Klei­ne Schrit­te zum gro­ßen Kli­ma-Ziel

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON BIRGIT MARSCHALL

BER­LIN/PA­RIS Die Welt­ge­mein­schaft hat sich beim Kli­ma­gip­fel in Pa­ris auch auf afri­ka­ni­sche Stam­mes­ri­ten ver­las­sen. In süd­afri­ka­ni­schen Dör­fern sitzt der Wei­sen­rat im Kreis, um Ge­mein­de­be­schlüs­se zu fas­sen. Wenn zwei sich strei­ten, sol­len sie sich für 30 bis 45 Mi­nu­ten ent­fer­nen, um sich un­ter­ein­an­der zu ei­ni­gen und mit ei­nem Kom­pro­miss zu­rück­zu­kom­men. Die­se Me­tho­de des „Inda­ba“nutz­te wäh­rend der Ver­hand­lun­gen der 196 Staa­ten auch die fran­zö­si­sche Ver­hand­lungs­füh­rung.

In der ver­gan­ge­nen Nacht spiel­te „Inda­ba“ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Heu­te nun will Frank­reichs Au­ßen­mi­nis­ter Lau­rent Fa­bi­us das Er­geb­nis der zwei­wö­chi­gen Ver­hand­lun­gen prä­sen­tie­ren: Es ist ein neu­er, his­to­ri­scher Welt­kli­ma­ver­trag, der das 2020 aus­lau­fen­de Kyo­to-Pro­to­koll ab­lö­sen wird. Von der Trag­wei­te der Ver­ein­ba­run­gen, die den Pro­zess zur Re­du­zie­rung der welt­wei­ten Treib­haus­gas­emis­sio­nen ein­lei­ten sol­len, und dem Um­set­zungs­wil­len der Völ­ker hängt nicht we­ni­ger als die Zu­kunft der Mensch­heit ab. Für ei­nen Er­folg hat­te der Pa­ri­ser Gip­fel die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, denn nie zu­vor war der glo­ba­le Ei­ni­gungs­wil­le so stark. Das Er­geb­nis stand bis Re­dak­ti­ons­schluss noch nicht fest. Was sich ab­zeich­ne­te, dürf­te in der Zielsetzung am­bi­tio­nier­ter sein, als zu er­war­ten war. In der kon­kre­ten Um­set­zung al­ler­dings lässt der Ver­trag wohl zu vie­le Fra­gen of­fen. Er­der­wär­mung Im letz­ten Ver­trags­ent­wurf hieß es, die Welt­ge­mein­schaft wol­le die Er­der­wär­mung im Ver­gleich zum vor­in­dus­tri­el­len Zeit­al­ter auf „weit un­ter zwei Grad“be­gren­zen. Zu­dem soll­ten Be­mü­hun­gen ver­stärkt wer­den, die Er­wär­mung so­gar auf we­ni­ger als 1,5 Grad zu be­schrän­ken. Bleibt es da­bei, set­zen sich die Staa­ten ein ehr­gei­zi­ge­res Ziel, als ab­seh­bar war. In Pa­ris ge­wan­nen die In­sel-Staa­ten des Pa­zi­fiks, von de­nen vie­le bei ei­ner Zwei-Grad-Er­wär­mung un­be­wohn­bar wür­den oder ver­schwän­den, zu­neh­mend Un­ter­stüt­zer, dar­un­ter US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma und den Papst.

Die Be­gren­zung auf 1,5 Grad wür­de die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels er­heb­lich min­dern. Die Wahr­schein­lich­keit für das Auf­tre­ten hei­ßer Ta­ge wä­re bei zwei Grad glo­ba­ler Er­wär­mung dop­pelt so hoch wie bei 1,5 Grad, hat­te das Pots­da­mer In­sti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung er­rech­net. Al­ler­dings müss­te es der Welt dann ge­lin­gen, nur noch 400 Mil­li­ar­den Ton­nen CO2 zu emit­tie­ren – das ist mehr als am­bi­tio­niert. Das 1,5-Gra­dZiel, schon das Zwei-Grad-Ziel, sind bis­her aber po­li­ti­sche Wunsch­for­meln, Lip­pen­be­kennt­nis­se: Denn al­le Kli­ma­schutz-Zu­sa­gen der Staa­ten rei­chen al­len­falls aus, die Er­der­wär­mung auf 2,7 Grad zu be­gren­zen. Emis­si­ons­neu­tra­li­tät Der EU ist es nicht ge­lun­gen, ihr Ziel der „Dekar­bo­ni­sie­rung“, des kom­plet­ten Aus­stiegs aus Koh­le, Gas und Öl in die­sem Jahr­hun­dert, ge­gen den Wi­der­stand der Erd­öl­för­der­län­der um Sau­di-Ara­bi­en in den Ver­trags­text zu be­kom­men. Statt­des­sen fin­det sich im Text das von den USA an­ge­sto­ße­ne Ziel der „Emis­si­ons­neu­tra­li­tät“. Dem­nach soll in der zwei­ten Hälf­te des Jahr­hun­derts nur noch so viel CO2 in die At­mo­sphä­re ab­ge­ge­ben wer­den wie gleich­zei­tig durch Auf­fors­tun­gen und an­de­re Maß­nah­men, et­wa die Spei­che­rung von CO2 tief in der Er­de, wie­der ein­ge­fan­gen wer­den kann.

Der neue Be­griff än­de­re nichts dar­an, „dass wir uns ge­ra­de in In­dus­trie­län­dern schnell von Koh­le, Öl und Gas ver­ab­schie­den müs­sen“, be­ton­te Re­gi­ne Gün­ther von der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on WWF. „Oh­ne Dekar­bo­ni­sie­rung wird sich die Kli­ma­er­wär­mung nicht stop­pen las­sen. Wenn wir nicht auf Koh­le, Öl und Gas ver­zich­ten, sau­fen be­stimm­te Re­gio­nen der Welt ir­gend­wann ab“, sag­te auch Schles­wig-Hol­steins Um­welt­mi­nis­ter Ro­bert Ha­beck (Grüne). Deutsch­land, das mit sei­ner Ener­gie­wen­de für vie­le Län­der Vor­bild ist, ist es in Sa­chen Koh­le­aus­stieg ge­ra­de nicht: Die ge­plan­te Kli­ma-Ab­ga­be für äl­te­re Koh­le­kraft­wer­ke hat­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) ge­gen die Ge­werk­schaf­ten nicht durch­set­zen kön­nen. Statt­des­sen wird die Braun­koh­le im Ver­gleich zu an­de­ren Ener­gie­trä­gern noch­mals stär­ker sub­ven­tio­niert als oh­ne­hin schon. „Dass es un­ter an­de­rem Deutsch­land nicht ge­lun­gen ist, die Dekar­bo­ni­sie­rung mit in den Ver­trag zu be­kom­men, muss man der Bun­des­re­gie­rung wohl auch selbst zu­schrei­ben“, sag­te Ha­beck. Es sei eben „kaum glaub­wür­dig, wenn ein füh­ren­des In­dus­trie­land den Aus­stieg aus den fos­si­len Ener­gie­trä­gern for­dert, ihn aber im ei­ge­nen Land nicht wirk­sam an­packt und statt­des­sen Ge­schen­ke an Koh­le­kon­zer­ne ver­teilt“. Es sei ein „fa­ta­les Si­gnal“, dass Deutsch­land dro­he, sei­ne Kli­ma­schutz­zie­le zu ver­feh­len. Über­prü­fungs­me­cha­nis­mus 184 Staa­ten ha­ben in Pa­ris ei­ge­ne Kon­zep­te zur frei­wil­li­gen CO2-Re­du­zie­rung vor­ge­legt – et­wa durch mehr Ein­satz er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en, Auf­fors­tun­gen oder mehr Ener­gie­ef­fi­zi­enz. Ih­re Um­set­zung soll vor­aus­sicht­lich al­le fünf Jah­re über­prüft wer­den. Hier konn­te die EU ei­nen Zehn-Jah­res-Rhyth­mus wohl ver­hin­dern. Al­ler­dings be­ginnt die Über­prü­fung an­ders als von der EU ge­for­dert nicht 2020 oder frü­her, son­dern wohl erst 2023. Da­durch ge­hen für den Kli­ma­schutz wert­vol­le Jah­re ver­lo­ren. Chi­na und In­di­en wehr­ten sich da­ge­gen, die Kon­zep­te al­le fünf Jah­re nach­zu­bes­sern. Sank­tio­nen für Kli­ma­sün­der soll es nicht ge­ben. Man­che Kri­ti­ker hal­ten das für fa­tal. An­de­re se­hen dar­in kein Man­ko; für die Ahn­dung von Kli­ma­sün­dern ge­be es oh­ne­hin kei­ne „Welt­po­li­zei“. Drin­gend nö­tig wä­re laut Ex­per­ten aber die Ein­füh­rung ei­nes welt­wei­ten Emis­si­ons­han­dels­sys­tems ge­we­sen. 100-Mil­li­ar­den-Fonds Für Ent­wick­lungs­län­der, die am meis­ten un­ter den Kli­ma­fol­gen lei­den, sol­len die In­dus­trie­län­der ab 2020 pro Jahr 100 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für Kli­ma­schutz-In­ves­ti­tio­nen be­reit­stel­len. Bis ges­tern war je­doch im­mer noch un­klar, ob die­se Sum­me zu­sam­men­kommt. Die EU und die USA er­höh­ten zwar ih­re Fi­nanz­zu­sa­gen, for­der­ten je­doch ver­geb­lich, dass auch gro­ße Schwel­len­län­der wie Chi­na oder In­di­en in den Fonds ein­zah­len.

Hier hal­fen dann auch die afri­ka­ni­schen Ri­ten nicht wei­ter.

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