SPD-Par­tei­tag de­mon­tiert Ga­b­ri­el

De­mü­ti­gung für den Par­tei­chef: Ein Vier­tel der Ge­nos­sen ver­wei­gert Sig­mar Ga­b­ri­el die Ge­folg­schaft und schwächt die Par­tei da­mit aus­ge­rech­net in Kri­sen­zei­ten. Der lin­ke Flü­gel boy­kot­tiert Ga­b­ri­els Kurs.

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON JAN DREBES UND EVA QUADBECK

BER­LIN Die SPD hat ih­rem Vor­sit­zen­den Sig­mar Ga­b­ri­el ei­ne schwe­re Schlap­pe zu­ge­fügt. Bei der Wie­der­wahl als Par­tei­chef er­hielt Ga­b­ri­el auf dem SPD-Par­tei­tag nur 74,3 Pro­zent Zu­stim­mung. Da­mit blieb er weit hin­ter den Er­war­tun­gen der meis­ten De­le­gier­ten zu­rück. „Das ist un­ter­ir­disch. Die SPD zer­fleischt sich mal wie­der selbst“, kom­men­tier­te ein SPD-Mi­nis­ter.

Ga­b­ri­el re­agier­te trot­zig. „Jetzt ist mit drei­vier­tel der Par­tei ent­schie­den, wo es lang­geht, und des­halb neh­me ich die Wahl an“, sag­te Ga­b­ri­el, dem trotz der ker­ni­gen Wor­te das schlech­te Er­geb­nis sicht­lich zu schaf­fen mach­te. Er be­ton­te er­neut sei­ne Li­nie, für die er so­eben ab­ge­straft wor­den war. „Wir müs­sen un­se­ren Kurs auf die ar­bei­ten­de Mit­te zu füh­ren“, sag­te Ga­b­ri­el und zi­tier­te noch ein­mal den frü­he­ren Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schröder, der es mit die­sem Kurs 1998 ins Kanz­ler­amt ge­schafft hat­te. „Die SPD ist ei­ne Leis­tungs­par­tei“, hat­te Schröder den De­le­gier­ten zu­ge­ru­fen.

Ga­b­ri­el steht seit sechs Jah­ren an der Spit­ze der SPD. Sei­ne Wah­ler- geb­nis­se wa­ren von Mal zu Mal schlech­ter ge­wor­den. Von 94 Pro­zent im Jahr 2009 sank die Zu­stim­mung auf 91,6 Pro­zent im Jahr 2011 und dann vor zwei Jah­ren auf 83,6 Pro­zent. Nach dem sehr mä­ßi­gen Ab­schnei­den 2013 hat­ten die Par­tei­stra­te­gen da­mit ge­rech­net, dass Ga­b­ri­el die­ses Mal trotz vie­ler Kon­tro­ver­sen in der Par­tei et­wa um Vor­rats­da­ten, Eu­ro-Po­li­tik und das Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP wie­der mehr Rü­cken­wind be­kom­men wür­de. Zu­mal in der SPD mitt­ler­wei­le als ge­setzt gilt, dass Ga­b­ri­el 2017 als Kanz­ler­kan­di­dat an­tritt.

Vor der Wie­der­wahl Ga­b­ri­els zum Par­tei­chef war in­des der Streit über den Kurs der SPD zwi­schen der Par­tei­füh­rung und dem lin­ken Flü­gel es­ka­liert. Ju­so-Che­fin Jo­han­na Ue­ker­mann hat­te Ga­b­ri­el vor­ge­wor­fen, er tue nicht, was er sa­ge. Dar­auf­hin mel­de­te sich Ga­b­ri­el zu Wort und hielt der Ju­so-Che­fin ei­ne hef­ti­ge Stand­pau­ke. Auch mit wei­te­ren Wort­mel­dun­gen brach­te er den lin­ken Flü­gel der Par­tei noch wei­ter ge­gen sich auf.

Da­bei hat­te Ga­b­ri­el sich zu­vor bei sei­ner fast zwei­stün­di­gen Be­wer­bungs­re­de be­müht, auch die lin­ken SPD-Ge­nos­sen auf sei­nen Kurs ein­zu­schwö­ren. Er mach­te zwar deut­lich, dass für ihn die Ziel­grup­pe die „ar­bei­ten­de Mit­te“der Be­völ­ke­rung sei, was sehr nach der Agen­da 2010 von Ex-Kanz­ler Ger­hard Schröder klang. Zu­gleich such­te er aber auch den Schul­ter­schluss mit den Ge­werk­schaf­ten. Den Spa­gat zwi­schen Wirt­schafts­freund­lich­keit und Ge­werk­schafts­nä­he voll­führ­te er mit Selbst­iro­nie: „Nützt ja nix, wenn ich ei­ne Re­de hal­te, bei der ihr nur ein­ver­stan­den seid.“Dann er­klär­te er den Ge­nos­sen, dass ein hal­ber Pro­zent­punkt Wirt­schafts­wachs­tum dem Staat 3,5 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich ein­brin­ge, wäh­rend ein um ei­nen Pro­zent­punkt hö­he­rer Spit­zen­steu­er­satz nur 1,8 Mil­li­ar­den Eu­ro brin­ge. „Wir müs­sen dar­über re­den, wie wir Wett­be­werbs­fä­hig­keit in die­sem Land er­hal­ten“, mahn­te Ga­b­ri­el. Im Saal kam das nicht gut an.

Nach dem für Ga­b­ri­el nie­der­schmet­tern­den Er­geb­nis, das auch von vie­len De­le­gier­ten mit Ent­set­zen auf­ge­nom­men wur­de, lief die Wahl der Vi­ze-Vor­sit­zen­den und der er­wei­ter­ten Par­tei­füh­rung glatt über die Büh­ne. Die neue Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley er­hielt mit 93 Pro­zent ein sehr gu­tes Er­geb­nis, was un­ter den De­le­gier­ten als ver­söhn­li­ches Si­gnal an den be­schä­dig­ten Par­tei­chef ge­wer­tet wur­de. Ga­b­ri­el hat­te die Zu­sam­men­ar­beit mit der bis­he­ri­gen Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Yas­min Fa­hi­mi auf­ge­kün­digt und sich Bar­ley als neue Ver­trau­te ins Wil­ly-Brandt-Haus ge­holt. Leit­ar­ti­kel Po­li­tik

FOTO: IMAGO

Der Vor­sit­zen­de bei der Be­kannt­ga­be sei­nes Wah­l­er­geb­nis­ses.

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