Frisch­zel­len­kur für die De­mo­kra­tie

Di­rek­te De­mo­kra­tie ist in Mo­de. Re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie steht zu Un­recht am Pran­ger. Re­for­mie­ren soll­te man sie al­ler­dings schon, et­wa beim Wahl­recht.

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Auch wenn der Satz ab­ge­grif­fen wirkt, so trifft er doch zu: Die re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie ist in der Kri­se. Wir ver­zeich­nen ei­nen dra­ma­ti­schen Schwund des An­se­hens un­se­rer par­la­men­ta­ri­schen Ver­tre­tun­gen. Wer heu­te mit Blick auf den Bun­des­tag noch vom „Ho­hen Haus“spricht, ist ent­we­der ein Ka­ba­ret­tist oder des­sen ul­ki­ge Va­ri­an­te: ein Co­me­di­an. Der Ge­dan­ke, dass die Bür­ger­schaft in Ab­stän­den von vier oder fünf Jah­ren dar­über ent­schei­det, wer für sie in den Volks­ver­tre­tun­gen die öf­fent­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten wahr­nimmt, scheint aus der Mo­de ge­kom­men zu sein. Schlag­wör­ter zu die­sem Be­fund lau­ten „Po­li­tik­ver­dros­sen­heit“, neu­er­dings so­gar „ Po­li­tik-und Po­li­ti­ker­ver­ach­tung“. Wer da­ge­gen hält und be­haup­tet, un­se­re par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie ha­be sich groß­ar­tig be­währt, und was sich be­währt ha­be, sol­le ge­pflegt wer­den – der setzt sich Par­ty- und Talk­show­ge­spött aus. Wer je­doch das Ho­he­lied der di­rek­ten De­mo­kra­tie an­stimmt, er­freut sich wach­sen­den Zu­spruchs. Es hat den An­schein, als wer­de der di­rek­ten De­mo­kra­tie, in wel­cher der „mün­di­ge Bür­ger“po­li­tisch für sich han­delt, nicht nur ei­ne hö­he­re Le­gi­ti­ma­ti­on, son­dern auch ei­ne grö­ße­re po­li­tisch-mo­ra­li­sche Qua­li­tät zu­ge­bil­ligt.

Am Bei­spiel des An­ti-Olym­pia­Ent­scheids der Ham­bur­ger lässt sich er­ken­nen, wie sehr di­rek­te De­mo­kra­tie mit dem Zeit­geist weht. Pro­test­bür­ger ste­hen, so­lan­ge sie nicht aus der po­li­tisch kor­rek­ten Art schla­gen, hoch im Kurs. Da muss sich ein Par­la­men­ta­ri­er bei Illner & Co. schon glän­zend zu ver­kau­fen ver­ste­hen, wenn er nicht von den Ho­he­pries­tern di­rek­ter De­mo­kra­tie ans Kreuz ge­lie­fert wer­den will.

Der in die Jah­re ge­kom­me­nen re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie tä­te ei­ne Kur gut. Man soll­te den Re­prä­sen­tier­ten mehr Ein­fluss bei der Aus­wahl ih­rer Re­prä­sen­tan­ten ge­ben, un­ser Wahl­recht nach bri­ti­schem Vor­bild än­dern. Das von Par­tei­en be­herrsch­te Lan­des­lis­ten-Un­we­sen ist ei­ne de­mo­kra­ti­sche Miss­ge­burt. Un­ser Wahl­sys­tem ge­biert auch zu vie­le und zu vie­le zweit­klas­si­ge Ab­ge­ord­ne­te, die nie ei­nen Wahl­kreis ge­won­nen ha­ben, aber über die Lis­ten­rut­sche ins Par­la­ment plump­sen. Zu­dem soll­te po­li­ti­scher Wech­sel durch Be­fris­tung der Kanz­ler­amts­zeit und ma­xi­mal vier­jäh­ri­ge Le­gis­la­tur­pe­ri­ode be­för­dert wer­den. Stel­len wir die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie nicht an den Pran­ger, son­dern auf den Re­form­prüf­stand.

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