Wenn äl­te­re Men­schen al­lei­ne sind

Sich ein­sam füh­len kann sehr be­las­tend sein. Be­trof­fe­ne soll­ten selbst ak­tiv wer­den und sich be­schäf­ti­gen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON MA­RIA WO­KUR­KA

Ein­sam­keit ist nicht nur ein Pro­blem für Se­nio­ren. Aber bei äl­te­ren Men­schen ist das Ri­si­ko hö­her sich ein­sam zu füh­len. An­ge­hö­ri­ge, Freun­de und Se­nio­ren selbst kön­nen aber ver­su­chen, et­was da­ge­gen zu tun. Al­lein­sein emp­fin­den vie­le Men­schen als an­ge­nehm und ge­nie­ßen die Ru­he und Zeit für sich. Ein­sam­keit hin­ge­gen kann sehr be­las­tend sein. Ge­ra­de die an­ste­hen­den Fei­er­ta­gen sind nicht für al­le Men­schen ein Fest der Freu­de. Auch in die­sem Jahr wer­den vie­le, zum gro­ßen Teil äl­te­re Men­schen, das Weih­nachts­fest al­lein ver­brin­gen, da sie kei­ne Kon­tak­te zu Ver­wand­ten oder Be­kann­ten ha­ben. Sie füh­len sich oft ein­sam.

Edith Kall­mey­er ver­misst ih­ren vor 17 Jah­ren ver­stor­be­nen Mann sehr. „Wenn ich aus­ge­he, se­he ich oft so vie­le Paa­re. Fan­gen Leu­te an zu tan­zen, wer­de ich nach­denk­lich und zie­he mich lie­ber zu­rück“, sagt die 81-Jäh­ri­ge. „In den letz­ten Jah­ren sind ei­ni­ge mei­ner Freun­de ge­stor­ben. Ver­wand­te ha­be ich nicht mehr.“

Der Vor­stands­vor­sit­zen­de des Zen­trums für Qua­li­tät in der Pfle­ge (ZQP), Ralf Suhr, er- klärt: „Ins­be­son­de­re sehr al­te Men­schen über 80 mit star­ken ge­sund­heit­li­chen Ein­schrän­kun­gen kön­nen von Ein­sam­keit stark be­trof­fen sein.“

Denn häu­fig tref­fen meh­re­re Ri­si­ko­fak­to­ren zu – wie das Ver­ster­ben von An­ge­hö­ri­gen, Part­nern und Freun­den. „Gleich­zei­tig neh­men kör­per­li­che und geis­ti­ge Ein­bu­ßen sta­tis­tisch ge­se­hen zu. Die Teil­nah­me am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben wird da­durch schwie­ri­ger.“

Für ih­re fast 82 Jah­re ist Edith Kall­mey­er fit­ter als manch ein Te­enager. Je­den Tag ei­ne St­un­de wal­ken – „straf­fes Lau­fen“nennt sie das. Bis vor kur­zem hat Kall­mey­er noch eh­ren­amt­lich ge­ar­bei­tet. Auch oh­ne das ist die Mut­ter von drei Kin­dern viel be­schäf­tigt: Wan­dern, Li­te­ra­tur­krei­se, Rei­sen, The­men­aben­de in der Volks­hoch­schu­le und ein paar Aus­geh-Aben­de – Ak­ti­vi­tä­ten len­ken ab. Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten, sich auch im Al­ter zu be­schäf­ti­gen, fin­det Kall­mey­er. „Nur, man muss sich auf den Weg ma­chen“. Den Schwei­ne­hund über­win­den. Ur­su­la Lenz von der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Se­nio­ren­or­ga­ni­sa­tio­nen (BAGSO) er­klärt, war­um ge­nau das oft schwer­fällt: „Ver­lus­te jahr­zehn­te­lan­ger Be­zie­hun­gen sind nur schwer zu ver­kraf­ten und die Mög­lich­keit, neue Men­schen ken­nen­zu­ler­nen, sind ein­ge­schränkt. Oft ge­ra­ten Men­schen auch in Ein­sam­keit, weil sie er­war­ten, dass an­de­re auf sie zu­ge­hen.“Ein Mi- ni­mum an Ei­gen­in­itia­ti­ve sei er­for­der­lich, und Er­war­tun­gen müs­sen an­ge­passt wer­den. „Nur sel­ten tref­fen wir Men­schen, die all un­se­re Wün­sche auf ein­mal er­fül­len.“

Laut ei­ner Stu­die des ZQP le­ben bun­des­weit über die Hälf­te der Men­schen mit Pfle­ge­be­darf und am­bu­lan­ter Ver­sor­gung al­lein. „Al­lein­le­ben­de Pfle­ge­be­dürf­ti­ge sind be­son­ders ge­fähr­det, sich ein­sam zu füh­len“, sagt Suhr. „Sie sind stark von Ab­hän­gig­keit, so­zia­ler Iso­la­ti­on oder ge­rin­gem Ein­kom­men be­trof­fen.“Lenz be­kräf­tigt: „Ein VHS-Kurs oder ein Thea­ter­be­such sind teu­er. Es gibt auch güns­ti­ge oder kos­ten­freie An­ge­bo­te, aber von Al­ters­ar­mut Be­trof­fe­ne schä­men sich oft und zie­hen sich zu­rück.“

Kei­ne gu­te Idee ist, sich an die Kin­der zu klam­mern. „Wenn ich mei­ne Kin­der be­su­che, mel­de ich mich an. Sie ha­ben schließ­lich auch ihr ei­ge­nes Le­ben“, sagt Kall­mey­er. Lenz er­klärt: „Kin­der kön­nen nur be­grenzt die Ein­sam­keit lin­dern. Sie kön­nen und sol­len sich küm­mern, aber die El­tern müs­sen auch selbst ak­tiv wer­den.“Hilf­reich sei es, mit an­de­ren Men­schen ge­mein­sa­men Hob­bys wie Rei­sen, Spra­chen ler­nen oder Skat­spie­len nach­zu­ge­hen. „Es gibt vie­le Se­nio­ren­be­geg­nungs­stät­ten, Kir­chen­ge­mein­den und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, die ein brei­tes An­ge­bot für Äl­te­re ha­ben. Auch Mehr­ge­ne­ra­ti­ons­häu­ser sind ei­ne Op­ti­on. Hier un­ter­neh­men sie ge­mein­sam mit jun­gen Men­schen et­was“.

An­schluss gibt es an vie­len Stel­len, sagt Suhr: „Vie­ler­orts wer­den oft Fahr­diens­te an­ge­bo­ten. Auch Haus­tie­re kön­nen der Ein­sam­keit vor­beu­gen. Sie ge­ben das Ge­fühl, ge­braucht zu wer­den, kön­nen Nä­he und Trost spen­den, för­dern die Be­weg­lich­keit und Ge­sprä­che mit an­de­ren Tier­be­sit­zern.“

FOTO: ARCHIV/KEYSTO­NE/SCHULZ

Ge­ra­de an den Fest­ta­gen füh­len sich vie­le äl­te­re Men­schen sehr ein­sam – Ak­ti­vi­tä­ten hel­fen dar­über hin­weg.

FOTO: IVH

Haus­tie­re kön­nen Ein­sam­keit vor­beu­gen.

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