VW soll wie­der bo­den­stän­dig wer­den

Noch im­mer sind 450 Er­mitt­ler da­mit be­schäf­tigt, die Hin­ter­grün­de des Ab­gas-Skan­dals bei Volks­wa­gen auf­zu­klä­ren. Der neue VW-Chef Mat­thi­as Mül­ler will un­ter­des­sen ei­ne neue, we­ni­ger au­to­ri­tä­re Un­ter­neh­mens­kul­tur.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RINKE

WOLFSBURG Die neue Un­ter­neh­mens­kul­tur be­ginnt bei der Fort­be­we­gung: Der fir­men­ei­ge­ne Air­bus wird ver­kauft. Es war ei­ne be­son­de­re An­nehm­lich­keit für die Vor­stän­de beim VW-Kon­zern, doch da­mit soll nun Schluss sein – schließ­lich soll jetzt al­les an­ders wer­den, zu­min­dest ein biss­chen: Klei­ne­re Flug­zeu­ge gibt es wei­ter­hin.

Es sei­en bei­spiel­lo­se zwei­ein­halb Mo­na­te ge­we­sen, sagt Hans Die­ter Pötsch und senkt den Blick da­bei Mat­thi­as Mül­ler Volks­wa­gen Chef im­mer wie­der auf sein Re­de­ma­nu­skript. Der Skan­dal um ma­ni­pu­lier­te Ab­gas­wer­te hat den ehe­ma­li­gen Fi­nanz­vor­stand an die Spit­ze des Auf­sichts­ra­tes ge­spült. Nun muss er, der bis da­hin als rech­te Hand des zu­rück­ge­tre­te­nen VW-Chef Mar­tin Win­ter­korn galt, auf­klä­ren und auf­räu­men. „Wir ste­hen vor der größ­ten Be­wäh­rungs­pro­be in der Ge­schich­te des Kon­zerns“, gibt er zu.

Zwar stell­te sich zu­min­dest der ver­meint­li­che Skan­dal um ma­ni­pu­lier­te Koh­len­di­oxid­wer­te als, nun ja, Luft­num­mer her­aus, als ei­ne Art Über­re­ak­ti­on ei­nes völ­lig ver­un­si­cher­ten Kon­zerns. Doch den Ein­satz von Schum­mel­soft­ware in Die­sel-Mo­to­ren kön­nen die Wolfs­bur­ger nicht weg­prü­fen. Der bleibt als ge­wal­ti­ges fi­nan­zi­el­les Ri­si­ko er­hal­ten, im­mer­hin dro­hen dem Kon­zern Scha­den­er­satz­kla­gen und na­tür­lich die teu­re Nach­rüs­tung der be­trof­fe­nen Fahr­zeu­ge. Elf Mil­lio- nen Die­sel-Mo­to­ren sind be­trof­fen, doch bis heu­te ist noch nicht ein­deu­tig be­wie­sen, wer da­für die Ver­ant­wor­tung trägt.

450 Er­mitt­ler – in­ter­ne und ex­ter­ne – sind mit der Au­f­ar­bei­tung be­schäf­tigt. 1500 elek­tro­ni­sche Da­ten­trä­ger sei­en da­zu ein­ge­sam­melt und 87 In­ter­views ge­führt wor­den, hieß es ges­tern bei der Vor­la­ge ei­ner ers­ten Zwi­schen­bi­lanz in Wolfsburg. „Al­les kommt auf den Tisch, nichts wird un­ter den Tep­pich ge­kehrt“, so Pötsch. Ei­nen voll­stän­di­gen Über­blick über die Er­geb­nis­se wer­de es je­doch wohl erst bei der Haupt­ver­samm­lung am 21. April 2016 ge­ben.

Un­ter­des­sen will der neue VWChef Mat­thi­as Mül­ler wei­ter an der neu­en Un­ter­neh­mens­kul­tur ar­bei­ten. Der Air­bus ist nur der An­fang. „Wir wer­den es nicht zu­las­sen, dass uns die­se Kri­se lähmt“, so Mül­ler: „Wir nut­zen sie als Ka­ta­ly­sa­tor für den Wan­del, den Volks­wa­gen braucht.“Da­zu müss­ten sich Struk- tu­ren und Denk­wei­sen än­dern. Das Top-Ma­nage­ment wer­de VW da­her künf­tig we­ni­ger zen­tra­lis­tisch füh­ren. Ent­schei­dun­gen soll­ten auf der Un­ter­neh­mens­ebe­ne ge­fällt wer­den, auf der sie am sinn­volls­ten zu fäl­len sei­en. „Die­se Neu­aus­rich­tung wä­re frü­her oder spä­ter oh­ne­hin nö­tig ge­we­sen“, so der Kon­zern­chef. Denn die VW-Kri­se ist auch ein Aus­druck der Füh­rungs­kul­tur.

Drei Fak­to­ren ha­ben laut Pötsch zur Ma­ni­pu­la­ti­on ge­führt: in­di­vi­du- el­les Fehl­ver­hal­ten, Schwach­stel­len in Pro­zes­sen und das To­le­rie­ren von Re­gel­ver­stö­ßen in ei­ni­gen Tei­len des Un­ter­neh­mens. Nun soll al­les an­ders wer­den: Vier-Au­gen-Prin­zip, Emis­si­ons­tests von ex­ter­nen, un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten und ei­ne Kul­tur, in der Feh­ler er­laubt sind, wenn man dar­aus die rich­ti­gen Schlüs­se zieht. Das klingt dann doch schon sehr nach der „Kul­tur des Schei­terns“, die so vie­len in­zwi­schen als Schlüs­sel zum Er­folg gilt, seit man be­ob­ach­tet, wie die Start-up-Grün­der im ka­li­for­ni­schen Si­li­con Val­ley da­mit Er­fol­ge fei­ern.

Da pass­te es gut, dass Mül­ler gleich­zei­tig Volks­wa­gen stär­ker auf die Di­gi­ta­li­sie­rung und die Elek­tro­mo­bi­li­tät aus­rich­ten und vor­be­rei­ten will. „Den Mu­ti­gen ge­hört die Zu­kunft bei Volks­wa­gen. Wir brau­chen ein Stück mehr Si­li­con Val­ley, ge­paart mit der Kom­pe­tenz aus Wolfsburg, In­gol­stadt, Stuttgart und den an­de­ren Kon­zern­stand­or­ten“, so Mül­ler, der den Tan­ker VW agi­ler und fle­xi­bler ma­chen will. Der ei­ge­ne An­spruch müs­se sein, den Ent­wick­lun­gen nicht hin­ter­her­zu­lau­fen, son­dern sie maß­geb­lich mit­zu­ge­stal­ten.

„Wir brau­chen mehr Si­li­con Val­ley, ge­paart mit un­se­rer Kom­pe­tenz“

FOTO: DPA

Ver­su­chen, die Kri­se weg­zu­lä­cheln: Volks­wa­gen-Chef Mat­thi­as Mül­ler (r.) und sein Auf­sichts­rats-Chef Hans Die­ter Pötsch ges­tern in Wolfsburg.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.