Der un­be­kann­te Rie­se

Un­ter den Wirt­schafts­be­rei­chen in Deutsch­land ist die Lo­gis­tik mit rund drei Mil­lio­nen Be­schäf­tig­ten die Num­mer drei – ein Rie­se, der nicht nur für pünkt­li­chen Trans­port von Gü­tern und La­ge­rung sorgt. Gleich­wohl sorgt sich die Bran­che um ihr Image und die

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG - VON JOSÉ MACIAS

Wie per­fekt lo­gis­ti­sche Di­enst­leis­tun­gen funk­tio­nie­ren kön­nen, er­le­ben die Bun­des­bür­ger vor al­lem bei den Pa­ket­diens­ten. Im Zu­sam­men­spiel mit dem On­line­han­del kann der Bür­ger hier selbst ge­nau ver­fol­gen, wie ra­send-schnell Lo­gis­tik hier­zu­lan­de auf­ge­stellt ist. Lie­fer­zei­ten von 24 St­un­den, ja so­gar noch am glei­chen Tag, ge­hö­ren in­zwi­schen zum Stan­dar­dan­ge­bot. Ob das an­ge­sichts ver­stopf­ter Stra­ßen auf den Au­to­bah­nen und In­nen­städ­ten auch im­mer Sinn macht, al­le Wa­ren so schnell ver­füg­bar zu ha­ben, ist si­cher­lich auch ei­ne Dis­kus­si­on wert. Dr. Rü­di­ger Ostrow­ski stört sich eher an den ge­rin­gen Er­trä­gen. Der Ge­schäfts­füh­rer des Ver­ban­des Spe­di­ti­on und Lo­gis­tik Nord­rhein-West­fa­len (VSL NRW) kri­ti­siert den har­ten Preis­wett­be­werb, wie er vor al­lem von den gro­ßen On­li­nehänd­lern for­ciert wird. Denn bei sei­nen Mit­glieds­be­trie­ben und der Viel­zahl der rund 60 000 Un­ter­neh­men, die bun­des­weit lo­gis­ti­sche Di­enst­leis­tun­gen an­bie­ten, kommt rein fi­nan­zi­ell im­mer we­ni­ger an.

Ostrow­ski und sei­ne Mit­strei­ter sor­gen sich viel­mehr um die Zu­kunft der Lo­gis­tik, das wur­de auch beim zwei­ten RP-Wirt­schafts­fo­rum „Lo­gis­tik“deut­lich, zu dem die Rheinische Post ge­mein­sam mit dem Lo­gis­ti­kFach­ver­lag DVV Me­dia Group füh­ren­de Re­prä­sen­tan­ten der Bran­che ein­ge­la­den hat­te. Das Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men (TTIP) et­wa bie­tet nach An­sicht der Ex­per­ten zahl­rei­che Chan­cen, aber auch Ge­fah­ren. „Die Lo­gis­tik ist jetzt schon zu güns­tig“, so Andre­as Flei­scher, Bu­si­ness Unit Di­rek­tor bei der Se­gro Ger­ma­ny Gm­bH. „Die Ver­brau­cher neh­men nicht wahr, was al­les im Hin­ter­grund nö­tig ist und läuft.“

Dr. Rü­di­ger Ostrow­ski beim Re­dak­ti­ons­be­such Fin­ger in die Wun­den der Bran­che. „Rah­men­be­din­gun­gen und recht­li­che Vor­aus­set­zun­gen wer­den für uns im­mer kom­pli­zier­ter“, be­klagt er sich – und ver­weist et­wa auf die zahl­rei­chen Nach­weis­pflich­ten, zum Bei­spiel der Ge­wäs­ser­schutz­be­auf­trag­te. „Von der Ar­beit des Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rungs­be­auf­trag­ten des Lan­des NRW spü­ren wir nichts!“

Gleich­zei­tig kämp­fen auch die Ver­bän­de um po­li­ti­sche Auf­merk­sam­keit. Kein ein­fa­ches Un­ter­fan­gen, wie der Ver­bands­chef aus nun­mehr zwei Jahr­zehn­ten Ver­bands­ar­beit be­rich­tet. Frü­her, da be­stand der Ver­band im be­völ­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­land noch aus rund 1100 Mit­glie­dern, jetzt sind es über 500. Das war die Fol­ge der De­re­gu­lie­rung legt die vor ei­ni­gen Jah­ren, die vie­le Spe­di­tio­nen in die In­sol­venz trieb, Fu­sio­nen för­der­te und auch da­zu führte, dass die Ge­winn­mar­gen „dra­ma­tisch ge­fal­len“sind. Im­mer­hin, Rü­di­ger Ostrow­ski mel­det für sei­nen Ver­band wie­der acht Pro­zent mehr Mit­glie­der. „Aber das liegt auch dar­an, dass wir uns ein neu­es Pro­fil ge­ge­ben ha­ben und jah­res­wei­se gu­te Ver­an­stal­tun­gen ma­chen.“

Gleich­zei­tig be­dau­ert der Ver­bands­ge­schäfts­füh­rer ei­ne „Ent­so­li­da­ri­sie­rung in der Bran­che“. „Das treibt mich per­sön­lich an. Heut­zu­ta­ge müs­sen wir Ver­bands­ver­an­stal­tun­gen mit ei­nem Event­Cha­rak­ter ver­bin­den, um die Un­ter­neh­men zu mo­bi­li­sie­ren. Da­bei müs­sen wir ge­ra­de jetzt mehr denn je po­li­tisch agie­ren.“Sor­gen be­rei­tet ihm vor al­lem der de­mo­gra­fi­sche Wan­del. Denn schon jetzt ist ab­seh­bar, dass die Lo­gis­tik­bran­che mit vol­ler Wucht ge­trof­fen wird. Laut ei­ner ak­tu­el­len Stu­die sind rund 43 Pro­zent der Be­rufs­kraft­fah­rer in Deutsch­land min­des­tens 50 Jah­re alt. „Ab dem Jahr 2020 ver­schärft sich der Fach­kräf­te­man­gel dra­ma­tisch: Dann rückt für drei Lo­gis­tik­mit­ar­bei­ter, die in den Ru­he­stand ge­hen, ge­ra­de mal ei­ner nach“, so Ostrow­ski.

Für ihn ist da­her klar, dass die Bran­che jetzt im Wettbewerb der Bran­chen ihr Image deut­lich ver­bes­sern muss. „Ein gu­tes Image, sta­bi­le Löh­ne, mo­der­ne Ar­beits­plät­ze und ins­ge­samt ein bes­se­res Er­schei­nungs­bild der Bran­che sind ent­schei­dend, um die Zu­kunft zu meis­tern“, ar­gu­men­tiert der en­ga­gier­te Ge­schäfts­füh­rer. „Die Lo­gis­tik muss für jun­ge Leu­te at­trak­tiv blei­ben.“Da­bei ist nur knapp die Hälf­te der lo­gis­ti­schen Di­enst­leis­tun­gen heu­te durch die Gü­ter­be­we­gun­gen auf Stra­ßen, Schie­nen und Hä­fen sicht­bar. Die an­de­re Hälf­te der Ar­beits­plät­ze be­fin­det sich in der Pla­nung, Steue­rung und Um­set­zung in­ner­halb von Un­ter­neh­men. IT-Lö­sun­gen sind et­wa in­ner­halb der Lo­gis­tik ein ei­ge­ner Fach­be­reich.

Ge­nau hier setzt Rü­di­ger Ostrow­ski mit den po­si­ti­ven Aus­sich­ten ein: „Die Kar­rie­re- chan­cen in der Lo­gis­tik sind bes­tens: Wer jetzt ei­ne Aus­bil­dung in der Bran­che ab­sol­viert, dem win­ken glän­zen­de Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten – zu­mal spä­tes­tens ab dem Jahr 2025 der Fach­kräf­te­man­gel dra­ma­tisch an­stei­gen wird.“

Er selbst macht hier Nä­gel mit Köp­fen und hat kürz­lich ei­nen „Ver­ein zur För­de­rung der Aus­bil­dung in der Spe­di­ti­on“ins Le­ben ge­ru­fen. „Wir müs­sen mit jun­gen Leu­ten di­rekt re­den, um sie von un­se­rer Bran­che zu über­zeu­gen.“An der Band­brei­te der Bil­dungs­mög­lich­kei­ten man­gelt es schon jetzt nicht.

Ne­ben der be­trieb­li­chen Aus­bil­dung hat die Bran­che längst auch dua­le Stu­di­en­gän­ge und Hoch­schul­aus­bil­dun­gen eta­bliert. Be­son­ders ge­fragt ist je­doch der­zeit die klas­si­sche Aus­bil­dung zum Kauf­mann für Spe­di­ti­on- und Lo­gis­tik­dienst­leis­tung.

Bei den Un­ter­neh­men kommt rein fi­nan­zi­ell im­mer

we­ni­ger an

„Die Ver­brau­cher neh­men nicht wahr,

was al­les im Hin­ter­grund nö­tig

ist und läuft“

„Die Lo­gis­tik ins­ge­samt muss für jun­ge Leu­te at­trak­ti­ver wer­den“

FOTO: MICHA­EL LÜB­KE

Dr. Rü­di­ger Ostrow­ski, VSL NRW

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