Köl­ner Schau­spiel ver­murkst Sing­spiel

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON MAX FLO­RI­AN KÜH­LEM

KÖLN Dass sich die Stadt­thea­ter längst nicht mehr da­mit be­gnü­gen, das klas­si­sche Büh­nen-Re­per­toire zu be­die­nen und sich stets um kritische Ge­gen­warts-Re­fle­xi­on be­mü­hen, ist ei­ne gu­te und sinn­vol­le Ent­wick­lung. Die Gier nach neu­en Stof­fen führte in den ver­gan­ge­nen Jah­ren al­ler­dings zu ei­ner Rei­he mit­tel­mä­ßi­ger Urauf­füh­run­gen. Ei­ne be­son­ders selt­sa­me Blü­te hat sie jetzt am Schau­spiel Köln ge­trie­ben: „Kim­ber­ly“– ein Abend, vor dem ge­warnt wer­den muss.

„Kim­ber­ly“ist ein Sing­spiel – und das Er­geb­nis ei­nes Stück­auf­trags an den Ös­ter­rei­cher Da­vid Schal­ko, der auch gleich selbst in­sze­nie­ren durf­te. Im Pro­gramm­heft steht der wun­der­ba­re Satz: „Da­vid Schal­ko ist in Ös­ter­reich welt­be­rühmt.“Will hei­ßen: In sei­ner al­pen­län­di­schen Hei­mat hat er mit schrä­gen Talk­for­ma­ten und gro­tes­ken Se­ri­en wie „Braun­schlag“das Fern­se­hen re­vo­lu­tio­niert, Ro­ma­ne und Kurz­ge­schich­ten ver­öf­fent­licht – jen­seits der Gren­zen fin­den sei­ne For­ma­te al­ler­dings kaum Ab­neh­mer.

Für das Schau­spiel Köln hat sich Schal­ko nun mit ei­nem rea­len Mord­fall be­schäf­tigt: ei­ner jun­gen Frau, die 2012 zu le­bens­lan­ger Haft ver­ur­teilt wur­de, weil sie zwei ih­rer Part­ner ge­tö­tet, zer­hackt und in ih­rem Eis­sa­lon ein­ge­mau­ert hat. Die ös­ter­rei­chi­sche Pres­se nann­te sie fas­zi­niert die „Eis­la­dy“. Zum „Sing­spiel“wird der Abend, weil Schal­ko den jun­gen, zum Wahl-Wie­ner ge­wor­de­nen nor­we­gi­schen Mu­si­ker Kyr­re Kvam ins Boot hol­te.

So welt­hal­tig und cool klin­gen die Vor­aus­set­zun­gen. Doch Schal­ko hat für die selt­sa­me Mix­tur sei­ner ers­ten Thea­ter­ar­beit mit Zu­ta­ten ge­ar­bei- tet, die er nicht im Griff hat. Als Au­tor will er El­frie­de Je­linek und Tho­mas Bern­hard zu­gleich sein und über das kon­kre­te Mo­tiv der mör­de­ri­schen Ge­lieb­ten hin­aus auch noch vom Mensch­lich-All­zu­mensch­li­chen an sich er­zäh­len und die Pro­vinz­pos­se ei­nes über­am­bi­tio­nier­ten Au­tors aus klein­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen mit­lie­fern. Er bür­det sei­nen Schau­spie­lern ei­ne Kunst­Spra­che auf, die wohl apho­ris­tisch sein will, aber nur be­deu­tungs­schwan­ger da­her­kommt. Un­ter ih­rer Last müs­sen sie zer­bre­chen und ver­fal­len in ei­nen schick­sals­er­ge­be­nen Jetzt-ist’s-ja-eh-egal-Ton.

Der aus der Zeit ge­fal­le­ne Be­griff „Sing­spiel“führt in­so­fern in die Ir­re, als dass die Ins­ze­nie­rung mit mo­no­lo­gi­schen, ver­renk­ten und ger­ne an un­er­war­te­ten Or­ten statt­fin­den­den Auf­trit­ten eher in Rich­tung mo­der­ner Per­for­mance ten­diert. Über al­lem thront Mu­si­ker Kyr­re Kvam am Kla­vier nebst ei­ner Gi­tar­ris­tin und ei­ner Cel­lis­tin, spielt mü­den Düs­terIn­die­pop oder un­ter­malt un­frei­wil­lig ko­mi­sche Musical-Num­mern. Un­mög­lich, sich das län­ger als bis zur Pau­se an­zu­tun.

FOTO: BALT­ZER

Yu­ri Eng­lert und Yvon Jansen in „Kim­ber­ley“.

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