Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Dann brach ich ein Sie­gel auf und schlug das Pa­pier zu­rück. Da lag das Kleid, still und un­auf­dring­lich weiß in­mit­ten all des wei­ßen Pa­piers, doch der In­be­griff von Ele­ganz und Stil. Ein­deu­tig das schöns­te Kleid, das ich seit der sieb­ten Klas­se ge­habt hat­te.

Ich er­war­te­te, glau­be ich, dass Ju­dith pfiff und Gran­ny zwit­scher­te, doch kei­ne von bei­den gab ei­nen Ton von sich, al­so hob ich das Kleid an den Schul­tern aus der Schach­tel und er­klär­te ih­nen, es sei eins von den Klei­dern, die in der Schach­tel nicht voll zur Gel­tung kom­men. Oder auch auf dem Klei­der­bü­gel. Das Ent­schei­den­de war, wie es saß. Und wie es ge­schnei­dert war.

„Die­se Kel­ler­fal­te hier am Rü­cken zum Bei­spiel“, sag­te ich und zeig­te Gran­ny die hüb­schen Zier­sti­che, die die Fal­te oben und un­ten fest­hiel­ten, und Gran­ny guck­te, sag­te aber kein Wort.

„Rei­ne Sei­de“, sag­te ich. „Fühlt mal das Ge­wicht. Und es ra­schelt rich­tig.“

Ich kam mir lang­sam vor wie ei­ne Ver­käu­fe­rin, die ei­ne we­nig über­zeug­te Kun­din zum Kauf zu be­we­gen ver­sucht. Zwei we­nig über­zeug­te Kun­din­nen. Und als ich den Blick von mei­nem Kleid ab­wand­te, sah ich, dass die bei­den sich auf ei­ne schwer zu deu­ten­de Art und Wei­se an­sa­hen. Es war, als wüss­ten sie et­was, was ich nicht wuss­te, und ge­nau­so war es na­tür­lich auch, nur hat­te ich kei­nen blas­sen Schim­mer, was es war. Ich merk­te nur, dass ent­we­der mit mir et­was nicht stimm­te oder mit mei­ner Klei­der­wahl.

„Es ist nicht zu über­se­hen, dass es euch nicht ge­fällt“, sag­te ich, und Ju­dy schau­te zwi­schen mei­nem Kleid und Gran­ny hin und her, mit ei­ner eben­so ver­wirr­ten wie ver­wir­ren­den Mie­ne, ei­ner Art Kom­bi­na­ti­on aus Stau­nen und Be­stür­zung.

„Ich ha­be nicht ge­sagt, dass es mir nicht ge­fällt“, sag­te sie mit ziem­lich tie­fer, fast aus­drucks­lo­ser Stim­me. „Ich fin­de es toll. Und ich fand es schon toll, als ich de­ins noch gar nicht ge­se­hen hat­te.“

Sie ver­stumm­te, schau­te et­was rat­los drein, und dann guck­te sie zu Gran hin­über und sag­te: „Komm, Gran­ny, sag du’s ihr.“

Gran­ny sah kein biss­chen rat­los aus. So be­geis­tert hat­te ich sie seit Jah­ren nicht mehr erlebt.

„Oh Cas­sie, das ist wirk­lich köst­lich“, rief sie, „nach­dem ihr euch all die Jah­re im­mer ge­wei­gert habt, das Glei­che an­zu­zie­hen.“

Mein Atem setz­te kurz aus. Köst­lich be­deu­tet bei mei­ner Groß­mut­ter ge­mein­hin zum Brül­len. Sie sag­te es in Mo­men­ten, wo an­de­re sa­gen wür­den, ihr lacht euch tot, wenn ihr das hört, und ich be­griff ziem­lich ge­nau, was ich falsch ge­macht, wel­chen gro­ben Feh­ler ich be­gan­gen hat­te, oh­ne die­se Er­kennt­nis je­doch wirk­lich zu­zu­las­sen. Ich ließ al­les ins Va­ge ver­schwim­men, das Kleid, die Stim­me, die Stim­men, saß mür­risch da in mei­nem zu­sam­men­ge­bun­de­nen Ba­de­an­zug und sann dar­über nach, wel­che Rol­le der Zu­fall in ei­nem Le­ben spielt, oder viel­mehr in zwei Le­ben, und wie we­nig man letzt­lich selbst in der Hand hat. Auch an Co­gnac dach­te ich.

„Las­sen wir Gott mal lie­ber bei­sei­te“, hör­te ich Ju­dith sa­gen, und ich rich­te­te mich auf und frag­te sie, wo­von sie re­de.

„Wo warst du denn ge­ra­de?“, frag­te Ju­dy, und ich ant­wor­te­te, hier, aber mit den Ge­dan­ken wo­an­ders, wor­auf sie mir er­klär­te, Gran­ny ha­be ge­ra­de ge­sagt, das be­wei­se doch, dass Gott schon im­mer ge­wollt ha­be, dass wir uns iden­tisch an­zö­gen. Wie sonst hät­te es pas­sie­ren kön­nen, dass wir uns jetzt, nach vier­und­zwan­zig Jah­ren, in de­nen wir pein­lichst dar­auf ge­ach­tet hat­ten, nie das Glei­che zu tra­gen, in zwei ver­schie­de­nen Städ­ten un­ab­hän­gig von­ein­an­der für das glei­che Kleid ent­schie­den hat­ten? Und das auch noch für den­sel­ben An­lass.

Gran­ny saß jetzt am Fu­ßen­de mei­nes Betts, ge­gen­über von Ju­dy, und schau­te wahr­haft tri­um­phie­rend drein. Be­stä­tigt.

„Ich woll­te ja nun weiß Gott im­mer, dass ihr euch gleich an­zieht, und ha­be nie be­grif­fen, was Ja­ne da­ge­gen hat­te. Oder auch Jim.“

„Ich glau­be“, sag­te ich, ganz lang­sam und förm­lich, da­mit sie wirk­lich zu­hör­te, „es ging ih­nen dar­um, dass wir In­di­vi­du­en wer­den, je­de für sich, und dass wir we­der selbst in Ver­wir­rung ge­ra­ten noch an­de­re Leu­te ver­wir­ren.“

„Ge­nau“, sag­te Amen.

„Oh, ich ha­be sie das tau­send­mal er­klä­ren hö­ren“, sag­te Gran und seufz­te. „Wie oft ha­be ich euch die ent­zü­ckends­ten Klei­der mit­ge­bracht, al­les gleich bis hin zu den Söck­chen und den klei­nen Un­ter­hös­chen, und je­des Mal muss­te ich al­les wie­der zu­rück­schi­cken.“

Sie seufz­te er­neut, und ich spür­te das leich­te Zie­hen ei­ner al­ten Kriegs­ver­let­zung. Ich er­in­ner­te mich noch dar­an, wie wir uns von ei­ni­gen aus­ge­spro­chen hüb­schen Ge­schen­ken wie­der hat­ten ver­ab­schie­den müs­sen und wie Ju­dy und ich zu­sam­men ge­weint hat­ten, nach­dem sie zu­rück­ge­schickt wor­den wa­ren.

Jetzt schau­ten wir uns an, wäh­rend Gran­ny mit Va­ria­tio­nen zu ih-

Ju­dith, wie ein rem The­ma fort­fuhr – und schließ­lich en­de­te, wie sie be­gon­nen hat­te, näm­lich da­mit, wie köst­lich es doch sei, dass wir un­ab­hän­gig von­ein­an­der ge­nau das glei­che Hoch­zeits­kleid aus­ge­sucht hät­ten.

Das ging zu weit. Mei­nes war kein Hoch­zeits­kleid. Es war ein­fach ein Kleid, dass ich ge­kauft hat­te, um es auf je­man­des Hoch­zeit zu tra­gen. Hät­te ich es als mein Hoch­zeits­kleid be­zeich­net, wä­re das viel­leicht noch an­ge­gan­gen, denn ich hät­te die Iro­nie über­deut­lich durch­schei­nen las­sen, aber wenn Gran das sag­te, war es an­ders. Es klang un­ge­hö­rig, und das Zim­mer er­schien mir plötz­lich viel zu klein und von zu viel Sei­den­pa­pier er­füllt.

„Lass mal de­ins se­hen“, sag­te ich zu Ju­dy. „Viel­leicht äh­neln sie sich ja we­ni­ger, als du denkst.“„Sei nicht al­bern“, sag­te sie. „Lass halt mal se­hen.“Sie er­hob sich, schob ih­re Schrank­tür auf und hol­te das Kleid auf sei­nem Bü­gel her­aus. Ab­so­lut iden­tisch. Der­sel­be Schnitt. Klei­der­grö­ße 10. Wei­ße Sei­de. Fühl das Ge­wicht, das un­er­träg­li­che, er­drü­cken­de Ge­wicht. Ich wand­te den Blick da­von ab, und was sah ich? Das an­de­re, das über mei­ne Schach­tel auf dem Bett ge­fal­len war. Das Kleid, das ich als meins be­trach­tet hat­te – das Kleid, das in sei­ner ele­gan­ten Sch­licht­heit ei­nen so ekla­tan­ten Kon­trast zu dem Ding hat­te bil­den sol­len, das man als Braut tra­gen muss­te, läng­li­cher An­steck­strauß, wei­ßes Ge­bets­buch und halb­lan­ger Schlei­er in­klu­si­ve, so mei­ne Hoff­nung.

(Fort­set­zung folgt)

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