Kla­ge­wel­le ge­gen Bau­spar-Kün­di­gun­gen

Die An­bie­ter füh­len sich im Recht, Ge­rich­te ent­schei­den oft zu ih­ren Guns­ten. Aber Ver­brau­cher­schüt­zer ge­ben nicht auf.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT -

DÜSSELDORF (dpa) Hoch ver­zins­te Alt­ver­trä­ge stel­len Bau­spar­kas­sen in Zei­ten nied­ri­ger Zin­sen vor Pro­ble­me – auch weil man­cher Kun­de of­fen­sicht­lich gar nicht mehr auf ein Ei­gen­heim spart. Die In­sti­tu­te kün­dig­ten Tau­sen­de Ver­trä­ge. Die Fol­ge: ei­ne Kla­ge­wel­le von Bau­spa­rern. Was ist das Pro­blem? In den 90er Jah­ren boom­te das Ge­schäft. Die In­sti­tu­te lock­ten Bau­spa­rer mit Zin­sen von teil­wei­se mehr als vier Pro­zent. Da­von kann man heu­te nur träu­men. Die Zin­sen lie­gen bei et­wa 0,25 Pro­zent. Es geht vor al­lem um Kun­den mit Alt­ver­trä­gen, die das vor­ge­se­he­ne Dar­le­hen nicht nut­zen oder die ver­ein­bar­te Spar­sum­me über­schrit­ten ha­ben und vor al­lem von den einst zu­ge­si­cher­ten Zins­kon­di­tio­nen pro­fi­tie­ren. Die Alt­ver­trä­ge sind we­gen der Nied­rig­zin­sen ein schlech­tes Ge­schäft für Bau­spar­kas­sen. Denn sie be­kom­men selbst nur sehr nied­ri­ge Zin­sen für das Ka­pi­tal ih­rer Spa­rer. Wie be­grün­den die Bau­spar­kas­sen ih­re Kün­di­gun­gen?

Die Fi­nanz­in­sti­tu­te ha­ben ins­ge­samt et­wa 200.000 Alt­ver­trä­ge ge­kün­digt. Es ge­he um Pa­pie­re, die schon seit mehr als zehn Jah­ren zu­tei­lungs­reif sei­en und „de­ren Nut­zung dem ur­sprüng­li­chen Ver­trags­zweck des Bau­spa­rens – der Er­lan­gung ei­nes zins­güns­ti­gen Bau­spar­dar­le­hens – wi­der­spricht“, sagt ein Wüs­ten­rot-Spre­cher. Im Schnitt sei­en die strit­ti­gen Ver­trä­ge 22 Jah­re alt, heißt es beim Ver­band der Pri­va­ten Bau­spar­kas­sen. Gibt es be­reits Ur­tei­le? Nach An­ga­ben des Ver­bands der pri­va­ten Bau­spar­kas­sen gibt es bis­her 970 Kla­gen ge­gen die Kün­di­gun­gen. 89 Mal ha­ben Amts- oder Land­ge­rich­te zu Alt­ver­trä­gen in Deutsch­land ent­schie­den. In 79 Fäl­len hät­ten die Bau­spar­kas­sen recht be­kom­men, in zehn Fäl­len die Klä­ger. Doch die Ur­tei­le sind be­grenzt aus­sa­ge­kräf­tig, da es noch kei­ne hö­her­instanz­li­chen Rich­ter­sprü­che gibt. An­fang des kom­men­den Jah­res dürf­te es die ers­ten Ent­schei­dun­gen an Ober­lan­des­ge­rich­ten ge­ben, im dar­auf­fol­gen­den Jahr könn­te der Bun­des­ge­richts­hof ein Macht­wort spre­chen. Was sa­gen Ver­brau­cher­schüt­zer? Die Ur­teils­zah­len sag­ten we­nig aus, weil vie­le Ent­schei­dun­gen von den­sel­ben Kam­mern stamm­ten und zahl­rei­che Ver­glei­che im Sin­ne der Klä­ger in den Zah­len nicht ent­hal­ten sei­en, sagt Niels Nau­hau­ser von der Ver­brau­cher­zen­tra­le Ba­denWürt­tem­berg. „Wenn die Bau­spar­kas­sen se­hen, da kommt wohl ein ne­ga­ti­ves Ur­teil, dann len­ken sie in Ver­glei­chen ein und ver­län­gern die Ver­trags­lauf­zeit.“Dies sei für die öf­fent­li­che De­bat­te in­so­fern schlecht, als Still­schwei­gen ver­ein­bart wer­de und da­durch die­se Zah­len nicht be­kannt wür­den. Was ist der ju­ris­ti­sche Knack­punkt? Die Bau­spar­kas­sen be­zie­hen sich auf ei­nen Pa­ra­gra­fen im Bür­ger­li­chen Ge­setz­buch (§ 489 Ab­satz 1 Nr. 2), der dem Dar­le­hens­neh­mer ein Kün­di­gungs­recht ein­räumt. Knack­punkt ist die Fra­ge, ob die Bau­spar­kas­se über­haupt als Dar­le­hens­neh­mer gel­ten kann. Das er­scheint in- so­fern na­he­lie­gend, weil der Bau­spa­rer dem In­sti­tut ja Geld gibt – die­ses Geld gel­te in die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on ge­wis­ser­ma­ßen als Dar­le­hen. Ver­brau­cher­schüt­zer sind an­de­rer Auf­fas­sung – aus ih­rer Sicht gilt die­ser Pa­ra­graf nur zum Schutz von Ver­brau­chern und nicht von Ban­ken. Was sa­gen Wis­sen­schaft­ler? Die Ju­ra­pro­fes­so­rin Chris­ti­na Escher-Wein­gart von der Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim weist dar­auf hin, dass Bau­spa­ren auf dem Kol­lek­tiv­ge­dan­ken und der Ge­nos­sen­schafts­idee ba­sie­re: „Der ei­ne Ge­nos­se gibt Spar­ein­la­gen, da­mit der an­de­re Ge­nos­se ei­nen Kre­dit be­kom­men kann.“Die­ser Kreis­lauf mit ge­gen­sei­ti­gem Nut­zen sei un­ter­bro­chen, wenn es nur noch Spa­rer ge­be und kei­ne Kre­dit­neh­mer. Wenn die In­sti­tu­te ho­he Zin­sen zahl­ten, dann müss­ten sie ir­gend­wo­her auch ho­he Zins­ein­nah­men ha­ben. Dar­an man­ge­le es aber. Auf die Fra­ge, wer im Recht ist, hält sich Escher-Wein­gart be­deckt: „Die Rechts­la­ge ist nicht ein­deu­tig.“

FOTO: DPA

Bau­spar­kas­sen-Wer­bung.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.