Ba­by auf Stand­strei­fen der A57 ge­bo­ren

Blitz­ge­burt mit­ten im mor­gend­li­chen Stau­wahn­sinn auf der A 57 in Kre­feld: Fa­mi­lie Kochar aus Köln be­kam dort am Mitt­woch ei­nen klei­nen Jun­gen. Le­on hat fünf Ge­schwis­ter – nur we­gen ei­nes Zu­falls ist er der ers­te Nicht-Köl­ner.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON SE­BAS­TI­AN PE­TERS

KRE­FELD Mut­ter Deldar (39) kann so leicht nichts aus der Ru­he brin­gen: Fünf Kin­der hat­te sie schon zur Welt ge­bracht, al­le im Hei­lig-Geist-Kran­ken­haus Köln-Nip­pes, al­le lie­ßen sie sich Zeit, doch letzt­lich wa­ren sie al­le ge­sund und mun­ter. Als Va­ter Na­fi Kochar am Di­ens­tag vor der Fahrt zur Cou­si­ne nach Eind­ho­ven frag­te, ob Deldar trotz Schwan­ger­schaft mit­fah­ren und auch dort über­nach­ten wol­le, sag­te die Mut­ter zu­ver­sicht­lich: „Kein Pro­blem, wir schaf­fen das.“Es wa­ren schließ­lich noch zwei Wo­chen bis zum aus­ge­zähl­ten Ter­min. In der Nacht zu Mitt­woch merk­te Deldar Kochar in Eind­ho­ven al­ler­dings, dass dies­mal al­les ein we­nig an­ders war – es reg­te sich et­was. Um sechs Uhr sag­te sie zu ih­rem Mann. „Bring mich ins Kran­ken­haus, es ist so weit.“Va­ter Na­fi woll­te zu­nächst, wie von der Cou­si­ne emp­foh­len, ins städ­ti­sche Eind­ho­ve­ner Kran­ken­haus fah­ren. Sei­ne Frau aber sag­te: „Wir fah­ren nach Köln.“Sie wol­le ih­ren Sohn lie­ber in der Dom­stadt zur Welt brin­gen, es sei ein­fa­cher we­gen der Be­hör­den. Zeit­lich wer­de al­les pas­sen, trotz des al­ten Opel As­tra.

Fa­mi­lie Kochar hat zwei Din­ge un­ter­schätzt: Ers­tens: wie schnell der klei­ne Le­on ist. Zwei­tens: wie lang­sam man mor­gens auf der A57 vor­an­kommt. 3040 Gramm, dich­tes schwar­zes Haar, Le­on ist jetzt das jüngs­te von sechs Ge­schwis­tern – und als Ein­zi­ger kein ge­bür­ti­ger Köl­ner.

Ges­tern konn­te Va­ter Na­fi Kochar (46) im Kre­fel­der He­li­os-Kli­ni­kum schon wie­der schmun­zeln. Am Mitt­woch­mor­gen aber spiel­ten sich

Rich­tung Nim­we­gen nach­rü­cken­de

Feu­er­wehr dra­ma­ti­sche Sze­nen ab. „Hät­te ich doch nur die A61 ge­nom­men“, sag­te Na­fi Kochar. „Ich ha­be in der Hek­tik falsch ent­schie­den.“Er fuhr statt­des­sen von Eind­ho­ven aus die A67 und die A40, im Kreuz Mo­ers auf die A57. Den mor­gend­li­chen Be­rufs­stau auf der 57 – Tau­sen­de Nie­der­rhei­ner kön­nen da­von be­rich­ten – un­ter­schätz­te er. Bis Kre­feld lief die Fahrt rund, doch dann sah Na­fi Kochar die ers­ten Warn­blink­lich­ter. Stau! Ne­ben ihm sei­ne Frau: „Das Kind kommt, das Kind kommt“, sag­te sie im­mer wie­der. Na­fi Kochar ent­schied, per Han­dy die Feu­er­wehr zu ru­fen, und park­te in der Dun­kel­heit ge­gen 7 Uhr auf dem Sei­ten­strei­fen. „Als ich an­hielt, war das klei­ne Kind schon da.“Mut­ter Deldar hielt den noch durch die Nabelschnur mit ihr ver­bun­de­nen Jun­gen im Arm. „Er hat ganz laut ge­schrien, da wuss­te ich, al­les ist gut.“

Rund 20 Mi­nu­ten hät­ten sie auf Feu­er­wehr und Kran­ken­wa­gen war­ten müs­sen, schätzt Deldar Kochar. Das Pro­blem: Der Va­ter mel­de­te, dass er an der Ab­fahrt vor Kre­fel­dZen­trum auf dem Stand­strei­fen steht – er park­te aber un­mit­tel­bar hin­ter der Auf­fahrt auf dem Sei­ten­strei­fen. Der Kran­ken­wa­gen fuhr auf die Bahn und hat­te die Koch­ars im Rü­cken. Der Kran­ken­wa­gen­fah­rer rief bei Na­fi Kochar an: „Wo sind Sie?“. Der Va­ter sag­te: „Ich ha­be Sie ge­se­hen, Sie sind ge­ra­de vor mir auf die Auf­fahrt ge­fah­ren.“So muss­te der Kran­ken­wa­gen ei­ne Schlei­fe dre­hen. Kurz da­nach kam je­doch schon die Feu­er­wehr, und nach ei­ner Eh­ren­run­de dann auch der Kran­ken­wa­gen samt Not­arzt.

„An solch ei­nen spek­ta­ku­lä­ren Ge­bur­ten­ein­satz kann ich mich nicht er­in­nern“, sag­te ges­tern Chris­toph Man­ten, Ein­satz­lei­ter bei der Kre­fel­der Feu­er­wehr. Mut­ter und Ba­by sei­en auf dem Stand­strei­fen im Ret­tungs­wa­gen me­di­zi­nisch erst­ver­sorgt, dann durch den Not­arzt mit dem Ret­tungs­wa­gen wei­ter in das Kre­fel­der He­li­os-Kli­ni­kum trans­por­tiert wor­den. Dort lie­gen Mut­ter und Sohn in ei­nem Ein­zel­zim­mer, schon heu­te sol­len sie die Kli­nik ver­las­sen dür­fen. Auf dem Schild im Kin­der­bett­chen steht bis­her nur der Nach­na­me: Kochar. Die El­tern wol­len ihn Le­on nen­nen, aber Alan sei auch ganz schön, sagt der Va­ter. Der Fa­mi­li­en­rat muss noch ta­gen. „Wich­ti­ger ist oh­ne­hin, dass er ge­sund ist.“Die Fa­mi­lie, al­le Ge­schwis­ter, sei­en sehr glück­lich.

Ge­bür­tig kommt die Fa­mi­lie aus dem Irak, dort hat­te der Va­ter ein Ge­schäft für Be­klei­dung. Mit­te der 90er sind er und sei­ne Frau als ira­ki­sche Kur­den nach Deutsch­land ge­kom­men und in­zwi­schen über­zeug­te Köl­ner. Va­ter und Mut­ter ha­ben recht gut Deutsch spre­chen ge­lernt. Die Kin­der füh­len sich wohl in der Dom­stadt. Nur ein Ge­schwis­ter­chen ist nun et­was an­ders, ein Köl­ner mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Zu­min­dest ist Le­on auf der rich­ti­gen Rhein­sei­te ge­bo­ren wor­den.

FOTO: THO­MAS LAMMERTZ

Na­fi und Deldar Kochar sind froh, dass es ih­rem klei­nen Sohn trotz der tur­bu­len­ten Ge­burt auf dem Weg von Eind­ho­ven nach Köln gut­geht. Dass Le­on nicht in der Dom­stadt zur Welt kam, schmerzt das Paar trotz­dem.

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