Die­se Hei­di rührt die Zu­schau­er zu Trä­nen

Die Neu­ver­fil­mung des Kin­der­buch-Stoffs ist ge­lun­gen. Die Pro­duk­ti­on ist ein Bei­spiel für ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fen­des Ki­no.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON RE­NÉE WIE­DER

Es muss ein Stück Ar­beit ge­we­sen sein, die­sen Film so hin­zu­krie­gen - die Ge­schich­te, die ein­fach je­der kennt, ganz neu zu er­zäh­len. Mit Hei­di ist es wie mit Pip­pi. Man glaubt, al­les über sie zu wis­sen. Der Öhi, die Alm, der Pe­ter. Tan­te De­te, Kla­ra im Roll­stuhl und Fräu­lein Rot­ten­mei­er, die­ses dür­re vik­to­ria­ni­sche Schreck­ge­spenst weib­li­cher Päd­ago­gik. Hei­di ist al­so zu­rück. Und sie ist gar nicht die Al­te.

Es sind die 137 Jah­re al­ten „Hei­di“-Ro­ma­ne der Schwei­ze­rin Jo­han­na Spy­ri, auf die sich Re­gis­seur Alain Gs­po­ner be­zieht. Mit so viel Re­spekt und Lie­be zum De­tail, als hät­te es all die an­de­ren Fil­me und Trick­se­ri­en, die Bild­bän­de, Man­gas und ja­pa­ni­schen The­men­parks nie ge­ge­ben. Gs­po­ner hat schon in „Das klei­ne Ge­spenst“ge­zeigt, dass er so­li­des Kin­der­ki­no ma­chen kann. Für „Hei­di“qua­li­fi­zier­te den Schwei­zer auch ein Ge­spräch mit sei­nem Va­ter, der als Jun­ge selbst Zie­gen­hir­te war und dem Sohn ei­nen gu­ten Rat gab: „Denk dran, das ist nicht nur ein Kin­der­stoff. Es ist auch ein Er­wach­se­nen­dra­ma“.

Gleich am An­fang, als Hei­di sich auf dem Weg zur Hüt­te des Groß­va­ters bis aufs Un­ter­hemd aus­zieht, zeigt sich, dass es hier um Frei­heit geht. Die Art von Frei­heit, die nur ent­ste­hen kann, wenn man ge­ra­de der En­ge ent­kom­men ist. Die Schwei­ze­rin Anuk Stef­fen spielt Hei­di, ein ro­bus­tes Ding mit brau­nem Haar­wust und dre­cki­gen Fü­ßen. Der Al­möhi, wun­der­bar wuch­tig ver­kör­pert von Bru­no Ganz, will die­se frem­de En­ke­lin nicht, die ihm die De­te (An­na Schinz) da vor der Tür ab­stellt. So kann Hei­di ih­re neue Welt selbst ge­stal­ten, mit dem Gei­ßen­pe­ter Kräu­ter pflü­cken, die Ber­ge hoch­klet­tern. Und ne­ben­bei je­dem, der ihr be­geg­net, das Herz bre­chen. Dem Pe­ter, dem Pu­bli­kum. Dem Öhi.

Die­ses Mä­del ist ein an­de­res als das in Ha­yao Miyaz­akis idyl­li­scher Anime­se­rie aus den Sieb­zi­gern. Hei­dis Welt sind zwar die Ber­ge, ha­ben aber we­nig mit dem al­ten Ti­tel­schla­ger von Git­ti & Eri­ka ge­mein­sam. Gs­po­ner zeigt die ar­me Schweiz des 19. Jahr­hun­derts, wie Spy­ri sie noch kann­te, wo das Le­ben hart war und Ber­ge und Leu­te schroff. Fast al­les, was an Hei­di je für ei­nen Hei­mat­film taug­te, nimmt Gs­po­ner raus. Üb­rig bleibt ein na­tu­ra­lis­ti­sches Zwi­schen­ding aus Fa­mi­li­en­film und So­zi­al­kri­mi. Die Ge- schich­te ei­nes Wai­sen­mäd­chens, das sein Zu­hau­se fin­det und wie­der ver­liert.

De­te kehrt zu­rück und ent­führt das Kind nach Frankfurt. In der Vil­la der rei­chen Se­se­manns stellt sie Hei­di ein zwei­tes Mal ab, bei der kränk­li­chen Kla­ra (Isa­bel­le Ott­mann) und Fräu­lein Rot­ten­mei­er. Für Hei­di be­ginnt ein Mar­ty­ri­um aus Zucht und Ord­nung, Durch­hal­ten und Heim­weh. Von all dem er­zählt der Film ru­hig, ge­fühl­voll und mit sorg­sa­mer Aus­stat­tung. Auch in den Ne­ben­rol­len fin­det man noch gro­ße Na­men: Han­ne­lo­re Ho­ger als Kla­ras Groß­mut­ter, Ma­xim Meh­met als Herr Se­se­mann, Pe­ter Loh­mey­er als Haus­die­ner Se­bas­ti­an. Al­les Fi­gu­ren, die nicht ein­fach nur gut sind oder bö­se, son­dern so am­bi­va­lent schil­lern, wie das in ei­nem Kin­der­film sonst nicht üb­lich ist. Bru­no Ganz’ Öhi ist ein ver­roh­ter Ein­sied­ler, der sei­ne düs­te­ren Mo­men­te hat bis zum Schluss. Fräu­lein Rot­ten­mei­er, auf den Punkt sprö­de ge­spielt von Katharina Schütt­ler, ver­zehrt sich ins­ge­heim nach Herrn Se­se­mann. Die Groß­mut­ter hat ein gro­ßes Herz, nicht aber den Wil­len, sich län­ger um Kla­ra oder Hei­di zu küm­mern.

Die Ent­de­ckung des Films ist Anuk Stef­fen. Die Zehn­jäh­ri­ge gibt ein idea­les Na­tur­kind ab, ei­ne Un­be­irr­ba­re, die in je­der Sze­ne weiß, wer sie ist. Ih­ret­we­gen rührt es ei­nen so, wenn Hei­di in Frankfurt auf den Kirch­turm steigt, weil man von da aus viel­leicht die Ber­ge sieht, und nachts so von Sehn­sucht ge­schüt­telt wird, dass ihr Kör­per schlaf­wan­delt.

Die The­men in „Hei­di“sind so uni­ver­sell, wie man das in die­sem Gen­re gar nicht un­be­dingt er­war­tet. Freund­schaft, Selbst­be­stim­mung, die Fa­mi­lie als Zu­hau­se, und sei die­ses Zu­hau­se noch so un­ge­wöhn­lich. Die Ein­sicht, dass wir zu be­stimm­ten Men­schen an be­stimm­te Or­te ge­hö­ren und an an­de­re eben nicht. Hei­dis Ge­schich­te ist zeit­los und ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fend, Gs­po­ners Film ist es auch. Man­che wür­den den lan­gen Atem, die au­then­ti­sche Re­qui­si­te alt­mo­disch nen­nen. Kin­der von heu­te zum Bei­spiel, die lie­ber „Mine­craft“spie­len wol­len als ei­nem Mäd­chen mit zot­te­li­gen Haa­ren zu­se­hen, wie es auf ei­ner Wie­se Zie­gen­milch trinkt.

Ge­ra­de die soll­ten den Film se­hen. So ein biss­chen Ki­no­berg­luft tut mal ganz gut. Hei­di, Deutsch­land und Schweiz 2015 – Re­gie: Alain Gs­po­ner. Mit: Anuk Stef­fen, Bru­no Ganz, Qui­rin Agrip­pi. Stu­dio­ca­nal, 111 Min. FSK ab 0 Jah­re.

FOTO: DPA

Gei­ßen­pe­ter (Qui­rin Agrip­pi) und Hei­di (Anuk Stef­fen).

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