Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ich schau­te wie­der zu Ju­dith, die den Klei­der­bü­gel mit der wei­ßen Fah­ne in der Hand hielt, und dach­te plötz­lich, wenn es je ei­nen pas­sen­den und na­he­lie­gen­den Mo­ment ge­ge­ben hat­te, nach zwei­ein­halb­jäh­ri­ger Ab­sti­nenz wie­der mit dem Rau­chen an­zu­fan­gen, dann die­sen.

Aber ich konn­te nicht auf­ste­hen. Gran­ny re­de­te wie ein Was­ser­fall, sag­te auf vie­le neue Wei­sen, was sie be­reits auf zu vie­le an­de­re Wei­sen ge­sagt hat­te – was für ein er­staun­li­cher Zu­fall das doch sei, wirk­lich er­staun­lich. Und an­de­rer­seits wie­der­um auch gar nicht er­staun­lich, son­dern ein­fach der Be­weis, dass un­se­re lie­ben, wohl­mei­nen­den El­tern uns trotz al­ler Auf­ge­klärt­heit und all ih­rer Theo­ri­en schlicht in die fal­sche Rich­tung ge­drängt hät­ten. Ich sah sie scharf an, was sie wohl als Aus­druck mei­ner Loya­li­tät zu un­se­ren El­tern in­ter­pre­tier­te, denn sie ver­stumm­te. Und die Stil­le, die nun ein­trat, war be­klem­men­der als je­der Re­de­schwall. Ju­dith in ih­rem Bi­ki­ni hielt sich an dem Klei­der­bü­gel fest, ich saß in mei­nem Ba­de­an­zug in­mit­ten all des Sei­den­pa­piers, und zwi­schen uns un­se­re Groß­mut­ter, so zer­brech­lich und so hübsch, und kei­ne von uns sag­te ei­nen Ton.

Ich be­schloss, doch nicht wie­der mit dem Rau­chen an­zu­fan­gen, son­dern den Mund auf­zu­ma­chen und aus­zu­spre­chen, was mir ge­ra­de durch den Kopf ge­gan­gen war.

„Du bist die­je­ni­ge, die den Feh­ler ge­macht hat“, sag­te ich. „Nicht ich.“

Ju­dith schau­te mit dem kla­ren, ver­bind­li­chen Ge­sichts­aus­druck zu mir her­un­ter, den sie im­mer hat, wenn sie auf wei­te­re Äu­ße­run­gen war­tet. Und die soll­te sie krie­gen.

„Das ist kein Kleid für ei­ne Braut, weißt du das denn nicht? Tut mir leid, aber es ist ein­fach so.“

Ich war­te­te, bis ich sah, dass Gran den Mund auf­mach­te, dann re­de­te ich wei­ter.

„Es ist ein­fach zu schlicht, ver­dammt noch mal.“

Ich schau­te Gran an und sah, wo­mit ich ge­rech­net hat­te – den scho­ckier­ten, ver­letz­ten Aus­druck, der je­des Mal auf ih­rem Ge­sicht er­scheint, wenn sie je­man­den flu­chen hört. Mit die­sem Ge­sichts­aus­druck hat­te ich sie zahl­lo­se Ma­le Ja­ne an­schau­en se­hen – als trau­te sie ih­ren Oh­ren nicht.

„Ei­ne Braut hat sich auf­zu­ta­keln, weißt du das denn nicht?“– „Wer sagt denn das?“, wand­te Ju­dy ein.

„Ich“, sag­te ich. „Das ist die Re­gel. Nie­mand hei­ra­tet in an­nehm­ba­ren Kla­mot­ten. Man trägt et­was, was man nor­ma­ler­wei­se nicht ums Ver­re­cken an­zie­hen wür­de, au­ßer zur ei­ge­nen Hoch­zeit. Und hin­ter­her zieht man es nie wie­der an. Man packt es weg und zeigt es spä­ter sei­nen blö­den Kin­dern.“

Ich hielt ei­nen Au­gen­blick in­ne, um den Kon­trast deut­lich zu ma­chen. „Bei mir ist das et­was ganz an­de­res. Ich ha­be die­ses Kleid mit dem Hin­ter­ge­dan­ken ge­kauft – oder viel­mehr der lie­ben Gran­ny in Rech- nung stel­len las­sen –, es auch da­nach noch an­zu­zie­hen. Öf­ter.“

„Ich auch“, sag­te Ju­dy mit ei­nem Wi­der­stands­geist, auf den ich gut hät­te ver­zich­ten kön­nen.

„Wo denn? Wo wirst du denn je noch hin­ge­hen?“– Es war ei­ne schwa­che Ant­wort, das wuss­te ich, und zu dick auf­ge­tra­gen, aber et­was Bes­se­res hat­te ich in dem Mo­ment nicht auf La­ger, und das Sei­den­pa­pier im Zim­mer er­schien mir plötz­lich so er­drü­ckend, dass ich raus muss­te, weg von hier.

Ich leg­te das Kleid – das ne­ben mir lie­gen­de – zu­sam­men, wo­bei Zu­sam­men­knül­len wohl das pas­sen­de­re Wort wä­re, stopf­te das Sei­den­pa­pier dar­über, setz­te mehr schlecht als recht den De­ckel wie­der auf die Schach­tel und schob sie un­ters Bett, dann trat ich in den Flur und mach­te die Tür hin­ter mir zu.

(Fort­set­zung folgt)

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