Mer­kels Ba­lan­ce­akt

In der Flücht­lings­po­li­tik braucht die Kanz­le­rin den Rück­halt ih­rer CDU. Da­für macht sie Zu­ge­ständ­nis­se – nicht aber beim The­ma Ober­gren­ze.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GREGOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

KARLS­RU­HE Die Ge­schich­te der O – sie soll auch beim Bun­des­par­tei­tag der CDU nicht ge­schrie­ben wer­den. „Ober­gren­ze“, das Wort, das sich Horst See­ho­fer von CDU-Che­fin An­ge­la Mer­kel schon bei sei­nem CSU-Par­tei­tag in München ver­geb­lich wünsch­te, will sich die Kanz­le­rin auch in ih­rer ei­ge­nen Par­tei nicht in die Be­schluss­la­ge hin­ein­stim­men las­sen. In meh­re­ren Wel­len ver­sucht sie des­halb, die im­mer kri­ti­scher wer­den­de Par­tei hin­ter sich zu sam­meln. Am Abend ge­lingt es ihr, die schärfs­ten Kri­ti­ker von der Jun­gen Uni­on und der Mit­tel­stands­ver­ei­ni­gung in ei­nen neu­en Kom­pro­miss ein­zu­bin­den. Deutsch­land dür­fe nicht über­for­dert wer­den, die Zahl der Flücht­lin­ge müs­se re­du­ziert, die Kon­trol­len ge­ge­be­nen­falls in­ten­si­viert wer­den. Ob die De­le­gier­ten das heu­te beim Auf­takt des Par­tei­ta­ges auch so se­hen? Hier kommt es auf Mer­kels Über­zeu­gungs­kraft an.

Die Par­tei dis­ku­tiert seit An­fang Sep­tem­ber dar­über, ob der Zustrom von Flücht­lin­gen zah­len­mä­ßig be­grenzt wer­den kann und muss – mit al­len Kon­se­quen­zen: Grenz­schlie­ßun­gen, Zu­rück­wei­sun­gen und da­mit ver­bun­de­nen fürch­ter­li­chen Sze­nen von Ge­walt und Ver­zweif­lung an der deut­schen Gren­ze. Da­mals im Sep­tem­ber hat­te Mer­kel im Interview mit un­se­rer Re­dak­ti­on be­tont, dass das deut­sche Asyl­recht kei­ne Ober­gren­ze ken­ne. Dies gel­te auch für die Flücht­lin­ge, die aus der Höl­le des Bür­ger­kriegs kä­men. Die CSU und auch Tei­le der CDU drän­gen seit­dem auf ge­nau das, was Mer­kel ver­wei­gert.

Die­se Li­nie will sie auch beim Par­tei­tag durch­set­zen. Und da­für soll auch op­tisch al­les op­ti­mal vor­be­rei­tet sein. Bei ih­rer Hal­len­be­sich­ti­gung am Nach­mit­tag in­ter­es­siert sich Mer­kel mehr als in den Vor­jah­ren da­für, wie sie am fol­gen­den Tag über die Groß­lein­wän­de wirkt. Wie ihr Bild bei den be­son­ders kri­ti­schen Lan­des­ver­bän­den an­kommt. Par­al­lel hat sie in meh­re­ren In­ter­views Ent­ge­gen­kom­men und Ent­schlos­sen­heit si­gna­li­siert. Und weil Sach­sen-An­halts CDU-Chef-Wahl­kämp­fer Rei­ner Ha­seloff im­mer noch auf ei­ne Ober­gren­ze von 400.000 kommt, te­le­fo­niert sie auch mit ihm. Als Er­geb­nis kün­digt sie für die Gre­mi­en­sit­zun­gen Fle­xi­bi­li­tät bei je­nen Fra­gen an, um die sich die Men­schen sor­gen.

Prompt knüpft ei­ne Er­gän­zung zum Leit­an­trag nach mehr­stün­di­gen Dis­kus­sio­nen an den „In­ter­es­sen der Men­schen in Deutsch­land“an. Die CDU sei des­halb „ent­schlos­sen, den Zu­zug von Asyl­be­wer­bern und Flücht­lin­gen durch wirk­sa­me Maß­nah­men spür­bar zu ver­rin­gern“. Und schließ­lich das von Jun­ger Uni­on und Mit­tel­ständ­lern so ein­dring­lich ver­lang­te „Si­gnal der Be­gren­zung“. Frei­lich oh­ne die­ses Wort zu er­wäh­nen. „Ein An­dau­ern des ak­tu­el­len Zu­zugs wür­de Staat und Ge­sell­schaft, auch in ei­nem Land wie Deutsch­land, auf Dau­er über­for­dern“, heißt es nun. Und ein paar Sei­ten wei­ter kommt ein Pas­sus zum Eu­ro­pa der of­fe­nen Gren­zen nach dem Schen­gen-Ver­trag hin­zu. Die ge­ra­de lau­fen­den Kon­trol­len sei­en „so lan­ge un­ver­zicht- bar und ge­ge­be­nen­falls zu in­ten­si­vie­ren, bis ei­ne strik­te und Schen­gen-kon­for­me Kon­trol­le der Au­ßen­gren­zen ge­währ­leis­tet“sei.

Al­so der Weg zum Zu­rück­wei­sen von Flücht­lin­gen? Um­ge­hend beugt Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber vor. Das sei da­mit nicht ge­meint. Das die­ne al­lein der „in­ne­ren Si­cher­heit“. Doch im Um­feld des Par­tei­ta­ges ora­kelt In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re eben­falls über schär­fe­re Grenz­kon­trol­len, von der EU vor­be­rei­te­te strik­te­res Ein­schrei­ten auch oh­ne An­trag der be­trof­fe­nen Län­der und auch über die Mög­lich­keit, An­kom­men­de zu­rück­zu­wei­sen. Wenn der Zeit­punkt da­für ge­kom­men sei, wer­de man nicht dar­über spre­chen, son­dern han­deln.

En­er­gisch gibt sich Tau­ber bei der Rol­le, die nun Eu­ro­pa zu über­neh­men ha­be. Mitt­woch wer­de sich Deutsch­land bei der EU da­für ein­set­zen, aus Fron­tex ei­ne Grenz­schutz­po­li­zei zu ma­chen. Don­ners­tag wol­le man wei­te­re Ge­sprä­che mit der Tür­kei füh­ren, und nächs­tes Wo­che­n­en­de soll es auch im Eu­ro­päi­schen Rat vor­an­ge­hen.

Und wie sieht der Ge­ne­ral­se­kre­tär im Vor­feld des Par­tei­tags die Stim­mung ge­gen­über Mer­kel? Wird Tau­ber mit je­nen 74,3 Pro­zent Zu­stim­mung für den Leit­an­trag zu­frie­den sein, die beim Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el bei sei­ner Wie­der­wahl be­kam? „Wir Christ­de­mo­kra­ten soll­ten uns nicht an den So­zis ori­en­tie­ren – das ist nicht un­se­re Flug­hö­he“, meint er schmun­zelnd.

FOTO: AFP

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in­spi­ziert die Büh­ne kurz vor Be­ginn des CDU-Par­tei­tags in Karls­ru­he.

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