Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Im Wohn­zim­mer war es still, und der Tep­pich fühl­te sich un­ter mei­nen nack­ten Fü­ßen wun­der­bar weich an. Ich ging hin­un­ter zu dem gro­ßen Fens­ter und schau­te auf die Ei­sen­bahn­schwel­len und den Pool da­hin­ter, dann ging ich zu­rück und blieb vor dem Flü­gel ste­hen. Es ist ein gu­ter, ein 1,80 Me­ter lan­ger Kn­a­beFlü­gel, den Ja­ne und Pa­pa Ju­dy zu ih­rem vier­zehn­ten Ge­burts­tag ge­schenkt hat­ten. Und zu mei­nem na­tür­lich, nur be­kam ich da­mals ein Pferd, ei­nen Fal­ben na­mens Dan. So ist das, dach­te ich, Dan ist seit vier Jah­ren tot, aber die­ser Flü­gel steht im­mer noch hier mit sei­nen 1,80 Me­ter, und er wird mit je­dem Jahr ele­gan­ter. Ich hat­te den Im­puls, ihm zum An­den­ken an Dan ei­nen Tritt zu ver­pas­sen, aber ich war bar­fuß, au­ßer­dem re­de­te mein Va­ter jetzt mit mir. Er saß am Tre­sen, vor sich ein Glas und ein auf­ge­schla­ge­nes Buch, und frag­te mich, was wir so lan­ge ge­macht hät­ten.

„Fröh­li­che Hoch­zeits­plä­ne ge­schmie­det“, sag­te ich, ging die zwei Stu­fen hin­auf und stell­te mich ihm ge­gen­über auf die an­de­re Sei­te der Bar, wo ich ihn bat, so nett zu sein und mir noch ei­nen Drink zu mi­xen, ich hät­te ver­ges­sen, wo ich den vo­ri­gen hin­ge­stellt hät­te, und wol­le et­was mit hin­aus an den Pool neh­men.

Er nahm ein Glas und schenk­te mir Co­gnac ein, dies­mal vä­ter­lich be­mes­sen, und wäh­rend er So­da ho­len ging, ent­kork­te ich die Fla­sche und goss noch et­was nach. Dum­mer­wei­se war ich noch da­mit be­schäf­tigt, als er mit der So­da zu­rück­kam, und er warf mir ei­nen Blick zu, den ich eben­falls vä­ter­lich fand.

„Ich bin voll­jäh­rig“, sag­te ich auf die­sen Blick hin, „und ich fin­de Hoch­zeits­plä­ne dend.“

„Ich auch“, sag­te mein Va­ter. „Selbst wenn ich mich her­aus­hal­te.“

Ich nick­te, nahm dan­kend So­da und Eis ent­ge­gen und sag­te ihm, falls mich je­mand su­che, ich sei drau­ßen und er­fri­sche mich im Pool. Ich ging durch die Wohn­zim­mer­tür hin­aus, mach­te sie hin­ter mir zu und blieb ei­nen Au­gen­blick auf dem Son­nen­deck ste­hen, wo ich Ju­dy für das Te­le­fo­nat mit West Los Angeles die Fü­ße ab­ge­trock­net hat­te – wie lang war das her? Ei­ne hal­be, höchs­tens drei­vier­tel St­un­de, aber Zeit ge­nug, um ei­ne Welt zu­sam­men­bre­chen zu las­sen – das, was an Welt noch da ge­we­sen war. Ich ging die Trep­pe hin­ab, über den Ra­sen und dann die an­de­ren Stu­fen hin­un­ter zum Pool. Die Un­ter­was­ser­be­leuch­tung war noch an, und in dem Licht­ke­gel schweb­te ein klei­ner Mot­ten­schwarm, glit­zernd wie Kron­ju­we­len. Ich müh­te mich nach Kräf­ten, an et­was an­de­res zu den­ken als an Men­schen, et­was an­de­res als Klei­der und Hoch­zei­ten, und so lan­de­te ich schließ­lich bei Fle­der­mäu­sen und dach­te dar­an, wie sie frü­her in der Däm­me­rung über den Pool hin­weg­ge­flitzt wa­ren – schwe­re­los, in ra­san­tem Schräg­flug – und uns er­schreckt hat­ten, al­ler­dings nicht sehr. Fle­der­mäu­se und Ähn­li­ches hat­ten wir im­mer ak­zep­tiert; Gran­ny ängs­tig­te sich vor ih­nen, doch es war ihr nicht ge­lun­gen, auch uns die­se Angst ein­zu­ja­gen. Ich stell­te mich an den Be­cken­rand und wünsch­te mir, jetzt auf der Stel­le wür­de ei­ne Fle­der­maus durch die Luft sau­sen und sich in mei­nem Haar ver­fan­gen, wie Fle­der­mäu­se es – Gran­ny glaubt das wirk­lich – gern tun. Es wä­re schön, dach­te ich, ei­ne Fle­der­maus im Haar zu ha­ben, nicht nur zum Be­weis, dass Gran­ny

ziem­lich

er­mü- eben doch recht hat­te, son­dern ein­fach, um et­was Rea­les, Greif­ba­res zu ha­ben, mit dem ich um­ge­hen muss­te. Ich wuss­te, was ich tun wür­de, wenn das pas­sier­te: Ich wür­de mein Glas ab­set­zen, und wäh­rend die Fle­der­maus sich da oben in mei­nem Haar hin und her warf, sich im­mer mehr ver­hed­der­te und im­mer grö­ße­re Angst be­kam, wür­de ich mit tie­fer, ru­hi­ger Stim­me zu ihr spre­chen, ihr sa­gen, sie sol­le sich ent­span­nen, mir ver­trau­en, mir freie Hand las­sen und ver­spre­chen, nicht in Pa­nik zu ge­ra­ten, mich nicht zu bei­ßen, dann wür­de ich sie in null Kom­ma nichts da her­aus­ho­len. Und dann wür­de ich sehr be­hut­sam vor­ge­hen, erst den ei­nen Flü­gel be­frei­en und be­ru­hi­gend tät­scheln, dann den an­de­ren; und nach­dem ich der Fle­der­maus ge­sagt hät­te, wie der Stand der Din­ge sei, wür­de ich klei­ne­re Por­tio­nen mei­nes Haars be­we­gen, Sträh­ne um Sträh­ne, und die ru­di­men­tä­ren Bein­chen be­frei­en. Es wür­de Zeit und Ge­duld er­for­dern, aber ir­gend­wann wür­de die letz­te Sträh­ne ent­fernt sein, und die Fle­der­maus wür­de auf mei­nem Kopf lie­gen, im­mer noch et­was zitt­rig na­tür­lich und er­schöpft, aber vol­ler Ver­trau­en. Dann wür­de ich ihr sa­gen, sie sei nicht mehr in mei­nem Haar ge­fan­gen, sie sei frei und kön­ne je­der­zeit da­von­flie­gen. Aber sie wür­de nicht so­fort ver­schwin­den. Sie wür­de dort lie­gen und sich aus­ru­hen und wahr­schein­lich dar­über nach­sin­nen, dass die Haa­re von Men­schen gar nicht so schlimm sind, wie man es als Fle­der­maus bei­ge­bracht be­kommt. Und dann wür­de ich spü­ren, wie sie sich reg­te, los­flog und fort wä­re.

Ich trank an­dert­halb Schluck Co­gnac, und mir wur­de klar, dass man sich noch so sehr mit Platz­hal­tern ver­küns­teln kann, am En­de lan­det man doch wie­der beim Men­schen. Ich konn­te ja nicht ein­mal an ei­ne Fle­der­maus den­ken, oh­ne sie zu per­so­ni­fi­zie­ren. Al­so ver­such­te ich es noch ein­mal, aufs Ge­ra­te­wohl, wie ich glaub­te, und dach­te dies­mal an die Schwar­ze Wit­we, vor der Gran uns eben­falls Vor­sicht ein­zu­imp­fen ver­sucht hat­te, weil ih­re Bis­se töd­lich sei­en. Aber die Schwar­zen Wit­wen in mei­nem Le­ben ha­ben nie ir­gend­ein In­ter­es­se dar­an ge­zeigt, je­man­den zu bei­ßen oder sonst­wie Är­ger zu ma­chen. Sie wol­len nichts an­de­res auf die­ser Welt als in ei­nem Holz­sta­pel oder un­ter ei­nem Stuhl ein schö­nes, fes­tes Netz spin­nen, ih­ren Mann los­wer­den und in Frie­den le­ben. Da ist er wie­der, der Mensch. Er setzt den Maß­stab, und al­le Ge­dan­ken­gän­ge, so ver­schlun­gen oder wirr sie auch sein mö­gen, füh­ren wie­der zu ihm zu­rück und drän­gen ihn uns ins Be­wusst­sein.

Ich be­gann nach ei­ner Ba­de­kap­pe Aus­schau zu hal­ten, aber ich sah nir­gends ei­ne her­um­lie­gen, we­der auf Ti­schen noch auf Stüh­len, wo man doch nor­ma­ler­wei­se ei­ne Ba­de­kap­pe er­war­ten wür­de. Kei­ne Ba­de­kap­pe weit und breit, aber ich woll­te jetzt ins Was­ser, woll­te un­ter­tau­chen und se­hen, ob das mein Den­ken ir­gend­wie ver­än­dern wür­de. Ich zog mir die Haar­na­deln aus dem Haar und leg­te sie auf den Tisch, nahm noch mal ei­nen klei­nen Schluck, stell­te mein Glas ab und ging ans En­de des Pools, ge­gen­über dem Sprung­brett und der Un­ter­was­ser­be­leuch­tung.

Un­ser Pool hat kei­ne fla­che Sei­te. Er ist am ei­nen En­de 1,80 Me­ter tief und am an­de­ren 2,40 Me­ter, am Ab­fluss so­gar 2,70Me­ter.

(Fort­set­zung folgt)

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