72-Jäh­ri­ge stellt Pas­tor seit 14 Jah­ren nach

Die Stal­ke­rin muss sich im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ver­ant­wor­ten, weil sie ei­nen Geist­li­chen be­läs­tigt. Ihr droht Haft.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA -

ARNS­BERG (RP/kna) Sie schrei­be ihm SMS, E-Mails und Lie­bes­brie­fe in de­nen sie ih­re Sex-Fan­ta­si­en schil­de­re, schi­cke Blu­men und ma­che an­züg­li­che Ge­schen­ke – oft in Form von Phal­lus­sym­bo­len. Vor dem Land­ge­richt in Arns­berg muss sich nun ei­ne 72-Jäh­ri­ge ver­ant­wor­ten, die seit 14 Jah­ren ei­nen Pries­ter ver­folgt und be­läs­tigt ha­ben soll. Die Frau wur­de be­reits 2014 vor dem Amts­ge­richt Me­sche­de in ers­ter In­stanz zu ei­nem Jahr und zwei Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt (Az: II-1 Ns 4/14). An­ge­klag­te wie Staats­an­walt­schaft hat­ten da­ge­gen Be­ru­fung ein­ge­legt. Im Be­ru­fungs­ver­fah­ren will die Kam­mer nun klä­ren, ob die Frau schuld­fä­hig ist und ob sie ge­ge­be­nen­falls in der Psych­ia­trie un­ter­ge­bracht wer­den soll.

Am ers­ten Ver­hand­lungs­tag hat­ten ges­tern vier Psych­ia­ter ih­re Ein­schät­zung ab­ge­ge­ben. Drei Gut­ach­ter sa­hen in dem Ver­hal­ten der Frau ei­nen stark krank­haf­ten Wahn in Form ei­nes „Lie­bes­wahns“und ka­men zu dem Schluss, dass ih­re Steue­rungs- und Schuld­fä­hig­keit nicht ge­ge­ben sei. Auch der vier­te Gut­ach­ter räum­te – an­ders noch als im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren – ein, dass die Steue­rungs- und Schuld­fä­hig­keit der An­ge­klag­ten ein­ge­schränkt sein könn­te. Zu­dem dia­gnos­ti­zier­te er ei­ne Per­sön­lich­keits­stö­rung der Frau. Über­dies wi­der­sprach er ei­nem sei­ner Kol­le­gen, wo­nach ei­ne schon vor Jah­ren be­gon­ne­ne De­menz sich aus­ge­wei­tet ha­be und den Wahn ver­stär­ke. Ei­nig sind sich al­le Gut­ach­ter, dass ei­ne psych­ia­tri­sche Un­ter­brin­gung nicht ziel­füh­rend wä­re und da­mit aus­zu­schlie­ßen sei.

Nach Aus­sa­gen des ka­tho­li­schen Geist­li­chen ist es auch seit der erst­in­stanz­li­chen Ver­ur­tei­lung re­gel­mä­ßig und in gleich­ge­blie­be­ner Häu­fig­keit zu Nach­stel­lun­gen ge­kom­men. So ru­fe ihm die Frau auf der Stra­ße Obszö­ni­tä­ten und se­xu­el­le An­ge­bo­te hin­ter­her und lau­fe „halb­nackt“in Reiz­wä­sche durch den Gar­ten des Pfarr­hau­ses der Sankt-Ni­ko­laus-Ge­mein­de in Me­sche­de, er­zähl­te der 61-Jäh­ri­ge. Oft de­ko­rie­re sie den Vor­gar­ten auch. Mit „Blu­men, Ro­sen, Luft­bal­lons, auf die ich schrei­be ,Ich lie­be Dich’, oder auch Möh­ren und Gur­ken“, er­zählt die An­ge­klag­te vor Ge­richt frei­mü­tig. Zwar sind in der Ver­gan­gen­heit be­reits meh­re­re Kon­takt­ver­bo­te aus­ge­spro­chen wor­den, und die An­ge­klag­te ist schon mehr­fach in the­ra­peu­ti­scher Be­hand­lung ge­we­sen. An ih­rem Ver­hal­ten hat sich aber of­fen­bar nichts ver­än­dert.

Wäh­rend der Ver­hand­lung räum­te die Sau­er­län­de­rin die Nach­stel­lun­gen pau­schal ein und be­teu­er­te ih­re „Lie­be“zu dem Geist­li­chen. Vor ei­nem Jahr schil­der­te sie dem Ge­richt in Me­sche­de be­reits, wie sie den Geist­li­chen ken­nen­ge­lernt ha­be: „Ich ha­be ihn 2000 zu­fäl­lig ge­trof­fen. Es hat mich wie ein Blitz er­wischt. Ich wuss­te ja nicht, dass er der Pas­tor ist.“

Bei ei­nem Frei­spruch der An­ge­klag­ten ge­be es für ihn kei­ne an­de­re Mög­lich­keit, als die Stal­ke­rin wei­ter zu er­tra­gen, sag­te der 61-jäh­ri­ge Pries­ter. Ei­ne et­wai­ge Ver­set­zung durch das zu­stän­di­ge Erz­bis­tum Pa­der­born kom­me für ihn nicht in Fra­ge. Das wür­de das Pro­blem nicht lö­sen, da er si­cher sei, dass die An­ge­klag­te im hin­ter­her­zie­he. Laut Ge­richt lei­det der Geist­li­che auf­grund der Nach­stel­lun­gen an Blut­hoch­druck, zu­dem ha­be er nerv­lich be­ding­te Darm­be­schwer­den. „Ich weiß nie, wann sie zu­schlägt“, sag­te der Pfar­rer.

Für Ex­per­ten ist der Fall der lie­bes­kran­ken Se­nio­rin nicht un­ge­wöhn­lich. Ins­be­son­de­re Pries­ter wür­den häu­fi­ger als Op­fer aus­er­ko­ren, weil die­se Lie­be un­er­wi­dert blei­be. Bei den meis­ten Stal­kin­gFäl­len ge­be es aber ei­ne rea­le Be­zie­hung zwi­schen Tä­ter und Op­fer. Meist wür­den Ex-Part­ner, Ar­beits­kol­le­gen oder Be­kann­te gestalkt, sagt Stal­king-Fach­mann Jens Hoff­mann aus Darm­stadt. Al­lein in NRW wür­den jähr­lich mehr als 6000 An­zei­gen mit mehr als 5000 Tat­ver­däch­ti­gen auf­ge­nom­men, heißt es beim Lan­des­kri­mi­nal­amt. Bun­des­weit gab es im Jahr 2014 fast 22.000 po­li­zei­lich re­gis­trier­te Stal­king-Fäl­le.

Ei­ne Ent­schei­dung des Land­ge­richts Arns­berg wird für den zwei­ten Ver­hand­lungs­tag am kom­men­den Mitt­woch er­war­tet. Bis da­hin bleibt wei­ter of­fen, ob die Frau in Haft muss.

FOTO: DPA

Die Se­nio­rin (hier beim Pro­zess im ver­gan­ge­nen Jahr) lei­det laut meh­re­ren Gut­ach­tern an „Lie­bes­wahn“. Ih­re Nach­stel­lun­gen hör­ten auch nicht auf, nach­dem die Rich­ter ihr ers­tes Ur­teil ge­fällt hat­ten.

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