INTERVIEW SI­MON ROL­FES „Fuß­ball­ge­schäft ist ein gol­de­ner Kä­fig“

Le­ver­ku­sens Ex-Na­tio­nal­spie­ler spricht über die Pro­ble­me bei Bay­er, das heu­ti­ge Du­ell mit Glad­bach und die Pre­mier Le­ague.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON STE­FAN KLÜTTERMANN

ESCHWEI­LER Ir­gend­wann schaut Si­mon Rol­fes in sei­nem neu­en Bü­ro im Eschwei­ler Ge­wer­be­ge­biet dann doch mal auf die Uhr. Am Abend trai­niert er mit Ta­len­ten aus der Re­gi­on. Und das ist ein fes­ter Ter­min in sei­nem Wo­chen­ka­len­der. Dann tauscht der Ex-Na­tio­nal­spie­ler von Bay­er Leverkusen Bu­si­ness-Out­fit ge­gen Sport­dress. Nach sei­nem Kar­rie­re­en­de im Som­mer hat der 33Jäh­ri­ge mit ei­nem Kom­pa­gnon ei­ne Fir­ma ge­grün­det, in der er jun­gen Pro­fis ei­ne lang­fris­ti­ge Kar­rie­r­e­be­ra­tung an­bie­tet. „Die Her­aus­for­de­run­gen für jun­ge Spie­ler sind so groß wie nie, und ge­nau­so ist der Be­darf an Pro­fes­sio­na­li­tät viel grö­ßer als frü­her“, sagt Rol­fes. Ne­ben­bei ab­sol­viert er ein in­ter­na­tio­na­les Mas­ter-Stu­di­um bei der Ue­fa und ar­bei­tet als Ex­per­te fürs ZDF. Den Ent­schluss auf­zu­hö­ren, ha­ben sie bis­her nicht be­reut, oder? ROL­FES Nein. Weil Sie es ge­nie­ßen, Herr über den ei­ge­nen Tag zu sein? ROL­FES Ja, total. Das Fuß­ball­ge­schäft ist zwar ein gol­de­ner Kä­fig, aber es ist ein Kä­fig. Um es klar­zu­stel­len: Wenn ich noch mal 17 wä­re, wür­de ich wie­der al­le Ener­gie hin­ein­ste­cken, Pro­fi zu wer­den, aber nach 15 Jah­ren ist es auch ein­fach okay, dass Schluss ist. Bei Ih­rem Ex-Klub in Leverkusen hinkt man den Er­war­tun­gen mal wie­der hin­ter­her. ROL­FES De­fi­ni­tiv. Da­für, dass der Ver­ein vor der Sai­son 60 Mil­lio­nen Eu­ro für neue Spie­ler aus­ge­ge­ben hat, ist die Aus­beu­te bis­lang ein­fach zu ge­ring. Der An­spruch ist ja die er­neu­te Teil­nah­me an der Cham­pi­ons Le­ague, und im Mo­ment müs­sen sie bei Bay­er auf­pas­sen, dass der Zug in der Li­ga nicht oh­ne sie ab­fährt. Wo lie­gen die Pro­ble­me? ROL­FES Man muss fest­stel­len, dass die kom­plet­te bis­he­ri­ge Ach­se weg­ge­bro­chen ist, die auf dem Platz, aber nicht nur dort für Sta­bi­li­tät ge­sorgt hat. Ste­fan Kieß­ling spielt lei­der kaum noch ei­ne Rol­le, Gon­za­lo Cas­tro und ich sind nicht mehr da, Lars Ben­der ist ver­letzt, Emir Spa­hic ist weg, und Ömer To­prak war lan­ge ver­letzt. Ich glau­be, das hat man un­ter­schätzt. Denn oh­ne Sta­bi­li­tät im Team kannst du nicht kon­stant punk­ten. Muss Bay­er al­so ei­ne Um­bruch­sai­son in Kauf neh­men? ROL­FES Mit Si­cher­heit dau­ert es, bis sich neue hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren ge­bil­det ha­ben. Auf der an­de­ren Sei­te hat man die­se Zeit gar nicht, weil man mit den ge­tä­tig­ten In­ves­ti­tio­nen Er­folg ha­ben muss. Und es wird ja nicht leich­ter: Wenn RB Leip­zig auf­steigt, gibt es so­fort ei­nen Cham­pi­ons-Le­ague-An­wär­ter mehr. Auf ei­nen an­de­ren Cham­pi­ons-Le­ague-An­wär­ter, auf Mön­chen­glad­bach, trifft Leverkusen heu­te Abend. ROL­FES Ja, und Glad­bach ist mitt­ler­wei­le längst ein dau­er­haf­ter Cham­pi­ons-Le­ague-Kan­di­dat. Das ist kein Über­ra­schungs­team mehr. Da wür­de Sport­di­rek­tor Max Eberl wahr­schein­lich wi­der­spre­chen. ROL­FES Viel­leicht. Mir geht es um die Men­ta­li­tät in ei­nem Ver­ein, und die ist ent­schei­dend, ob sich Er­folg dau­er­haft ein­stellt. Das Selbst­ver­ständ­nis zu ent­wi­ckeln, in qua­si je­des Spiel mit dem An­spruch ge­hen zu kön­nen, es auch zu ge­win­nen, braucht sei­ne Zeit. Das ha­ben die Glad­ba­cher ge­schafft. Hin­zu­kommt die Cham­pi­ons-Le­ague-Er­fah­rung aus die­ser Sai­son, auch das wird Bo­rus­sia noch ei­nen Schub ge­ben. Hat Bo­rus­sia in Sa­chen Men­ta­li­tät da­mit Leverkusen so­gar et­was vor­aus? ROL­FES Jein. In ein­zel­nen Spie­len hat Leverkusen schon mehr Er­fah­rung, da­für ha­ben die Spie­ler un­ter dem Strich ein­fach im Eu­ro­pa­po­kal schon mehr Schlach­ten ge­schla­gen. Aber ich fin­de, dass in Glad­bach ei­ne un­glaub­li­che Dy­na­mik steckt, ein un­glaub­li­cher Drang nach oben. Wa­ren Sie über­rascht, dass der Rück­tritt von Lu­ci­en Fav­re kei­nen Ein­bruch in Glad­bach ver­ur­sacht hat? ROL­FES Ab­so­lut. Ich hal­te Fav­re für ei­nen groß­ar­ti­gen Trai­ner, weil es nicht mehr so vie­le gibt, die nicht nur ein Team, son­dern auch Spie­ler in­di­vi­du­ell bes­ser ma­chen. Dass Bo­rus­sia das Weg­bre­chen ei­nes so star­ken Trai­ners so auf­ge­fan­gen hat, ist für mich un­glaub­lich. Aber An­dré Schu­bert hat es sehr gut ge­macht, in­dem er das Gu­te von Fav­re über­nom­men und mehr Ener­gie rein­ge­bracht hat. Es macht rich­tig Spaß, Glad­bach zu­zu­gu­cken. Das Spiel heu­te wird um 18.30 Uhr an­ge­pfif­fen. Die­se Neue­rung gibt es seit 2009. Braucht die Bun­des­li­ga dem­nächst auch ein Mon­tags­spiel? ROL­FES Na­tür­lich ist ein mög­lichst kom­pak­ter Spiel­tag ei­ne schö­ne Sa­che, aber man muss eben auch se­hen, dass Fuß­ball längst ein welt­wei­tes Pro­dukt ist. Wenn wir nicht fle­xi­bler wer­den und auf Märk­ten wie Asi­en und den USA mehr Prä­senz zei­gen, wer­den uns die En­g­län­der noch wei­ter da­von lau­fen – nicht nur beim Geld. Wo noch? ROL­FES In den nächs­ten Jah­ren wer­den sie an­fan­gen, Know-How von uns ein­zu­kau­fen, nicht nur un­se­re bes­ten Spie­ler, son­dern auch un­se­re bes­ten Ma­na­ger. Und dann wird sich der Ein­satz des vie­len Gel­des, der mo­men­tan sehr schlecht ist, än­dern. Noch kau­fen die eng­li­schen Klubs für zig Mil­lio­nen viel Mas­se statt Klas­se, aber ir­gend­wann wird man sich in der Pre­mier Le­ague fra­gen, war­um die Bun­des­li­gaklubs in­ter­na­tio­nal mit dem hal­ben Etat mit­hal­ten kön­nen. Und wenn dann zum vie­len Geld auch noch bes­se­re Struk­tu­ren kom­men, hat die Bun­des­li­ga ein gro­ßes Pro­blem.

Klüttermann (l.) und Rol­fes.

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