Das Ru­del folgt der Che­fin

An­ge­la Mer­kel trifft mit ih­rer Re­de die See­le des CDU-Par­tei­tags. Das Re­sul­tat ist ein spek­ta­ku­lä­rer Stim­mungs­wan­del: Die De­le­gier­ten un­ter­stüt­zen ih­ren Kurs fast ein­stim­mig. Es ist auch ein Ge­gen­mo­dell zur Kanz­ler­ver­hin­de­rungs­par­tei SPD.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON GREGOR MAYNTZ

KARLS­RU­HE Es ist et­was pas­siert zwi­schen der CDU und An­ge­la Mer­kel in Karls­ru­he. Ir­gend­wann zwi­schen ih­rem ers­ten Auf­tritt am Mor­gen und dem Par­tei­tags­be­schluss am Nach­mit­tag, ih­re Flücht­lings­po­li­tik zu un­ter­stüt­zen – mit nur zwei Ge­gen­stim­men un­ter knapp 1000 De­le­gier­ten. Die Mo­ti­va­ti­on hat sich im Lau­fe die­ser St­un­den ge­wan­delt wie bei kei­nem Par­tei­tag zu­vor. Nie zu­vor hat Mer­kel der­art un­ter Be­schuss ge­stan­den, nie zu­vor kam es so sehr dar­auf an, die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den, um mehr zu er­rei­chen als ei­nen Kom­pro­miss auf den kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner.

Am An­fang ist es noch die Kanz­le­rin, die al­lein durch ihr Er­schei­nen die De­le­gier­ten auf­sprin­gen und ap­plau­die­ren lässt. Das ist das de­mons­tra­ti­ve Ge­gen­pro­gramm der Kanz­ler­par­tei CDU zur Kanz­ler­ver­hin­de­rungs­par­tei SPD. Mö­gen die Ge­nos­sen die Er­folgs­aus­sich­ten ih­res Chefs Sig­mar Ga­b­ri­el mit mie­sem Wie­der­wahl­er­geb­nis meu­cheln – die Christ­de­mo­kra­ten wis­sen, wen sie stär­ken müs­sen, wenn sie Num­mer eins sein wol­len.

So ist es seit 2005. Die Par­tei­ta­ge ju­beln der Vor­sit­zen­den zu und fol­gen äu­ßer­lich ent­spannt de­ren Mo­der­ni­sie­rungs­vor­ga­ben. Aber im tie­fen In­nern blie­ben stets Rest­zwei­fel. Schließ­lich hat sich Mer­kel nicht in der CDU so­zia­li­siert, sie hat sie von au­ßen über­nom­men. Die Zwei­fel sind mit der Flücht­lings­kri­se ge­wach­sen und be­ka­men mit den Re­fle­xen von CSU-Chef Horst See­ho­fer Ori­en­tie­rung und Nah­rung. So be­weg­ten sich zwei Strö­mun­gen auf die­sen Par­tei­tag zu: an der Ober­flä­che die Zu­stim­mung zum Macht­fak­tor Mer­kel, dar­un­ter aber ei­ne brei­te Ge­gen­strö­mung des Zwei­fels, ob das, was Mer­kel macht, noch zur Volks­par­tei CDU passt.

Doch dann be­ginnt Mer­kel und nimmt so­fort Kurs auf die See­le der Par­tei. Zwei­feln am „Wir schaf­fen das“stellt sie die „Iden­ti­tät un­se­res Lan­des“ent­ge­gen, „Gro­ßes zu leis­ten“, aus Trüm­mern her­aus. Ja, es ma­che „uns Christ­de­mo­kra­ten im Kern aus, zu zei­gen, was in uns steckt“, sag­te sie. Sie zieht ei­nen ge­wal­ti­gen Bo­gen von Ade­nau­er, der sich nicht für et­was Frei­heit, son­dern für die Frei­heit ent­schie­den ha­be, über Lud­wig Er­hard, der nicht Wohl­stand für vie­le, son­dern für al­le ge­wollt ha­be, bis hin zu Hel­mut Kohl, der „blü­hen­de Land­schaf­ten“nicht für ei­ni­ge Re­gio­nen, son­dern für al­le neu­en Bun­des­län­der ge­wollt ha­be. Sie be­schwört die „von Gott ge­ge­be­ne Wür­de je­des Ein­zel­nen“als Selbst­ver­ständ­nis der Par­tei. Es ist der größt­mög­li­che Ab­stand zur For­de­rung nach Ober­gren­zen, die in­ne­re Be­grün­dung für Mer­kels Ent­schei­dung, Sy­rer von der un­ga­ri­schen Au­to­bahn in Deutsch­land auf­zu­neh­men: Das sei „nicht mehr und nicht we­ni­ger als ein hu­ma­ni­tä­rer Im­pe­ra­tiv“ge­we­sen.

Sol­che Pas­sa­gen sind er­kenn­bar nicht ans Volk ge­rich­tet; sie zie­len aufs Selbst­ver­ständ­nis der Par­tei. So wie Mer­kel ih­re Kanz­ler­schaft dem Ge­lin­gen der Flücht­lings­po­li­tik aus­lie­fert, baut sie die­se ins Fun­da­ment der Par­tei ein. Sie legt sich fest, die Be­we­gung zu ord­nen, zu steu­ern, zu re­du­zie­ren. Und sie mar­kiert Ab­gren­zun­gen zu rot-grü­nen Län­dern, die nur auf den Flücht­lings­amts­chef ein­prü­gel­ten, um da­von ab­zu­len­ken, dass sie bei der kon­se­quen­ten Ab­schie­bung ih­re Haus­auf­ga­ben nicht ge­macht hät­ten.

Neun Mi­nu­ten dau­ert der Ap­plaus, von Mer­kel selbst be­en­det, weil es nun „an die Ar­beit“ge­hen müs­se. Vier St­un­den dau­ert die: Dut­zen­de mel­den sich. Die meis­ten fei­ern die „Groß­re­de“, aber 30 Mit­glie­der las­sen nicht lo­cker und sam­meln sich um In­nen­ex­per­te Wolf­gang Bos­bach. Ar­min Schuster, der frü­he­re Bun­des­po­li­zist, sagt, wenn Eu­ro­pa nicht funk­tio­nie­re, müs­se man den Po­li­zis­ten die Mög­lich­keit ge­ben, die „gel­ten­de Rechts­la­ge an­zu­wen­den“und Flücht­lin­ge aus si­che­ren Län­dern ab­zu­wei­sen. „Vier bis fünf Mo­na­te sta­tio­nä­re Grenz­kon­trol­le“wür­den rei­chen, um da­nach die Frei­heit des Schen­gen­Raums wie­der­be­le­ben zu kön­nen.

In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re wi­der­spricht: Vor­rang sol­le die Ab­si­che­rung der EU-Au­ßen­gren­zen ha­ben, nicht die deut­sche Be­dro­hung der Frei­zü­gig­keit. Bei der fol­gen­den Ab­stim­mung fol­gen we­ni­ge Dut­zend Schuster, vie­le Hun­dert Mer­kel. Es folgt die Schluss­ab­stim­mung, fast ein­stim­mig. Der An­trag lässt Mer­kel viel Luft, auch ganz an­de­re Sai­ten auf­zu­zie­hen. Und auch da­für, viel­leicht ge­ra­de da­für, hat sie nun das Ver­trau­en ih­rer Par­tei.

FOTO: AP

Der ist be­stimmt kein Wa­den­bei­ßer: An­ge­la Mer­kel beim Par­tei­tag mit ei­nem Plü­sch­wolf, ei­nem Ge­schenk des CDU-Spit­zen­kan­di­da­ten für die ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Land­tags­wahl im März. Der heißt Gui­do Wolf.

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