Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

ber der ei­nen Bein­öff­nung sa­ßen noch die Ab­zei­chen der Put­na­mer Schwimm­Mann­schaft, und er hat­te ei­ne schö­ne Far­be, so ei­ne Art Blau­grau­grün, das durch die mehr­jäh­ri­ge Ein­wir­kung von pral­ler Son­ne und Chlor­was­ser ent­stan­den war.

„Kannst du dir vor­stel­len, dass der mal ma­ri­neblau war?“, frag­te ich Ju­dy, und sie sag­te, das kön­ne sie sich eher vor­stel­len, als dass er mir mal rich­tig ge­passt ha­be. „Wie­so soll er mir nicht pas­sen?“„Der hängt nur noch an dir.“„Was hängt denn da?“„Al­les. Zieh ihn aus, den kannst du nicht tra­gen.“

Ich stell­te mich in Start­sprung­hal­tung vor den Spie­gel und frag­te: „War­um denn nicht?“

„Siehst du das denn nicht? Der fällt schier aus­ein­an­der, und –“„Und was?“„Und du auch.“Ich hob mei­ne Sa­chen vom Bo­den auf und be­dach­te Ju­dith mit ei­nem län­ge­ren Schwei­gen, das sie bre­chen muss­te.

„Wie bist du bloß so dünn ge­wor­den?“

„Wenn du es wirk­lich wis­sen willst“, sag­te ich und ließ erst mal ei­ne Pau­se fol­gen, wäh­rend der ich mei­ne Sa­chen auf­häng­te, „als du weg­ge­gan­gen bist, ha­be ich auf­ge­hört zu es­sen.“

Sie seufz­te. Ich hör­te es. Und nach ei­ner Wei­le sag­te sie: „Na denn, jetzt bin ich wie­der da, al­so soll­test du wie­der da­mit an­fan­gen.“

„Du bist nicht wie­der da.“Ich hob ei­nen der Turn­schu­he auf und zog den Schnür­sen­kel her­aus. In un­se­rem Zim­mer war es sehr still, und ich konn­te die Ge­räu­sche von drau­ßen hö­ren – Frö­sche und Gril­len, der vol­le ge­misch­te Som­mer­chor, aber drin­nen schien es im­mer stil­ler zu wer­den. Ich woll­te nicht die­je­ni­ge sein, die das än­der­te. Ich ging zu mei­nem Bett und setz­te mich, den bau­meln­den Schnür­sen­kel in der Hand, dann reich­te ich ihn Ju­dith, stand wie­der auf und setz­te mich ne­ben sie auf ihr Bett, mit dem Rü­cken zu ihr. Ich sag­te nichts, ging aber da­von aus, dass sie wuss­te, was ich im Sinn hat­te, oder we­nigs­tens zwei und zwei zu­sam­men­zäh­len konn­te und mit dem Schnür­sen­kel die bei­den Trä­ger des Schwimm­an­zugs über den Schul­ter­blät­tern zu­sam­men­bin­den wür­de. Es war ein al­ter Trick, auf den wir in der High­school ge­kom­men wa­ren – die Trä­ger auf dem Rü­cken zu­sam­men­zu­bin­den, da­mit sie ei­nem nicht von den Schul­tern rutsch­ten und ei­nen an den Ar­men be­hin­der­ten.

„Willst du um die Wet­te schwim­men, oder wie?“, frag­te Ju­dith. Ich spür­te, wie auf mei­nem Rü­cken die Trä­ger zu­ein­an­der­ge­zo­gen wur­den, und setz­te mich auf­recht hin.

„Ich könn­te nicht mal mit ei­ner Schild­krö­te mit­hal­ten“, sag­te ich. „Ich dach­te ein­fach, so hält er viel­leicht bes­ser.“

Ich setz­te mich zu­rück auf mein ei­ge­nes Bett und fuhr fort: „Ich will näm­lich schwim­men ge­hen, und zwar jetzt. Ich will nicht war­ten, bis Gran­ny im Bett ist, und sie mag es nicht, wenn man oh­ne al­les schwimmt.“

Ju­dith nick­te, und im sel­ben Mo­ment war ein klei­nes Krat­zen an der Tür zu hö­ren, und Gran­ny kam her­ein, nied­lich und schüch­tern, und woll­te wis­sen, wor­über wir so lang ge­flüs­tert hät­ten.

„Ge­zankt“, sag­te ich, „nicht ge­flüs­tert“, aber das igno­rier­te sie voll­kom­men und wid­me­te sich auf ih­re be­vor­zug­te Wei­se ei­nem ih­rer be­vor­zug­ten The­men – wie schön es doch sei, ih­re bei­den Mäd­chen nach so lan­ger Zeit wie­der bei­ein­an­der zu se­hen – wie lang das denn jetzt her sei?

„Neun Mo­na­te“, sag­te ich ziem­lich rasch, wor­auf sie sag­te, vor neun Mo­na­ten ha­be Ju­dith Ber­ke­ley ver­las­sen, aber es sei schon viel län­ger her, dass wir bei­de zu­sam­men zu Hau­se ge­we­sen sei­en.

„Fast zwölf­ein­halb Mo­na­te“, sag­te ich auf die glei­che Wei­se – sach­li­che In­for­ma­ti­on, ver­läss­lich prä­sen­tiert –, und dann hielt ich in­ne, als war­te­te ich auf die nächs­te Fra­ge. Die auch kam.

„Wo ist denn dein Kleid, Herz­chen?“

„Weg­ge­packt“, sag­te ich, „da­mit die Mot­ten nicht dran­kom­men.“Aber ich wuss­te, dass ich fäl­lig war, jetzt ging’s ans Her­zei­gen, ans Vor­füh­ren, was ziem­lich si­cher be­deu­te­te, dass ich es an­zie­hen muss­te und die Schu­he gleich da­zu, wahr­schein­lich muss­te ich mir auch die Haa­re käm­men und über Ohr­rin­ge nach­den­ken und über das, was mei­ne Groß­mut­ter un­ter dem Be­griff Ac­ces­soires zu­sam­men­fasst. Kor­rek­ter­wei­se, neh­me ich an, aber ich ha­be die­sen Be­griff noch nie ge­mocht, au­ßer­dem miss­fällt mir al­les, was sich wie ei­ne Pro­be an­fühlt. Ich bin ei­ne An­hän­ge­rin des Gan­zo­der-gar-nicht, au­ßer­dem woll­te ich jetzt schwim­men ge­hen.

„Gin­ge das auch mor­gen?“, frag­te ich, aber ich sah schon, dass ich das mei­ner lie­ben Groß­mut­ter nicht an­tun konn­te, nach­dem sie mit ih­rem Kon­to so groß­zü­gig ge­we­sen war. Ja, ich hät­te es nie­man­dem an­tun kön­nen, der so un­ver­hoh­len ge­spannt war, so vol­ler Neu­gier und Vor­freu­de.

„Al­so gut“, sag­te ich des­halb, be­vor sie noch ein­mal fra­gen konn­te, knie­te mich zwi­schen un­se­re Bet­ten und fisch­te un­ter mei­nem nach der Schach­tel.

„Ist das der bes­te Ba­de­an­zug, den du fin­den konn­test, Cas­sie?“, frag­te Gran­ny über mir.

„Wie­so?“, frag­te ich, wäh­rend ich nach der Schach­tel an­gel­te, aber ins Lee­re griff. „Die­ser hat Läu­fer am Hin­ter­teil.“„Läu­fer?“Ich un­ter­brach mei­ne Su­che und blick­te ir­ri­tiert zu ihr hoch.

„Lauf­ma­schen“, sag­te sie, und ich ver­stand, was sie mein­te. Wenn in ei­nem Ny­lon­ba­de­an­zug ein Fa­den reißt, rib­belt er sich auf wie ei­ne Strumpf­ho­se, das hat­te ich selbst schon erlebt. Oft.

„Be­trach­te es als Spit­zen­mus­ter“, sag­te ich, be­kam die Schach­tel zu fas­sen und zog sie her­vor.

„Da sind nur T-Shirts und Espadril­les drin“, sag­te Ju­dith. „Tat­säch­lich? Oje.“„Das hast du mir selbst ge­ra­de ge­sagt.“

„Tja, viel­leicht ha­be ich mich ge­irrt“, sag­te ich. „Und ei­ne Mög­lich­keit, das her­aus­zu­fin­den, ist – nach­zu­schau­en.“

Ich schob den Dau­men­na­gel un­ter das Kle­be­band, lös­te es an ei­ner Sei­te und klapp­te den De­ckel auf. Ein Meer aus wei­ßem Sei­den­pa­pier, das ent­lang den Sei­ten sys­te­ma­tisch zu­sam­men­ge­knüllt war, und oben­drauf ein hüb­scher ro­sa Kas­sen­zet­tel. Ich fal­te­te den Kas­sen­zet­tel zu­sam­men und schob ihn seit­lich tie­fer in die Schach­tel, da­mit man ihn nicht sah, denn ich woll­te nicht, dass der Preis des Klei­des ir­gend­ei­nen Ein­fluss auf des­sen Beur­tei­lung hat­te.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.