Nach­fra­ge nach Waf­fen­schei­nen steigt

Im­mer mehr Men­schen in NRW be­sit­zen ei­nen Klei­nen Waf­fen­schein und frei ver­käuf­li­che Waf­fen. Als Grund se­hen Ex­per­ten ein stei­gen­des Ge­fühl der Unsicherheit. Die Po­li­zei­ge­werk­schaft zeigt sich be­sorgt über die Ent­wick­lung.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON LESLIE BROOK UND JES­SI­CA KUSCHNIK

DÜSSELDORF Meh­re­re Ge­schäf­te hat Ingrid Steg­ler in der Mo­er­ser In­nen­stadt auf der Su­che nach ei­nem Pfef­fer­spray in der ver­gan­ge­nen Wo­che ab­ge­klap­pert. Doch Fehl­an­zei­ge: Das Ab­wehr­mit­tel war übe­r­all aus­ver­kauft. In ih­rem Wohn­vier­tel gab es zu­letzt meh­re­re Ein­brü­che, „und als mein Mann sag­te, dass er für ein paar Ta­ge be­ruf­lich weg­fah­ren muss und ich al­lei­ne zu Hau­se blei­be, er­schien mir der Ge­dan­ke be­ängs­ti­gend“, er­klärt die 65-Jäh­ri­ge. Das Reiz­gas tra­ge da­zu bei, dass sie sich si­che­rer füh­le und im Not­fall ver­tei­di­gen kön­ne. Schließ­lich be­kam sie ein Ex­em­plar von ei­ner ih­rer Golf­freun­din­nen, die auch al­le mit dem Spray aus­ge­stat­tet sei­en, ge­schenkt. „Ich neh­me es auch mit, wenn ich zum Bei­spiel abends spa­zie­ren ge­he“, sagt sie.

Die Nach­fra­ge nach so­ge­nann­ten frei­en Ab­wehr­mit­teln ha­be sich im Ver­gleich zum Vor­jahr ver­dop­pelt, sagt In­go Mein­hard, Ge­schäfts­füh­rer des Ver­ban­des deut­scher Büch­sen­ma­cher und Waf­fen­händ­ler (VdB). Das ha­be ei­ne Um­fra­ge un­ter Händ­lern er­ge­ben. Be­son­ders be­liebt zur Selbst­ver­tei­di­gung sind ne­ben Pfef­fer­spray Schreck­schuss­pis­to­len und Gas­re­vol­ver, für die man le­dig­lich ei­nen Klei­nen Waf­fen­schein braucht.

Doch schon bei frei­ver­käuf­li­chen Ab­wehr­mit­teln, für die man kei­ne Nach­wei­se be­nö­tigt, sei Vor­sicht ge­bo­ten, sagt Mein­hard. Denn wer sich nicht an ge­setz­li­che Vor­ga­ben hält, kön­ne in ei­ner Not­wehr­si­tua­ti­on un­frei­wil­lig zum Tä­ter wer­den. „Pfef­fer­spray et­wa ist aus­schließ­lich für den Ein­satz ge­gen ag­gres­si­ve Tie­re ge­dacht. CS-Gas hin­ge­gen darf man im Not­fall ge­gen Per­so­nen rich­ten“, so Mein­hard – al­ler­dings ist die Ver­wen­dung erst ab ei­nem Al­ter von 14 Jah­ren er­laubt.

Ex­per­ten war­nen da­vor, sich aus Angst vor Ein­bre­chern zu be­waff­nen, da dies da­zu füh­ren kön­ne, sich selbst oder an­de­re un­ge­wollt zu ver­let­zen. „Man muss im­mer be­den­ken: Die Waf­fe kann auch ge­gen ei- nen selbst ge­rich­tet wer­den, und für Lai­en ist es schwie­rig, sich in ei­ner kri­ti­schen La­ge da­mit zu schüt­zen“, sagt Da­nie­la Däs­sel, Spre­che­rin der Po­li­zei im Rhein-Kreis Neuss. Zu­dem darf man sich in Deutsch­land nicht un­ein­ge­schränkt ge­gen ei­nen Ein­bre­cher weh­ren. Bes­ser als ei­ne Waf­fe sei­en CS-Gas (Reiz­gas), ein Schril­lalarm, der den Ag­gres­sor ir­ri­tiert und die Um­ge­bung auf die Si­tua­ti­on auf­merk­sam macht, oder ei­ne Hoch­fre­quenz­ta­schen­lam­pe, um ei­nen An­grei­fer zu blen­den, sagt Mein­hard. „Ich darf mich zwar ver­tei­di­gen, aber nur, um aus ei­ner Si­tua­ti­on her­aus­zu­kom­men“, er­klärt der Ex­per­te. Nach der Ver­wen­dung ei­ner sol­chen Lam­pe et­wa kön­ne man flie­hen, ha­be den An­grei­fer aber nicht wei­ter ver­letzt. „So kann man hin­ter­her nicht we­gen Kör­per- ver­let­zung zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den.“Ei­ne sol­che Ta­schen­lam­pe kos­tet beim VdB-Händ­ler et­wa 40 Eu­ro. Zum Ver­gleich: Die Schreck­schuss­pis­to­le schlägt mit et­wa 130 Eu­ro zu Bu­che.

Die Zahl der An­trä­ge für den Klei­nen Waf­fen­schein, al­so für die Er­laub­nis, Gas- und Schreck­schuss­pis­to­len er­wer­ben und füh­ren zu dür­fen, sei in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­stie­gen, heißt es aus dem NRW-In­nen­mi­nis­te­ri­um. So be­sa­ßen En­de 2014 ins­ge­samt 64.686 Per­so­nen den Klei­nen Waf­fen­schein. Im Jahr zu­vor wa­ren es 2685 we­ni­ger (mi­nus 4,3Pro­zent). Die NRW-Sta­tis­tik für 2015 liegt erst im Ja­nu­ar vor. Der Trend ha­be sich in die­sem Jahr wei­ter fort­ge­setzt, be­rich­ten Po­li­zei­spre­cher aus meh­re­ren Städ­ten und Krei­sen. Im Kreis Kle­ve et­wa ist die Zahl der Klei­nen Waf­fen­schei­ne in we­ni­ger als ei­nem Jahr von 900 (Stand En­de 2014) auf 1023 (Stand 10. De­zem­ber) ge­stie­gen (plus 13,7 Pro­zent), im Kreis Mettmann sind ak­tu­ell rund 1900 Klei­ne Waf­fen­schei­ne ver­zeich­net. Vor ei­nem Jahr wa­ren es 1689 – ein Plus von 12,5 Pro­zent. Auch im Rhein-Kreis Neuss hat die Zahl zu­ge­nom­men: seit 2013 von 1440 auf nun rund 1600. Die Neu­an­trä­ge ha­ben sich im Be­reich der Po­li­zei­di­rek­ti­on Wup­per­tal, Rem­scheid und So­lin­gen von 155 im ver­gan­ge­nen Jahr auf 291 bis jetzt er­höht.

Ob auch die Zahl der da­mit er­laub­ten Ab­wehr­waf­fen grö­ßer ge­wor­den sei, kön­ne man je­doch nicht sa­gen, so ein Spre­cher, da Schre­ckund Gas­schuss­pis­to­len beim Kauf nicht re­gis­triert wer­den. Auf der an­de­ren Sei­te kön­ne man ei­nen Rück- gang von Waf­fen­be­sitz­kar­ten ver­zeich­nen, al­so die Er­laub­nis, schar­fe Waf­fen zu er­wer­ben. Die­se Kar­te be­sit­zen vor­ran­gig Sport­schüt­zen, Jä­ger oder Samm­ler.

Vie­le Men­schen, ge­ra­de äl­te­re, füh­len sich in Zei­ten bru­ta­ler Über­fäl­le un­si­cher, das sei aber nicht mit ei­ner stei­gen­den Zahl von An­grif­fen zu be­le­gen, er­klärt der Vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft der Po­li­zei in NRW, Ar­nold Pli­ckert. Die Ten­denz zur zu­neh­men­den Be­waff­nung hält er für be­denk­lich: „Das ist der ver­kehr­te Weg“, sagt Pli­ckert. „Mehr Waf­fen be­deu­ten auch ein grö­ße­res Ri­si­ko, dass et­was pas­siert.“Je­der, der ei­nen Waf­fen­schein be­an­tragt, müs­se Zu­ver­läs­sig­keit, Sach­kun­de und Be­darf nach­wei­sen – das wer­de von den Po­li­zei­dienst­stel­len auch streng kon­trol­liert.

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