Zank um Er­fül­lung der Flücht­lings-Quo­ten

Gro­ße Städ­te blei­ben hin­ter den Vor­ga­ben, klei­ne sind über­las­tet. Der Hand­werks­tag for­dert an­de­re Ver­teil-Kri­te­ri­en.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON THO­MAS REI­SE­NER, KI­LI­AN TRESS UND REIN­HARD KO­WA­LEW­SKY

DÜSSELDORF Will­kom­mens­kul­tur hin oder her – bei 200.000 neu­en Flücht­lin­gen in NRW al­lein in die­sem Jahr ach­tet in­zwi­schen je­de Kom­mu­ne dar­auf, nicht stär­ker als nö­tig be­las­tet zu wer­den. Vie­ler­orts sind die Un­ter­brin­gungs­ka­pa­zi­tä­ten aus­ge­reizt, Gel­sen­kir­chen und Dort­mund schlie­ßen so­gar die Be­schlag­nah­mun­gen von pri­va­ten Im­mo­bi­li­en nicht mehr aus. In Ol­pe ist es schon da­zu ge­kom­men.

Of­fen­bar ver­läuft die Zu­wei­sung der Flücht­lin­ge an die Kom­mu­nen äu­ßerst un­ge­recht, wie neue Zah­len der Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­lie­gen, zei­gen. Ei­ni­ge Städ­te be­kom­men we­sent­lich mehr Flücht­lin­ge zu­ge­wie­sen, als sie laut amt­li­chem Ver­teil­schlüs­sel auf­neh­men müss­ten. In Wee­ze zum Bei­spiel leb­ten der „Ver­tei­ler­sta­tis­tik No­vem­ber 2015“zu­fol­ge zu­letzt 737 Flücht­lin­ge oder 384 Pro­zent über Plan. Um­ge­kehrt gab es in Duis­burg 2813 Flücht­lin­ge we­ni­ger als ge­plant – die Stadt blieb fast 41 Pro­zent un­ter ih­rem Soll.

Die Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg ist lan­des­weit für die Ver­tei­lung ent­spre­chend ei­nes vor­ge­ge­be­nen Schlüs­sels zu­stän­dig, der un­ter an­de­rem die Be­völ­ke­rungs­grö­ße der je­wei­li­gen Ziel­ge­mein­de be­rück­sich­tigt. Sie wie­der­um un­ter­steht dem NRW-In­nen­mi­nis­te­ri­um. Mit Duis­burg bleibt aus­ge­rech­net die po­li­ti­sche Hei­mat von NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) wei­ter hin­ter dem Ver­tei­lungs­schlüs­sel zu­rück als fast je­de an­de­re NRW-Kom­mu­ne: nur Niederkrüchten liegt mit 50,97 Pro­zent Auf­nah­me­quo­te (auf- Im Som­mer gab es in Duis­burg-Wal­s­um für kur­ze Zeit ei­ne Zelt­stadt, mög­lich,

dass nach dem Win­ter in der Stadt wie­der ei­ne auf­ge­baut wird. ge­nom­me­ne Flücht­lin­ge im Ver­hält­nis zum Soll) da­hin­ter. Will Jä­ger sei­ne Hei­mat­stadt scho­nen?

In­nen­mi­nis­ter Jä­ger er­klär­te un­se­rer Re­dak­ti­on da­zu: „Die Ver­tei- lung der Flücht­lin­ge auf die Kom­mu­nen wird von der zu­stän­di­gen Be­zirks­re­gie­rung ei­gen­ver­ant­wort­lich und oh­ne Ein­fluss des In­nen­mi­nis­te­ri­ums vor­ge­nom­men. Dies ge­schieht nach ei­nem Ver­tei­lungs­schlüs­sel, der ei­ne gleich­mä­ßi­ge Ver­tei­lung auf die Kom­mu­nen vor­sieht. Al­le Kom­mu­nen müs­sen ih­re Quo­te er­fül­len.“

Die Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg teil­te mit, die Zah­len sei­en nicht ak­tu­ell, weil „die Zu­wei­sungs­quo­te er­heb­li­chen täg­li­chen Ve­rän­de­run­gen“un­ter­lie­ge. Ak­tu­el­le­re Zah­len, die um Schwan­kun­gen be­rei­nigt wä­ren, bot die Be­hör­de nicht an.

„Wir wol­len die Quo­te er­fül­len“, sagt ein Spre­cher der Stadt Duis­burg, „aber wir ha­ben we­ni­ger Plät­ze als Zu­wei­sun­gen zur Ver­fü­gung“. Es ge­be schlicht nicht ge­nug Woh­nun­gen. Zwar stel­le das Land Fi­nanz­mit­tel zur Ver­fü­gung. Aber es feh­le an Zeit, den Wohn­raum zu iden­ti­fi­zie­ren und her­zu­rich­ten. Auch, weil es in Duis­burg rund 30 so ge­nann­te Stör­fall­be­trie­be wie et­wa Che­mie­fa­bri­ken gibt, in de­ren Nä­he im Um­kreis von 400 bis 2000 Me­tern zu de­ren Schutz kei­ne Flücht­lin­ge un­ter­ge­bracht wer­den dür­fen. „Kei­ne an­de­re Stadt hat so vie­le die­ser Stör­fall­be­trie­be“, sagt der Spre­cher.

Auf­fal­lend ist auch, dass die klei­nen und mitt­le­ren Kom­mu­nen in NRW die Quo­te des Lan­des fast im­mer er­fül­len, wäh­rend die gro­ßen kreis­frei­en Städ­te meis­tens dar­un­ter lie­gen. So kommt Köln nur auf ei­ne Quo­te von 61 Pro­zent, Wup­per­tal auf 63 Pro­zent und Rhein­berg auf 60 Pro­zent. Der­weil lie­gen die Quo­ten in Mon­schau bei 312 Pro­zent, in Hö­vel­hof bei 290 Pro­zent und in Ker­ken bei 262 Pro­zent. Das er­klärt die Be­zirks­re­gie­rung durch ei­ne sta­tis­ti­sche Ver­zer­rung, die durch eben­falls mit ein­ge­rech­ne­te zen­tra­le Lan­des­ein­rich­tun­gen zur Erst­auf­nah­me von Flücht­lin­gen zu­stan­de kommt. Ein Spre­cher des Städ­te­und Ge­mein­de­bun­des sag­te: „Klei­ne­re Kom­mu­nen sind eben schnel­ler über­füllt als die gro­ßen.“

Der kom­mu­nal­po­li­ti­sche Ex­per­te der CDU im Land­tag, An­dré Ku­per, glaubt den Er­klä­run­gen nicht. „Die­se Un­gleich­heit kann von uns als CDULand­tags­frak­ti­on nicht hin­ge­nom­men wer­den, da­her wer­den wir nach­fas­sen und Auf­klä­rung ver­lan­gen.“

An­ders geht das NRW-Hand­werk mit der Kri­se um: Flücht­lin­ge soll­ten in Re­gio­nen ge­lockt wer­den, wo es vie­le Ar­beits­plät­ze und Lehr­stel­len gibt, als starr nach Quo­ten ver­teilt zu wer­den, for­dert der NRW-Hand­werks­tag. Ge­meint ist, dass neue Bür­ger eher nach Ost­west­fa­len oder Müns­ter zie­hen sol­len, wo die Ar­beits­lo­sig­keit nied­rig ist und vie­le Hand­wer­ker Lehr­lin­ge su­chen.

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