Of­f­line an Weih­nach­ten

Ei­gent­lich sind die Ta­ge vor dem Fest zur Be­sin­nung ge­dacht. Das Ge­gen­teil ist der Fall. Im Zeit­al­ter von Smart­pho­nes und per­ma­nen­ter Er­reich­bar­keit ist die Be­las­tung an Weih­nach­ten noch hö­her. Dis­zi­plin kann Ab­hil­fe schaf­fen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON CA­RO­LIN SKIBA

DÜSSELDORF Der bri­ti­sche Sän­ger Ed Shee­ran macht Schluss mit sei­nem Smart­pho­ne, den E-Mails und sämt­li­chen Ka­nä­len in so­zia­len Netz­wer­ken. Das teil­te der 24-Jäh­ri­ge in ei­ner letz­ten Bot­schaft un­ter an­de­rem auf Ins­ta­gram mit. Ihm sei auf­ge­fal­len, dass er die Welt ver­mehrt durch den Bild­schirm sei­nes Smart­pho­nes se­he.

Ein Schock für sei­ne Fans, ein Be­frei­ungs­schlag für Ed Shee­ran, fin­det die Neus­ser Psy­cho­lo­gin Su­san­ne Alt­we­ger. „Ich se­he das als Psy­cho­lo­gin schon lan­ge so, dass wir in ei­ne heil­lo­se De­kon­zen­tra­ti­on und Ver­zet­te­lung schlit­tern, die uns die Krea­ti­vi­tät raubt“, sagt sie. Der Blick aufs Smart­pho­ne sei zwar ei­ne nor­ma­le Re­ak­ti­on, schließ­lich sei der Mensch neu­gie­rig und möch­te wis­sen, wer ihn da ge­ra­de kon­tak­tiert hat. „In vie­len Fäl­len sind es aber Din­ge, die auch war­ten kön­nen“, sagt Alt­we­ger. Man kön­ne be­ob­ach­ten, dass sich vie­le Künst­ler und Krea­ti­ve wie­der aus­zu­klin­ken. „Zeit­wohl­stand“sei der neue Lu­xus. Auch Best­sel­ler-Au­to­rin Char­lot­te Ro­che ver­riet im Interview mit der „Os­na­brü­cker Zei­tung“, dass sie vor dem Schrei­ben nie­mals ihr Han­dy oder ih­re E-Mails checkt, weil sie das so aus der Bahn wer­fe, dass sie dann nicht mehr schrei­ben kön­ne. „Al­so schrei­be ich erst und küm­me-

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NEIN re mich spä­ter am Tag um die Um­welt“, sag­te die 37-Jäh­ri­ge. Alt­we­ger fin­det das ge­nau rich­tig. Sie rät da­zu, Pri­va­tes und Be­ruf­li­ches strikt von­ein­an­der zu tren­nen und sich ganz be­wusst Frei­räu­me der Mu­ße zu schaf­fen, in de­nen Mo­bil­te­le­fo­ne und Co. kei­ne Be­ach­tung fin­den.

So­gar der Mo­bil­funk­an­bie­ter Te­le­kom plä­diert in ei­nem Wer­be­spot für ei­ne Smart­pho­ne-Pau­se zur Weih­nachts­zeit. Durch das „Smart­pho­ne-Fas­ten“soll der Nut­zer Stress re­du­zie­ren und sich vor al­lem be­wusst sei­nen Mit­men­schen zu­wen­den, heißt es in ei­nem State­ment der Te­le­kom. Ge­ra­de in der Weih­nachts­zeit nei­gen die Men­schen da­zu, sich noch mehr Stress auf­zu­las­ten. Das kom­me durch den schein­bar ver­kürz­ten Mo­nat, in dem vor den Fei­er­ta­gen viel er­le­digt wer­den müs­se, wie Weih­nachts­ein­käu­fe oder Jah­res­ab­schlüs­se. Da­bei sei die­se Zeit ei­gent­lich die Zeit der Be­sin­nung und des Rück­zugs. „Es ist ei­ne Zeit, in der man Bi­lanz zie­hen und zur Ru­he kom­men soll­te. Doch an­statt sich zu ent­schleu­ni­gen, tritt das Ge­gen­teil ein“, weiß die Psy­cho­lo­gin. Sie rät zu Klas­si­kern der Ent­span­nung wie bei­spiels­wei­se ein spru­deln­des, duf­ten­des Bad und ein gu­tes Buch.

Ge­nau das hat wohl auch Ed Shee­ran vor. Er wen­det sich in sei­ner Nach­richt an sei­ne Freun­de und Fa­mi­lie, die, wenn sie ihn lie­ben, auch ver­ste­hen wür­den, dass er ei­ne Wei­le ver­schwin­de. Sei­ne Mil­lio­nen Fans trös­tet er mit sei­nem drit­ten Al­bum, das dem­nächst er­schei­nen wird. Mit den Wor­ten „Wir se­hen uns im nächs­ten Herbst“ver­schwin­det der Künst­ler von der Bild­flä­che.

So ein­fach ist das. Oder eben auch nicht. Bei vie­len Men­schen ist der Blick aufs Smart­pho­ne be­reits zur Sucht ge­wor­den, die Angst, et­was zu ver­pas­sen, ist groß. Alt­we­ger sieht in der stän­di­gen Ver­füg­bar­keit ei­ne Ge­fahr, weil man nicht mehr zwi­schen Qua­li­täts- und Ar­beits­zeit un­ter­schei­den kön­ne. Ei­ne völ­li­ge Aus­ge­brannt­heit und ein Ge­fühl der Aus­weg­lo­sig­keit könn­ten sich ein­stel­len.

Vor al­lem Weih­nach­ten, wenn man mit Freun­den und Ver­wand­ten zu­sam­men­sitzt, sei es ein­fach not­wen­dig, sich ak­tiv Pau­sen von In­ter­net und Smart­pho­ne zu gön­nen. Das wie­der­um ge­lin­ge schlicht durch Dis­zi­plin. „Das ist ei­ne viel zu we­nig ge­schätz­te Tu­gend, die wir im di­gi­ta­len Zeit­al­ter mehr denn je brau­chen“, sagt Alt­we­ger und fügt hin­zu: „Ich bin kei­nes­falls da­für, die Zeit zu­rück­zu­spu­len. Wir al­le le­ben mit dem In­ter­net und pro­fi­tie­ren da­von, aber ein ver­nünf­ti­ger Um­gang ist wich­tig. Wir ha­ben die Frei­heit, als mün­di­ger Mensch zu ent­schei­den, wie viel Raum wir der di­gi­ta­len Welt ge­ben.“

TEX­TE: SKIBA | GRAFIK: RADOWSKI

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