Wun­der gibt es im­mer wie­der

Der FC Augs­burg hat sich auf Über­ra­schun­gen spe­zia­li­siert. Nun spielt er in der K.o.-Run­de der Eu­ro­pa Le­ague.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

DÜSSELDORF Augs­burg hat ei­ne sehr net­te Alt­stadt, ein rö­mi­sches Mu­se­um, den Stadt­pa­last der Fug­ger und die Pup­pen­kis­te. Die jüngs­te Se­hens­wür­dig­keit der klei­nen Groß­stadt im baye­ri­schen Süd­wes­ten ist ei­ne Fuß­ball­mann­schaft, die im nächs­ten Jahr in der K.o.-Run­de der Eu­ro­pa Le­ague an­tre­ten wird. Mit ei­nem maß­ge­rech­ten 3:1-Er­folg bei Par­tiz­an Bel­grad schaff­te der Au­ßen­sei­ter die nächs­te di­cke Über­ra­schung der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Auf Über­ra­schun­gen hat sich der Klub of­fen­bar spe­zia­li­siert.

Be­reits der Auf­stieg in die Bun­des­li­ga vor vier­ein­halb Jah­ren war al­les an­de­re als ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Und die Auf­hol­jag­den der bei­den ers­ten Erst­li­ga-Jah­re, die aus je­weils aus­sichts­lo­ser La­ge doch zum Klas­sen­er­halt führ­ten, hat­ten al­le Merk­ma­le ei­nes klei­nen Fuß­ball-Wun­ders.

Ein rich­tig gro­ßes Fuß­ball-Wun­der war die Spiel­be­rech­ti­gung für die Eu­ro­pa Le­ague. Augs­burg ließ Bran­chen­grö­ßen wie Bo­rus­sia Dort­mund und Schal­ke 04 in der Bun­des­li­ga-Ta­bel­le hin­ter sich. Und es star­te­te mit bra­chia­ler Selbst­iro­nie in die Welt des in­ter­na­tio­na­len Fuß­balls. „In Eu­ro­pa kennt uns kei­ne Sau“, er­klär­te die klub­ei­ge­ne Mar­ke­ting­ab­tei­lung, und sie lag da­mit wahr­schein­lich rich­tig.

Spä­tes­tens seit der Nacht von Bel­grad hat sich das ge­än­dert. Eu­ro­pa kennt nun den ganz spe­zi­el­len Augs­bur­ger Fuß­ball, den Sie­ges­wil­len ei­ner Mann­schaft, die al­le Tu­gen­den ei­nes gro­ßen Kol­lek­tivs auf sich ver­eint, und der Kon­ti­nent kennt Raùl Bo­ba­dil­la. Der qua­dra­tisch ge­bau­te Stür­mer aus Ar­gen­ti­ni­en er­ziel­te trotz ei­ner leich­ten Ver­let­zung in der Nach­spiel­zeit das Tor zum 3:1. Und er riss sich na­tür­lich das Tri­kot vom Leib. Dem Pu­bli­kum in Bel­grad zeig­te er ein T-Shirt mit ei­nem Foto sei­nes neu­ge­bo­re­nen Soh­nes und sei­ne durch zahl­rei­che Tä­to­wie­run­gen form­schön ver­zier­ten Ar­me. Das ge­hört bei spä­ten Tref­fern zu sei­nen Ri­tua­len. Die fäl­li­ge Gel­be Kar­te nimmt er in Kauf.

Selbst sei­ne Vor­ge­setz­ten neh­men ihm die Strip­tease-Num­mern nicht krumm. „Wenn du in der 90. Mi­nu­te das Tor machst, dann ist das schon sehr emo­tio­nal“, sag­te Trai­ner Mar­kus Wein­zierl. Bo­ba­dil­la blieb lie­ber beim eher schwei­ni­schen Vo­ka­bu­lar der Mar­ke­ting­ab­tei­lung. „Gei­les Spiel, gei­le Leis­tung, gei­le Sen­sa­ti­on“, brüll­te er. Wein­zierl pries deut­lich staats­tra­gen­der den „größ­ten Tag der Ver­eins­ge- schich­te“. Bei der kämp­fe­ri­schen Men­ta­li­tät der Augs­bur­ger Mann­schaft ist nicht ein­mal aus­ge­schlos­sen, dass es im Früh­jahr ei­nen noch grö­ße­ren Tag gibt. Auch wenn der Em­por­kömm­ling auf der eu­ro­päi­schen Büh­ne bei der Aus­lo­sung am Mon­tag si­cher ei­nen gro­ßen Bro­cken prä­sen­tiert be­kommt, sind Wein­zierls Wun­der­kna­ben ge­ra­de mal so rich­tig heiß­ge­lau­fen. Bo­ba- dil­la wünscht sich den FC Li­ver­pool zum Geg­ner. Da be­kä­me er es mit ei­nem an­de­ren Kämp­fer zu tun – al­ler­dings nur mit­tel­bar. Li­ver­pools Trai­ner Jür­gen Klopp ist ein gro­ßer Tän­zer an der Sei­ten­li­nie, den blan­ken Ober­kör­per zeigt er aber nicht mal bei spä­ten Sie­gen. Und die To­re schießt er auch nicht. Ein Fest­tag für den Augs­bur­ger Fuß­ball ist trotz­dem ga­ran­tiert – auch oh­ne Klopp.

Eben­so ge­wiss ist, dass es ein kraft­rau­ben­des Früh­jahr wird. Das be­trifft al­le vier deut­schen Mann­schaf­ten in der Eu­ro­pa Le­ague. Ne­ben dem FC Augs­burg sind das die drei West­klubs Bo­rus­sia Dort­mund, Schal­ke 04 und Bay­er Leverkusen. Sie müs­sen da­mit le­ben, dass die DFL auf kei­nen Fall mehr als drei Sonn­tags­spie­le an­set­zen wird. Da­durch ist mög­lich, dass so man­cher zwi­schen dem Auf­tritt in der Eu­ro­pa Le­ague und dem nächs­ten Bun­des­li­ga­spiel nicht mehr lan­ge ver­schnau­fen darf – höchs­tens ei­nen Tag näm­lich. Das ver­dan­ken die Ver­ei­ne dem Fern­seh­ver­trag. Die Stra­pa­ze wird al­so tüch­tig be­zahlt. Die Augs­bur­ger durf­ten schon mal üben, denn ihr für ges­tern früh ge­plan­ter Heim­flug wur­de ge­stri­chen. Sie konn­ten da­her erst am Abend nach Hau­se auf­bre­chen. Auf­ge­regt hat sich dar­über nie­mand.

FOTO: DPA

Mann­schaft­li­che Ge­schlos­sen­heit: Die Augs­bur­ger de­mons­trie­ren ih­re wich­tigs­te Tu­gend.

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