti­sche Drei-Par­tei­en­Re­gie­rung hat die Volks­ren­ten­an­stalt (FPA) da­mit be­auf­tragt, ei­nen um­fang­rei­chen Test­lauf zu pla­nen. Das be­stä­tigt FPA-For­schungs­chef Ol­li Kan­gas. An­fang 2017 soll das zwei­jäh­ri­ge Ex­pe­ri­ment dem­nach star­ten. Wie ge­nau und mit wel­chem Grund­ge­halt pro Person ist bis­lang nicht ent­schie­den. „Die Meldungen im Aus­land sind falsch“, be­tont Kan­gas im­mer wie­der. „Wir füh­ren in Finn­land kein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men ein. Mei­ne Be­hör­de ist le­dig­lich da­mit be­auf­tragt, ei­nen ein­ge­schränk­ten Test zu kon­zi­pie­ren, der die Aus­wir­kun­gen ei­ner sol­chen Maß­nah­me misst“, sagt er.

Die FPA-For­scher prä­fe­rie­ren ein kom­bi­nier­tes Ex­pe­ri­ment. Zum ei­nen müss­te ein Ort mit min­des­tens 10.000 Ein­woh­nern das „Mit­bür­ger­ein­kom­men“er­hal­ten, wie die Fin­nen es nen­nen. Zum an­de­ren wür­den aus der rund 5,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­den Ge­samt­be­völ­ke­rung Finn­lands 10.000 Per­so­nen im ar­beits­fä­hi­gen Al­ter zu­fäl­lig aus­ge­wählt und mit ei­ner Kon­troll­grup­pe ver­gli­chen, die kein Grund­ein­kom­men er­hält. „So kön­nen wir die Vor­tei­le un­ter­schied­li­cher Mess­me­tho­den bei ih­rer Aus­sa­ge­kraft für die Ef­fek­te mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren. Aber die Po­li­ti­ker ent­schei­den En­de 2016, was mach­bar ist“, sagt Kan­gas.

Die For­scher wol­len her­aus­fin­den, ob ein Grund­ein­kom­men mehr Men­schen zu ei­nem Job ver­hilft. Bis­lang wer­den So­zi­al­leis­tun­gen ge­kürzt, wenn ein Emp­fän­ger zu­sätz- lich ar­bei­tet. Das hält die Be­trof­fe­nen vom Ein­tritt in den Ar­beits­markt ab, so die Ar­gu­men­ta­ti­on.

Zu­dem gilt Finn­lands Wohl­fahrts­staat als sehr kom­pli­ziert. Ver­wal­tung und Kon­trol­le sind sehr kost­spie­lig und auf­ge­bläht. Wenn gro­ße Tei­le des Sys­tems über ein ga­ran­tier­tes Grund­ein­kom­men ab­ge­schafft wer­den könn­ten, wür­de das ge­wal­ti­ge fi­nan­zi­el­le Res­sour­cen frei­set­zen, so der Ge­dan­ke. Auf der an­de­ren Sei­te be­steht das Ar­gu­ment, dass ein Grund­lohn vie­le Men­schen da­zu brin­gen könn­te, gar nicht erst zu ar­bei­ten.

Ne­ben dem Prin­zip des „vol­len Grund­lohns“, der laut Kan­gas weit­aus hö­her als bei 800 Eu­ro im Mo­nat lie­gen müss­te, um al­le an­de­ren Hilfs­zah­lun­gen zu er­set­zen, wird auch ein par­ti­el­ler Grund­lohn, der mit an­de­ren Leis­tun­gen kom­bi­niert wird, un­ter­sucht. Das Sys­tem könn­te je nach Aus­for­mung an die Er­werbs­tä­tig­keit ge­kop­pelt sein. Das wür­de be­deu­ten, dass nur ei­nen Grund­lohn er­hält, wer auch ar­bei­tet.

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