Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Wir woll­ten ihn so. Gran­ny hat­te ihn uns ge­schenkt, als wir in der Schwimm-Mann­schaft der Put­na­mer High­school wa­ren. Sie hält nicht son­der­lich viel von öf­fent­li­chen Schwimm­bä­dern und dach­te sich da­mals, wenn wir ei­nen ei­ge­nen Pool hät­ten, könn­ten wir zu Hau­se trai­nie­ren. Und es hat sich wohl aus­ge­zahlt. Ju­dith je­den­falls hat in­fol­ge ih­res Heim­trai­nings ei­nen Hut voll Me­dail­len, zwei Po­ka­le und ei­ne Sta­tu­et­te vor­zu­wei­sen. Und ich im­mer­hin et­wa ei­ne Kap­pe voll, auch wenn ich nie groß fürs Trai­nie­ren zu ha­ben war, we­der zu Hau­se noch sonst­wo.

Ich spür­te, wie sich mei­ne Fuß­soh­len ge­gen die Be­cken­ein­fas­sung drück­ten, dann das schnel­le Luft­ho­len, Sich-Ab­sto­ßen, Vor­wärts­schnel­len, tie­fe Ein­tau­chen, und dann kei­ne Ge­dan­ken mehr, nur noch Was­ser – mein Ele­ment. Was­ser ver­än­dert sich nicht. Es bleibt mein Ele­ment. Ich spür­te, wie mei­ne Haa­re sich hin­ter mir aus­brei­te­ten, ei­ner schlaf­fen Flos­se gleich, je­des Haar ein­zeln, und wie das Was­ser kühl auf Kopf­haut, Trom­mel­fell und Au­gen drück­te. Ich blieb ganz un­ten, fuhr mit den Hän­den über das Sieb des Ab­flus­ses, dann mach­te ich kehrt und glitt auf das Licht zu, den klei­nen Un­ter­was­ser­mond, so glatt, so hell, so an­zie­hend für Mot­ten. Und für mich. Als ich es er­reicht hat­te, be­rühr­te ich es mit bei­den Hän­den, nahm es für Olym­pus (mein Land) in Be­sitz, und dann tauch­te ich hoch, kam an die Ober­flä­che, hing am Be­cken­rand und schnapp­te nach Luft, wie wir es frü­her nach un­se­ren Wett­kämp­fen ge­tan hat­ten, wenn wir mit bers­ten­der Lun­ge und klop­fen­dem Her­zen ei­nen Au­gen­blick war­ten muss­ten, ehe wir auf­bli­cken konn­ten, um zu schau­en, wer ge­won­nen hat­te. Als ich jetzt auf­blick­te, sah ich Ju­dith am Rand ste­hen und zu mir her­un­ter­schau­en. Sie hielt ein Glas in der Hand. „Ich dach­te schon, du kommst gar nicht mehr hoch“, sag­te sie, und ich ant­wor­te­te, das sei auch ein eher kurz­fris­ti­ger Ent­schluss ge­we­sen, was sie we­gen mei­nes Jap­sens al­ler­dings nicht ver­stand. Ich leg­te den Kopf wie­der zwi­schen mei­ne Ar­me. Ich woll­te jetzt raus, aber ich konn­te mir nicht vor­stel­len, mich auf den Be­cken­rand hoch­zu­stem­men, oh­ne Ju­dith um Hil­fe zu bit­ten, al­so stieß ich mich ab, glitt bäuch­lings zur Lei­ter und klet­ter­te hin­aus. Ganz lang­sam. Es er­schreck­te mich, wie ka­putt ich war. Frü­her hat­te ich den Pool fünf­mal hin­ter­ein­an­der in vol­ler Län­ge durch­tau­chen kön­nen. „Wie vie­le Bah­nen sind wir frü­her am Stück ge­taucht?“, frag­te ich, und Ju­dith sag­te, vier, und sie kön­ne das im­mer noch. „Willst du es se­hen?“„Nein“, sag­te ich. „Aber dan­ke für das An­ge­bot.“Sie reich­te mir ein Hand­tuch, und als ich mir Ge­sicht und Hän­de ab­ge­trock­net hat­te, hielt sie mir ei­nen Kamm hin. „Wenn es nass ist, geht’s leich­ter“, sag­te sie, und ich ant­wor­te­te, ich kön­ne nichts für den Zu­stand mei­ner Haa­re, ich hät­te kei­ne Ba­de­kap­pe ge­fun­den, gar nichts hät­te ich ge­fun­den. Da kommt man nach Hau­se, wo man sein gan­zes Le­ben ver­bracht hat, und al­les ist an­ders, man fin­det nir­gends ei­ne Ba­de­kap­pe, je­mand klaut ei­nem den Drink, Fle­der­mäu­se ver­fan­gen sich im Haar, Cha­os, ein ein­zi­ges gro­ßes Cha­os. Sie wand­te sich ab und ließ mich mit dem Kamm ste­hen, und ich fuhr mir ein paar­mal da­mit durchs Haar, dann warf ich ihn auf die Ter­ras­sen­bö­schung und leg­te mir das Hand­tuch über den Kopf. Als sie wie­der­kam, hat­te sie zwei Glä­ser da­bei, von de­nen sie mir eins reich­te. „Was ist denn das?“„Dein Glas.“„Wo hast du das her?“„Es stand auf dem Tisch.“„Na, dann gib es mir. Es ist ei­ne sehr schlech­te An­ge­wohn­heit, sich an­de­rer Leu­te Drinks un­ter den Na­gel zu rei­ßen.“Ich er­war­te­te ei­ne Ant­wort im glei­chen Stil. Sie ist sehr gut dar­in, im glei­chen Stil zu ant­wor­ten, je­den­falls war sie es frü­her, aber jetzt reich­te sie mir nur mein Glas und hob den Kamm auf. „Soll ich ver­su­chen, dei­ne Haa­re zu ent­z­ot­teln?“, frag­te sie, und das woll­te ich wohl, sehr so­gar, aber ich konn­te es nicht sa­gen. „Mit ei­ner Bürs­te wä­re es viel ein­fa­cher“, sag­te ich, wor­auf Ju­dith ihr Glas auf den Tisch stell­te, sag­te, sie sei gleich wie­der da, und zum Haus zu­rück­ging. Bis auf ei­ne kur­ze re­bel­li­sche Pha­se, als wir zwölf wa­ren, ist sie im­mer so ge­we­sen – der ge­bo­re­ne Lauf­bur­sche. Ich muss nur ir­gend­et­was er­wäh­nen, was ich brau­che, und schon ist sie auf hal­bem Weg dort­hin, wie ein Hund, der die Abendzeitung holt. Ich ging zum Tisch, stell­te mein Glas ab, nahm das von Ju­dith und kos­te­te. Ziem­lich stark, ein ganz schön stei­fer Drink für ih­re Ver­hält­nis­se, wenn auch mit mei­nem nicht zu ver­glei­chen. Ich stell­te ihr Glas wie­der ab und goss ein biss­chen was aus mei­nem hin­ein, aus Ge­rech­tig­keits­grün­den, aber auch, weil ich das Ge­fühl hat­te, es könn­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on er­leich­tern, wenn es uns ge­län­ge, un­ge­fähr den glei­chen Blut­al­ko­hol­spie­gel zu er­rei­chen, wie es so schön heißt, oder viel­mehr ihn her­bei­zu­füh­ren. Ich wür­de mit ihr re­den müs­sen, und sie mit mir, und die Sa­che mit dem Hoch­zeits­kleid wür­de in der The­men­hier­ar­chie, um es mal so zu sa­gen, ei­nen ho­hen Rang in­ne­ha­ben. Ich ver­such­te, nicht dar­über nach­zu­den­ken, aber ich konn­te an nichts an­de­res den­ken. Es war ei­ne Tat­sa­che. Es war ge­sche­hen. Wir hat­ten das glei­che Kleid aus­ge­sucht, da war nichts zu ma­chen, und mir blieb nur, mich ei­ner Be­schä­mung der bit­ters­ten Art zu über­las­sen – ei­ner bren­nen­den, schwä­ren­den Scham zwei­ten Gra­des, die mich ganz aus­füll­te, nicht nach­ließ, nicht ver­ges­sen wer­den konn­te. Wie hat­te ich mich über­haupt auf die­sen Un­sinn ein­las­sen kön­nen, mir ein Kleid zu be­sor­gen? Und dann auch noch das glei­che zu wäh­len wie die ge­blen­de­te, dü­pier­te, hei­rats­ge­fähr­de­te Braut. Künf­ti­ge Braut. Ich gab noch ei­nen Schuss von mei­nem Drink ins Glas der künf­ti­gen Braut – si­cher ist si­cher –, dann setz­te ich mich auf den Tisch, die Fü­ße auf der Bank, und war­te­te. Es war weit und breit kein Mond zu se­hen, aber der Him­mel war von Ster­nen über­sät, hell und nah, ern­ter­eif. Frü­her hat­ten wir sie beim Na­men ge­kannt – Kas­sio­peia, Ark­tur, Ve­nus . . . Wir konn­ten das Kreuz des Nor­dens fin­den und die sta­tio­nä­ren Punk­te be­nen­nen. Wir kann­ten uns aus mit den Ster­nen, Pa­pa hat­te uns mit­hil­fe ei­ner Him­mels­kar­te ein­ge­wie­sen. Un­se­re ei­ge­nen zum Bei­spiel stan­den nah am Bo­den, mein­te ich mich zu er­in­nern, ir­gend­wo da drü­ben jen­seits des Fluss­betts, wahr­schein­lich ver­sperr­te ein Baum die Sicht.

(Fort­set­zung folgt)

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