„Mis­t­ress Ame­ri­ca“ist ei­ner der Fil­me des Jah­res

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

DÜSSELDORF Tra­cy ist 18, sie kommt aus der Pro­vinz zum Stu­die­ren nach New York, die Stadt, die mehr Ein­woh­ner als Men­schen hat. Sie will Freun­de fin­den, und des­halb geht sie zu ei­ner Par­ty in ih­rem Wohn­heim. Sie hört Mu­sik im Flur, sie weiß nicht, ob sie dort rich­tig ist, des­halb fragt sie ei­ne Kom­mi­li­to­nin, die ei­ne zu­künf­ti­ge Freun­din sein könn­te: „Ist die Par­ty am En­de des Gangs?“Die Stu­den­tin fragt zu­rück, ob Tra­cy ei­ne Ein­la­dung ha­be, und als Tra­cy den Kopf schüt­telt, ent­geg­net das Mäd­chen, das nun doch kei­ne Freun­din wird: „Dann nicht.“

So trau­rig be­ginnt „Mis­t­ress Ame­ri­ca“, ei­ner der herr­lichs­ten Fil­me des Jah­res. Die Stim­mung be­kommt je­doch rasch ei­ne an­de­re Fär­bung, denn das Werk ist nach Art von Hollywoods Screw­ball-Ko­mö­di­en der 30er Jah­re ge­stal­tet. Da­mals tra­fen zwei un­glei­che Per­so­nen auf­ein­an­der, und sie lie­fer­ten sich ra­san­te Wort­ge­fech­te. Das war klug und lus­tig, zereb­ra­les Fun­keln, nah an der Far­ce, und Ka­the­ri­ne Hep­burn und Spen­cer Tra­cy bil­de­ten das Kö­nigs­paar des Gen­res.

In­zwi­schen gibt es wie­der ein Paar, das die­se Kunst­form zur Per­fek­ti­on führt, sie an die Be­dürf­nis­se der Ge­gen­wart an­passt: Es sind Noah Baumbach, der Re­gis­seur von „Mis­t­ress Ame­ri­ca“, und sei­ne Co- Au­to­rin und Haupt­dar­stel­le­rin Gre­ta Ger­wig. Ger­wig spielt die 30 Jah­re al­te Broo­ke, und die scheint all das zu ha­ben, wo­nach sich die ein­sa­me Stu­den­tin Tra­cy (Lo­la Kir­ke) im Wohn­heim sehnt: Freun­de, Stil und Über­wäl­ti­gungs­po­ten­zi­al.

Die Bei­den fin­den durch ei­nen schrä­gen fa­mi­liä­ren Zu­fall zu­ein­an­der, und als Tra­cy das ers­te Mal bei Broo­ke an­ruft, mel­det sie sich so: „Hi, mei­ne Mut­ter wird dei­nen Va­ter hei­ra­ten.“Da­zu singt Paul McCart­ney „No Mo­re Lo­nely Nights“. Die künf­ti­gen Stief­schwes­tern mi­schen fort­an ge­mein­sam die Näch­te in Man­hat­tan auf, und sie ver­su­chen, Geld auf­zu­trei­ben für das Ca­fé, das Broo­ke er­öff­nen will: Es soll Treff­punkt der Tolls­ten sein und so ge­müt­lich, dass nie­mand auf sein Han­dy schaut. Und es soll „Mom’s“hei­ßen.

Baumbach wird oft vor­ge­wor­fen, sei­ne Ar­bei­ten glänz­ten durch gu­te Dreh­bü­cher, gä­ben fil­misch aber we­nig her. Hier ist al­les an­ders, er cho­reo­gra­fiert sei­ne dem Le­ben ab­ge­lausch­ten Dia­lo­ge ge­ra­de­zu, und die groß­ar­tigs­ten Sze­nen spie­len im Haus von Brooks Ex-Freund, dem po­ten­zi­el­len Geld­ge­ber. Es ist, als stel­le Baumbach meh­re­re Ping­pong-Plat­ten ne­ben­ein­an­der und las­se zur sel­ben Zeit je­den ge­gen je­den spie­len, und zwar mit nur ei­nem Ball, und der Ball ist die Spra­che. Sät­ze zi­schen hin- und her, sie ent­lar­ven ih­re Ab­sen­der und ver­gif­ten die Emp­fän­ger. Am En­de hat Broo­ke ver­lo­ren, und der Sie­ger ist die Wahr­heit: „Dei­ne Ju­gend ist ge­stor­ben, und du trägst stän­dig den Sarg mit dir her­um.“

In Baum­bachs Fil­men, in „Gre­en­berg“, „Fran­ces Ha“und „Ge­fühlt Mit­te zwan­zig“geht es um Men­schen, die vor­ge­ben, et­was zu sein und nicht hal­ten, was sie ver­spre­chen. Auch Broo­ke ist so ei­ne Fi­gur. Nichts an ihr ist echt, das stellt sich bald her­aus, sie ist ge­schei­tert, aber die­ses Schei­tern ist so amü­sant an­zu­se­hen, so fas­zi­nie­rend zu hö­ren und im Kern so mensch­lich, dass man sich kaum ei­ne schö­ne­re Nie­der­la­ge wün­schen könn­te.

FOTO: DPA

Lo­la Kir­ke (l.) und Gre­ta Ger­wig in „Mis­t­ress Ame­ri­ca“.

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