Sind­bads Lu­xusyach­ten

Seit Jahr­hun­der­ten fer­ti­gen Zim­mer­män­ner des Omans mäch­ti­ge Dhaus – zu ih­ren Kun­den zäh­len Sul­tan, Kö­nig & Co.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON STE­PHAN BRÜNJES

Sie ha­ben kei­nen Plan. Und bau­en den­noch haus­ho­he Holz­schif­fe, die seit Jahr­hun­der­ten si­cher durch al­le Stür­me im In­di­schen Oze­an se­geln. Ein Mär­chen aus 1001 Nacht? Von we­gen. Dhaus hei­ßen die in Hand­ar­beit her­ge­stell­ten bau­chi­gen Vor­läu­fer heu­ti­ger Con­tai­ner­frach­ter. Als Re­stau­rant- oder Aus­flugs­käh­ne düm­peln sie noch in den Hä­fen von Du­bai und den Emi­ra­ten vor sich hin. Heu­te gibt’s kaum noch Dhau-Werf­ten auf der ara­bi­schen Halb­in­sel. Vie­le Fir­men ha­ben dicht ge­macht. Nicht so Ju­ma Ha­so­on Al Arai­mi. Der grau­bär­ti­ge Schiff­bau­er mit dem ver­wit­ter­ten Ge­sicht kämpft in der oma­ni­schen Ha­fen­stadt Sur mit sei­ner Werft ums Über­le­ben. Er zeigt Be­su­chern aber ger­ne die Pro­duk­ti­on, wenn die ihn dar­um bit­ten.

Der Weg zur Werft ist al­ler­dings ein klei­ner Hin­der­nis­pa­cours. Ers­ter Ein­druck hin­term ros­ti­gen Zaun des Werft­ge­län­des: Bit­te drin­gend auf­räu­men! Stäm­me, Lat­ten, Pfos­ten sta­peln sich zu ei­nem wir­ren Holz­mi­ka­do. Rechts ei­ne ge­duck­te Hüt­te, in der ein Schmied Nä­gel be­ar­bei­tet, so groß wie Spar­gel­stan­gen. Da­ne­ben döst ein Hund auf der Kreis­sä­ge. Ge­ra­de will sich der Ein­druck „Hin­ter­hof­schrei­ne­rei“fest­set­zen, da fällt – um die Ecke – der Blick auf höl­zer­ne Mam­muts: drei Dhaus im Bau, ei­ne da­von be­reits zwei Stock­wer­ke hoch auf­ra­gend. Ein Dock oder we­nigs­tens ein sta­bi­les Me­tall­ge­rüst um den Roh­bau her­um – nichts da­von ist zu se­hen. Statt­des­sen zu­sam­men­ge­zim­mer­te, sich un­ter je­dem Schritt der Zim­mer­leu­te durch­bie­gen­de Plan­ken. „Die­ses Ge­rüst wächst mit“, sagt Ju­ma Ha­so­on Al Arai­mi und er­mun­tert sei­ne Be­su­cher das Schifft zu en­tern – auf ei­nem noch wack­li­ge­ren ge­län­der­lo­sen, Schräg-Schwe­be­bal­ken.

Oben an Deck war­tet Sal­eh. Der Sohn des al­ten, hum­peln­den Chefs wird die Werft in drit­ter Ge­ne­ra­ti­on über­neh­men, aber wei­ter­pro­du­zie­ren wie schon sei­ne Vor­fah­ren vor mehr als 100 Jah­ren: Das be­son­ders öl­hal­ti­ge und salz­was­ser­re­sis­ten­te Holz für die Dhaus – Teak und Aka­zie – kommt da­mals wie heu­te aus Ma­lay­sia und Bir­ma, wird auf der Werft von bis zu 20 Ar­bei­tern pro Schiffs­bau zu­ge­schnit­ten und ver­ar­bei­tet. „Je nach­dem, wel­chen Schiffs­typ der Auf­trag­ge­ber be­stellt – ei­ne gro­ße Ghan­ja, ei­ne Bo­um oder die klei­ne Shui – gibt es ei­nen er­fah­re­nen Vor­ar­bei­ter, der die Kon­struk­ti­on für die­sen DhauTyp so voll­stän­dig im Kopf ge­spei­chert hat, dass er sei­ne Mit­ar­bei­ter an­lei­ten kann, oh­ne Zeich­nun­gen be­mü­hen zu müs­sen“, sagt Sal­eh Al Arai­mi. Kaum vor­stell­bar, aber wäh­rend des Be­suchs sind nir­gend­wo Kon­struk­ti­ons­un­ter­la­gen zu se­hen, und auch Fa­had, un­ser Rei­se­lei­ter be­stä­tigt die- sen kom­plett „plan­lo­sen“Schiff­bau. Bis auf Kreis­sä­gen, Schleif- und Bohr­ma­schi­nen brau­chen die Zim­mer­leu­te kei­ne Elek­tro­ge­rä­te. Zu hö­ren ist vor al­lem un­auf­hör­li­ches, dump­fes Häm­mern, denn die Plan­ken wer­den mit den ei­gens an­ge­fer­tig­ten „Spar­gel­stan­gen-Nä­geln“am höl­zer­nen Ske­lett des Schiffs­rump­fes be­fes­tigt. Zu­vor wird für je­den Na­gel ein Loch vor­ge­bohrt, da­mit kei­ner das Holz spal­tet. „Schau, da­mit spä­ter kein Was­ser ein­dringt, dich­ten wir die Rit­zen zwi­schen den Plan­ken mit Baum­wol­le ab, die zu­vor in Hai-Tran ge­tränkt wur­de“, sagt Sal­eh.

Für Be­su­cher auf der Werft ei­ne span­nen­de, kos­ten­lo­se Zei­t­rei­se in die Ver­gan­gen­heit des Schiff­baus, für den Auf­trag­ge­ber hin­ge­gen ein teu­rer Spaß: 200.000 oma­ni­sche Ri­al, um­ge­rech­net et­wa 400.000 Eu­ro wird der Ge­schäfts­mann aus Ka­tar für sein „Hand­ar­beits“-Stück zah­len – auch we­gen sei­ner Lu­xus-Aus­stat­tung. Denn so tra­di­tio­nell die Dhaus auch ge­fer­tigt wer­den, sie sind nicht von ges­tern: Kli­ma­an­la­ge, GPS, Kü­che, schi­cke Ka­bi­nen und Decks, mus­ku­lö­ser Mo­tor hin­ter der Schiffs­schrau­be.

Nach et­wa zehn Mo­na­ten ist ei­ne gro­ße Dhau fer­tig. Sta­pel­lauf? Schiffs­tau­fe? In der west­li­chen Welt un­er­läss­lich und oft groß ge­fei­ert – im Oman völ­lig un­be­kannt. In die Bucht bei Sur rutscht die Dhau, weil sie von an­de­ren Schif­fen vom Strand dort­hin ge­zo­gen wird. Ei­nen Schiffs-TÜV? Gibt es nicht. „Hier wird die Dhau ein­fach zehn Ta­ge lang von Werft­ar­bei­tern Pro­be ge­fah­ren“, sagt Ju­ma Ha­so­on Al Arai­mi, „so ma­chen wir’s seit Jahr­hun­der­ten, dann se­hen wird, wo noch was nach­ge­bes­sert wer­den muss.“Dar­auf ha­ben sich un­ter an­de­rem Jor­da­ni­ens Kö­nig und Omans Sul­tan ver­las­sen – bei­de sind heu­te noch zu­frie­den mit ih­ren Dhaus aus Sur.

FOTOS: STE­PHAN BRÜNJES (2), TOU­RIST BOARD OMAN (1)

Die „Fa­tah al-Khair“ist ei­ne his­to­ri­sche Dhau, die vom Ma­ri­ti­me Mu­se­um der oma­ni­schen Ha­fen­stadt Sur wie­der­auf­ge­baut wur­de und nun aus­ge­stellt wird. Die Hand­wer­ker be­ar­bei­ten die Plan­ken mit Ham­mer und Mei­ßel. Elek­tro­ge­rä­te kom­men nur we­ni­ge zum Ein­satz. (rechts). Ro­man­ti­scher Son­nen­un­ter­gang in der Wüs­te Ri­mal Al Wa­hi­ba (links).

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