„Wir wol­len In­te­gra­ti­on ge­setz­lich ver­an­kern“

Die saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin ist da­für, Flücht­lin­gen die Leis­tun­gen zu kür­zen, wenn sie sich nicht an Re­geln hal­ten.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - MAR­TIN KESS­LER FASS­TE DAS GE­SPRÄCH ZU­SAM­MEN.

DÜSSELDORF Vor dem CDU-Par­tei­tag sieht die saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ih­re Par­tei we­gen der Flücht­lings­kri­se vor ei­ner Zer­reiß­pro­be. Zu­gleich mahnt sie bes­se­ren Schutz der EU-Au­ßen­gren­zen an. Frau Kramp-Kar­ren­bau­er, wird der CDU-Par­tei­tag in Karls­ru­he der letz­te mit der Vor­sit­zen­den An­ge­la Mer­kel? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Ganz si­cher nicht. Was macht Sie so si­cher, dass Mer­kel die schwers­te Kri­se ih­rer Amts­zeit un­be­scha­det über­steht? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Ich wür­de nicht von Kri­se spre­chen, aber zwei­fel­los ist die Flücht­lings­fra­ge ei­ne der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der jüngs­ten Zeit. We­der in der Öf­fent­lich­keit noch in der CDU ist die­ses The­ma po­pu­lär. Wir müs­sen es aber trotz­dem lö­sen. Of­fen­bar hat Mer­kel die Fol­gen ih­rer Po­li­tik nicht be­dacht. KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Das stimmt nicht. Das wür­de be­deu­ten, dass die Ent­schei­dung der Kanz­le­rin im Sep­tem­ber und zwei Han­dy-Fotos den Flücht­lings­strom erst aus­ge­löst hät­ten. Die Zah­len stie­gen aber schon seit 2013 kon­ti­nu­ier­lich. War­um ha­ben Sie als Ver­ant­wort­li­che nicht frü­her ge­gen­ge­steu­ert? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Den Vor­wurf kann man durch­aus ma­chen. Die Län­der ha­ben das im­mer wie­der an­ge­mahnt. Aber Schuld­zu­wei­sun­gen brin­gen nichts. Ge­mein­sa­me Lö­sungs­stra­te­gi­en sind ge­fragt. In­ner­halb ei­nes Jah­res ist die Zahl der Mus­li­me in Deutsch­land um ein Vier­tel ge­stie­gen, sagt aus­ge­rech­net der Zen­tral­rat der Mus­li­me. Ver­stärkt das nicht das Un­be­ha­gen ge­gen mus­li­mi­sche Ein­wan­de­rer? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Man hat den Ein­druck, dass das Miss­trau­en ge­gen­über Mus­li­men, ge­ra­de nach den furcht­ba­ren An­schlä­gen in Pa­ris, ge­stie­gen ist. Des­halb muss man bei der De­bat­te auch die Re­la­tio­nen be­ach­ten. In Deutsch­land le­ben 3,5 Mil­lio­nen Mus­li­me in ei­ner Be­völ­ke­rung von 82 Mil­lio­nen. Un­ter den Flücht­lin­gen sind auch Je­si­den, Chris­ten und an­de­re Re­li­gio­nen. Wir soll­ten die Zah­len des­halb nicht ver­ab­so­lu­tie­ren und dra­ma­ti­sie­ren. Kön­nen Sie die Ängs­te der Men­schen an­ge­sichts der gro­ßen Ve­rän­de­run­gen durch die Flücht­lings­zah­len nicht ver­ste­hen? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Ich kann die Ängs­te durch­aus ver­ste­hen, doch ich will ih­nen kei­nen Vor­schub leis­ten. Im Saar­land, ei­nem ka­tho­lisch ge­präg­ten Bun­des­land, le­ben zahl­rei­che Mus­li­me. Noch kei­ner von ih­nen hat das Mar­tins- oder Ni­ko­laus­fest in­fra­ge ge­stellt oder an Ad­vents­fei­ern her­um­ge­mä­kelt. Das wa­ren eher athe­is­tisch ge­sinn­te Krei­se. War­um dann die­se Is­lam­feind­lich­keit? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Vie­le un­ter­schei­den nicht zwi­schen fried­li­chen Mus­li­men, die ge­nau wie wir nach Wohl­stand und Si­cher­heit stre­ben, und Fa­na­ti­kern, die den Is­lam für ih­re Ver­bre­chen miss­brau­chen. Des­halb be­rei­tet mir das zu­neh­men­de Miss­trau­en in Deutsch­land gro­ße Sor­ge. Was ist zu tun? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Wir müs­sen dem ak­tiv ent­ge­gen­wir­ken. Da­zu brau­chen wir auch die mus­li­mi­schen Ver­bän­de, die bei der In­te­gra­ti­on­sar- beit der Zuflucht­su­chen­den ei­ne stär­ke­re Rol­le spie­len müs­sen. Vie­len Men­schen macht Angst, dass wir den Zustrom nicht be­herr­schen. Müs­sen wir die Au­ßen­gren­zen nicht bes­ser be­wa­chen? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Da bin ich ent­schie­den da­für. In Grie­chen­land ist die Si­tua­ti­on bis­her al­les an­de­re als be­frie­di­gend ge­löst. Die Grenz­si­che­rung muss stär­ker in eu­ro­päi­sche Hän­de ge­legt wer­den. Die Grenz­schutz-Agen­tur Fron­tex braucht drin­gend mehr Be­fug­nis­se und ein be­last­ba­re­res Man­dat. Brau­chen wir ei­ne eu­ro­päi­sche Flücht­lings­be­hör­de­ähn­lich­der­derVer­ein­ten Na­tio­nen? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Die in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen sa­gen uns, dass wir Eu­ro­pä­er in Flücht­lings­fra­gen nicht op­ti­mal auf­ge­stellt sind. Ich kann mir al­so ei­ne Rei­he von Maß­nah­men­vor­stel­len­bis­hin­zu­ei­nerBe­hör­de ähn­lich dem UNHCR oder ei­nem eu­ro­päi­schen Flücht­lings­kom­mis­sar. Da­für müs­sen nicht un­be­dingt neue Pos­ten oder Äm­ter ge­schaf­fen wer­den, son­dern be­ste­hen­de eu­ro­päi­sche In­sti­tu­tio­nen könn­ten um­struk­tu­riert wer­den mit der Schwer­punkt­auf­ga­be „Flücht­lings­zu­zug“oder die Kom­mis­si­ons­be­rei­che an­ders zu­ge­schnit­ten. Auf je­den Fall müs­sen die EU und ih­re In­sti­tu­tio­nen bes­ser als bis­her Kri­sen­be­wäl­ti­gung be­trei­ben. Ers­te Auf­ga­be für Eu­ro­pa soll­te jetzt hei­ßen: Schutz der Au­ßen­gren­zen und ge­rech­te Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge im In­nern. Geht Mer­kel mit den EU-Län­dern, die kei­ne Flücht­lin­ge auf­neh­men wol­len, zu sanft um? KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Die Bun­des­kanz­le­rin hat zu Recht gro­ße Sor­ge, dass Eu­ro­pa an der Flücht­lings­fra­ge zer­bre­chen könn­te. Des­halb müs­sen wir klug vor­ge­hen. Wir müs­sen zum Bei­spiel über Kon­se­quen­zen nach­den­ken, wenn ost­eu­ro­päi­sche Län­der bei ei­ner fai­ren Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge nicht mit­hel­fen wol­len. Künf­ti­ge EU-Pro­gram­me könn­ten an die Be­reit­schaft zur Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ge­knüpft wer­den. Bei der In­te­gra­ti­on der gro­ßen Flücht­lings­zahl scheint Deutsch­land aber eben­falls zu ka­pi­tu­lie­ren. KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Dass wir ka­pi­tu­lie­ren , das kann ich nicht er­ken­nen. Wir stel­len uns die­ser schwe­ren Her­aus­for­de­rung. Das­kling­t­ein­biss­chen­nach­P­fei­fenim Wal­de. KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Die CDU will die In­te­gra­ti­on ge­setz­lich ver­an­kern mit Rech­ten und Pflich­ten der Zu­wan­de­rer. Da­zu ge­hört nicht nur die Ak­zep­tanz der Wer­te, de­nen wir uns ver­pflich­tet füh­len und die im Grund­ge­setz auf­ge­schrie­ben sind, son­dern auch ge­leb­te Vor­schrif­ten wie et­wa die Schul­pflicht für Kin­der. Wer sich den Re­geln wi­der­setzt, muss mit Kür­zun­gen bei Leis­tun­gen rech­nen. Es bleibt bei Ab­sichts­er­klä­run­gen. KRAMP-KAR­REN­BAU­ER Das sind kei­ne Ab­sichts­er­klä­run­gen, son­dern wir ge­hen Schritt für Schritt vor­an. Denn wenn wir das Flücht­lings­pro­blem mit den vie­len un­ter­schied­li­chen In­stru­men­ten nicht dau­er­haft nach­hal­tig in den Griff be­kom­men, wird es schwie­rig in Deutsch­land. Wir müs­sen den Zu­zug bes­ser steu­ern und re­du­zie­ren. Das er­war­ten die Men­schen von uns.

FOTO: ANDRE­AS ENDERMANN

An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (53) ist seit 2011 Mi­nis­ter­prä­si­den­tin des kleins­ten deut­schen Flä­chen­lands. Zu­vor war sie saar­län­di­sche In­nen­mi­nis­te­rin (und da­mit die ers­te Frau über­haupt mit die­sem Amt in der Bun­des­re­pu­blik), Bil­dungs- und Ar­beits­mi­nis­te­rin. Sie ist ver­hei­ra­tet und hat drei Kin­der.

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