Die Ri­si­ken des Kli­ma­ver­trags

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN KESS­LER UND GO­DE­HARD UH­LE­MANN

PA­RIS Das Ab­kom­men von Pa­ris ist ein in­ter­na­tio­na­ler Ver­trag der Su­per­la­ti­ve. 195 Staa­ten un­ter­zeich­ne­ten ei­nen Ver­trag, der sie ver­bind­lich ver­pflich­tet, die Er­der­wär­mung auf ma­xi­mal zwei Grad zu be­schrän­ken. Das ist mit ein­schnei­den­den Maß­nah­men in die Wirt­schaft so­wohl der In­dus­trie- wie der Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­der ver­bun­den. Da­mit ist der Er­folg ei­ner glo­ba­len Kli­ma­po­li­tik noch längst nicht ge­si­chert. Wir klä­ren über die wich­tigs­ten Ri­si­ken auf. Rei­chen die zu­ge­sag­ten Maß­nah­men der Län­der, um das Kli­ma­ziel zu er­rei­chen? Nein. Denn die von den ein­zel­nen Staa­ten ge­plan­ten Ak­tio­nen wür­den im­mer noch ei­ne Er­wär­mung des Welt­kli­mas um bis zu drei Grad zu­las­sen. Das wä­re mit fa­ta­len Fol­gen für die asia­ti­schen Küs­ten­städ­te ver­bun­den. Die Kli­ma­p­lä­ne in fast al­len Län­dern müs­sen des­halb nach­ge­bes­sert wer­den. War­um ha­ben die Staa­ten sich nicht zu fes­ten Ver­min­de­rungs­zie­len ver­pflich­tet? Sol­che ver­bind­li­chen Zie­le wa­ren nicht er­reich­bar. Das ist die Leh­re aus dem ge­schei­ter­ten Gip­fel von Ko­pen­ha­gen im Jahr 2009, bei dem Ame­ri­ka­ner und Chi­ne­sen ein sol­ches Vor­ge­hen ab­lehn­ten. Die Zie­le von Pa­ris sind rea­lis­ti­scher aber nicht aus­rei­chend. Wel­che po­li­ti­schen Ri­si­ken sind mit dem Ver­trag ver­bun­den? Da In­ves­ti­tio­nen in den Kli­ma­schutz teu­er sind, wer­den et­li­che Staa­ten ver­su­chen, ih­ren Bei­trag mög­lichst ge­ring zu hal­ten. Sie wür­den dann von den Maß­nah­men der Kli­ma-Vor­rei­ter pro­fi­tie­ren. Das könn­te nach Mei­nung des Har­vard-Öko­no­men Wil­li­am Nord­haus da­zu füh­ren, dass der Ver­trag in­ner­lich aus­ge­höhlt wird. Denn das Ver­hal­ten der Tritt­brett­fah­rer könn­te wei­te­re an­lo­cken, die nicht be­reit sind die Kos­ten für an­de­re zu über­neh­men, oh­ne da­von zu pro­fi­tie­ren. Bei we­ni­gen Ak­teu­ren ist es mög­lich, die Hand­lun­gen al­ler zu über­wa­chen und Tritt­brett­fah­rer zur Ord­nung zu ru­fen. Mit der gro­ßen Zahl der Un­ter­zeich­ner wird es aber schwie­ri­ger, al­le Län­der hin­rei­chend zu über­wa­chen. Im­mer­hin ha­ben sich die UNStaa­ten ver­pflich­tet, al­le fünf Jah­re die Maß­nah­men zum Kli­ma­schutz zu be­wer­ten. Ste­hen die USA ge­schlos­sen zu den Er­geb­nis­sen von Pa­ris? Nein. Wäh­rend der de­mo­kra­ti­sche Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma die Er­geb­nis­se des Kli­ma-Gip­fels als Wen­de­punkt im Kampf für die Ret­tung des Pla­ne­ten be­zeich­net, kün­di­gen die Re­pu­bli­ka­ner ent­schie­de­nen Wi­der­stand an. Nach der Prä­si­den­ten­wahl im kom­men­den Jahr wer­de der von vie­len als his­to­ri­sche Ei­ni­gung ge­fei­er­te Ver­trag „in den Schred­der“wan­dern, pro­gnos­ti­zier­te der re­pu­bli­ka­ni­sche Mehr­heits­füh­rer im Se­nat, Mitch McCo­nell. Die Re­pu­bli­ka­ner, die in bei­den Häu­sern des Kon­gres­ses die Mehr­heit ha­ben, se­hen durch ei­nen ver­schärf­ten Kli­ma­schutz vie­le Jobs in Ge­fahr und durch stei­gen­de Kos­ten für die hei­mi­sche In­dus­trie schwe­re Nach­tei­le auf den Welt­märk­ten. Vie­le Re­pu­bli­ka­ner glau­ben nicht, dass der Mensch durch sein Han­deln und sei­ne Le­bens­ge­wohn­hei­ten das glo­ba­le Kli­ma be­ein­flusst. Der nächs­te Prä­si­dent wer­de Oba­mas Zu­ge­ständ­nis­se in Sa­chen Kli­ma ein­fach „zer­rei­ßen“, hieß es schon kurz nach Ver­trags­ab­schluss. Steht Pe­king den Ver­ein­ba­run­gen auf­ge­schlos­se­ner ge­gen­über? Nicht wirk­lich, auch wenn Pe­king den Ver­trag jetzt mit­trägt. Man könn­te mei­nen, die ex­tre­me Luft­ver­schmut­zung in den Groß­städ­ten in den ver­gan­ge­nen Wo­chen sei ein schla­gen­der Be­weis für den Hand­lungs­drang in Pe­king. Der Ver­trag von Pa­ris soll aber erst ab 2020 ver­pflich­tend wer­den. Wer­den die selbst­ge­setz­ten Zie­le nicht er­reicht, gibt es kei­ne Stra­fen. Chi­na muss sei­ne Luft­ver­schmut­zung (haupt­säch­lich be­dingt durch Ruß­par­ti­kel und Schwe­fel­ga­se) in den Griff be­kom­men. Da­zu muss die Ab­hän­gig­keit bei der Nut­zung fos­si­ler Brenn­stof­fe dras­tisch re­du­ziert wer­den. Pe­king setzt auf er­neu­er­ba­re Ener­gi­en und auf Atom­kraft mit dem Ziel des ei­ge­nen Re­ak­tor­baus. Pro­gno­sen ge­hen bis zum Jahr 2030 von rund 100 neu­en Atom­kraft­wer­ken aus. Bei dem für die Kli­ma­er­wär­mung aber ur­säch­li­chen Treib­haus­gas CO2 er­hält Chi­na (nach Pa­ris) wei­ter Son­der­rech­te, weil dem Land – his­to­risch be­dingt wie auch bei an­de­ren Ent­wick­lungs­län­dern – we­ni­ger Ver­ant­wor­tung für den Kli­ma­wan­del zu­ge­wie­sen wur­de. Chi­na hat aber auch die Kli­ma­the­ma­tik als Macht- und Ein­fluss­fak­tor in an­de­ren Län­dern er­kannt. Pe­king be­tei­ligt sich an den Kli­ma­hilfs­zah­lun­gen für Afri­ka und sieht künf­tig Chan­cen für Re­ak­tor­ex­por­te.

Pe­king setzt auf er­neu­er­ba­re Ener­gi­en und auf Atom­kraft mit dem Ziel des ei­ge­nen

Re­ak­tor­baus

Was ma­chen Russ­land und die Golf­staa­ten? Bei­de sind Ex­por­teu­re von fos­si­len Ener­gie­trä­gern. Ei­ne in Pa­ris ver­ein­bar­te und von ih­nen mit­ge­tra­ge­ne Ab­kehr von Öl und Gas ist für sie in­nen­po­li­tisch schwer ver­mit­tel­bar, weil der Wohl­stand weit­ge­hend vom Ex­port ab­hän­gen. Al­lein bei den Sau­dis tra­gen Öl und Gas zu 85 Pro­zent der Ex­por­te bei. Al­le die­se Län­der müs­sen um den Pa­ri­ser Kli­ma­vor­ga­ben zu ent­spre­chen, ih­re Volks­wirt­schaf­ten auf ei­ne viel brei­te­re Ba­sis um­stel­len. Das ge­lingt nicht so schnell. Und In­di­en? In­di­en ver­schließt sich den Pa­ri­ser-Be­schlüs­sen nicht. Als Ent­wick­lungs­land kann es auf die Hil­fe der In­dus­trie­staa­ten für den Kli­ma­schutz set­zen. Au­ßer­dem kann es sich mit der Dros­se­lung kli­ma­schäd­li­cher Emis­sio­nen noch Zeit las­sen. Hin­ter­grund: Von den über ei­ne Mil­li­ar­de zäh­len­den In­dern le­ben ein Fünf­tel in Ar­mut. Mehr als 300 Mil­lio­nen Men­schen ha­ben noch im­mer kei­nen Zu­gang zu Strom. In Pa­ris wur­den Hil­fen zu­ge­sagt.

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