Die spä­te Reue ei­nes Staats­an­walts

Mar­ty Stroud hat einst be­an­tragt, ei­nen Afro­ame­ri­ka­ner zum To­de zu ver­ur­tei­len – für ei­nen Mord, den der Mann nicht be­gan­gen hat­te.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WEITSICHT - VON FRANK HERR­MANN

SH­RE­VEPORT Mar­ty Stroud mag his­to­ri­sche Fil­me, er mag al­te Bü­cher, er blät­tert gern in ver­gilb­ten Zeit­schrif­ten und hät­te wohl Ge­schich­te stu­diert, wä­re sein Va­ter nicht strikt da­ge­gen ge­we­sen. Er ge­be sein Geld doch nicht da­für aus, dass der Jun­ge ein li­be­ra­ler Ge­schichts­pro­fes­sor wer­de, zitiert Stroud den Se­ni­or, ei­nen Ge­ne­ral­ma­jor der Na­tio­nal­gar­de. „Li­be­ral“, er­klärt er, „das klang hier un­ten im Sü­den so, als re­de man von Kom­mu­nis­ten.“Sein In­ter­es­se für Ge­schich­te je­den­falls hat nie nach­ge­las­sen – man merkt es schon an den Ver­glei­chen, die er an­stellt. Der Pro­zess ge­gen Glenn Ford, sagt Stroud, las­se ihn an den Ti­tel ei­nes Ma­ga­zins den­ken, auf dem zu se­hen war, wie äthio­pi­sche Krie­ger nur mit Spee­ren be­waff­net ver­such­ten, die vor­rü­cken­den Pan­zer des ita­lie­ni­schen Dik­ta­tors Be­ni­to Mus­so­li­ni auf­zu­hal­ten. Ford sei der Mann mit dem Speer ge­we­sen. „Er hat­te nicht die Spur ei­ner Chan­ce. Und ich war noch stolz dar­auf.“

Ford saß fast drei Jahr­zehn­te lang in der „De­ath Row“, dem Ge­fäng­nis­trakt, in dem zum To­de Ver­ur­teil­te auf die Hin­rich­tung war­ten. In ei­ner win­zi­gen Zel­le, an­dert­halb Me­ter breit und zwei Me­ter lang. We­gen ei­nes Mor­des, den er nicht be­gan­gen hat­te. An­go­la, die Haft­an­stalt, in der er ein­ge­sperrt war, hat ei­nen schlech­ten Ruf: In den schwülhei­ßen Som­mern Loui­sia­nas kön­nen die Tem­pe­ra­tu­ren in den Zel­len über 40 Grad Cel­si­us stei­gen. Als Ford im Früh­jahr 2014 frei­ge­las­sen wur­de, weil ei­ner, von dem Stroud nur sa­gen darf, er sei Po­li­zei-In­for­mant, sei­ne Un­schuld nach­wies, hat­te er 29 Jah­re, drei Mo­na­te und fünf Ta­ge hin­ter Git­tern ver­bracht.

Stroud war der Staats­an­walt, der die To­des­stra­fe be­an­trag­te. Er ist der ers­te und bis­her ein­zi­ge, der sich öf­fent­lich für ei­nen Feh­ler ent­schul­digt. Zwar sind seit 1973, seit es ent­spre­chen­de Re­gis­ter gibt, 156 De­ath-Row-In­sas­sen re­ha­bi­li­tiert wor­den, die meis­ten ent­las­tet im Zu­ge nach­träg­li­cher Erb­gut-Ana­ly­sen. Von den Ju­ris­ten, die an den fal­schen Ur­tei­len mit­wirk­ten, lässt in­des nur ei­ner sicht­bar Reue er­ken­nen: An­sel Mar­tin Stroud III, ge­nannt Mar­ty. Ge­he et­was schief, sagt er, hal­te die Bü­ro­kra­tie­ma­schi­ne in rou­ti­nier­ter Ent­rüs­tung da­ge­gen, dass man doch nur ei­nen Job ge­macht ha­be: „Kei­ner über­nimmt Ver­ant­wor­tung. Ver­dammt noch mal, ich war da­mals der Chef­klä­ger. Wenn ihr bei je­man­dem Schuld sucht, dann sucht sie bei mir.“

Der Weg zu dem 64-Jäh­ri­gen führt in ein ge­sichts­lo­ses Al­ler­welts­vier­tel der Stadt Sh­re­veport, zu ei­nem Be­ton­klotz, der den sprö­den Charme der 70er Jah­re ver­strömt. Sh­re­veport liegt im Nord­wes­ten Loui­sia­nas; am En­de des Bür­ger­kriegs war es die letz­te Haupt­stadt der Süd­staa­ten-Kon­fö­de­rier­ten, als de­ren Nie­der­la­ge be­reits be­sie­gelt war.

Stroud emp­fängt im Kunst­blu­men­am­bi­en­te sei­ner pri­va­ten An­walts­kanz­lei. An der Wand, in Öl ge­malt, ein Pe­li­kan. 1989 hat Stroud die Sei­ten ge­wech­selt, seit­dem ist er Ver­tei­di­ger in Straf­pro­zes­sen, kein An­klä­ger mehr. Er spricht schlep­pend, sucht lan­ge nach Wor­ten, ein Me­lan- Mar­ty Stroud Ex-Staats­an­walt cho­li­ker, der bis­wei­len wirkt wie ein ge­bro­che­ner Mann. „Ich war zu jung für den Fall“, räumt er schnör­kel­los ein. „Mit 34 fehlt dir ein­fach die Le­bens­er­fah­rung. Ich woll­te Er­fol­ge. Ich woll­te, dass es schnell geht.“Ein Zeu­ge ha­be ihn hin­ter­her, es war als Glück­wunsch ge­dacht, ge­fragt: „Na, wie fühlt es sich an, den schwar­zen Hand­schuh zu tra­gen?“Den Hand­schuh der Macht, den Le­der­hand­schuh des Po­li­zis­ten.

„Da­mals war ich stolz. Heu­te könn­te ich mich über­ge­ben.“Wer Fäl­le ver­hand­le, die da­mit en­den kön­nen, dass ei­ner in der To­des­zel­le en­de, sol­le sich zur Pro­be sel­ber dort ein­sper­ren las­sen, emp­fiehlt Stroud sei­nen Kol­le­gen: „Ver­bringt ei­nen Mo­nat in so ei­ner Zel­le! Dann be­ginnt ihr viel­leicht zu erah­nen, wor­über ihr ent­schei­det.“

Rückblende. 5. No­vem­ber 1983. In Sh­re­veport wird Isa­do­re Ro­ze­man, ein al­ter Mann, der Uh­ren re­pa­riert und Schmuck ver­kauft, in sei­nem La­den im Par­terre sei­nes Hau­ses er­mor­det. Ford, der bei Ro­ze­man den Ra­sen mäh­te, ge­rät ins Vi­sier der Er­mitt­ler. Als der Afro­ame­ri­ka­ner er­fährt, dass die Po­li­zei ihn sucht, geht er frei­wil­lig zur Wa­che. Är­ger kann er nicht ge­brau­chen, er ist ak­ten­kun­dig.

Den Be­am­ten er­zählt er, dass ihm ein Be­kann­ter, den er nur O.B. nennt, Schmuck aus Ro­zem­ans Be­sitz gab und er bei ei­nem Pfand­lei­her ein paar Dol­lar da­für kas­sier­te. Hin­ter O.B. ver­birgt sich ein ge­wis­ser Hen­ry Ro­bin­son, In­di­zi­en las­sen ver­mu­ten, dass er und sein Bru­der Ja­ke den Ju­we­lier auf dem Ge­wis­sen ha­ben. Als drei Mo­na­te spä­ter An­kla­ge ge­gen Ford und die Ro­bin­sons er­ho­ben wird, lenkt Ja­ke Ro­bin­sons Freun­din Mar­vel­la Brown den Ver­dacht auf Ford: Sie ha­be ihn am Tag des Mor­des mit ei­ner Schuss­waf­fe in der Nä­he des Ro­ze­man-An­we­sens ge­se­hen. Beim Kreuz­ver­hör nimmt sie die Aus­sa­ge zu­rück: „Ich ha­be das Ge­richt be­lo­gen, al­les war er­fun­den.“Zu die­ser Zeit aber, er­in­nert sich Stroud, ha­be er sich schon ganz auf Ford ein­ge­schos­sen.

Gut­ach­ter lie­fern Gut­ach­ten, die ihn be­las­ten, auch wenn sie auf schlam­pi­ger Ar­beit be­ru­hen. Die bei­den Pflicht­ver­tei­di­ger ver­zich­ten aufs Ein­ho­len von Ex­per­ten­mei­nun­gen, weil sie glau­ben, sel­ber die Kos­ten da­für tra­gen zu müs­sen. Der ei­ne hat Er­fah­run­gen in der Öl- und Gas­in­dus­trie, der an­de­re mit Ver­si­che­rungs­fäl­len. No­mi­niert wur­den sie von der lo­ka­len An­walts­kam­mer; sie wa­ren dem Al­pha­bet nach an der Rei­he. Die Ge­schwo­re­nen­ju­ry, die Ford schul­dig spricht, be­steht durch­weg aus Wei­ßen, ob­wohl im Cad­do Pa­rish, dem Ver­wal­tungs­be­zirk, zu dem Sh­re­veport ge­hört, 40 Pro­zent dunk­le Haut ha­ben. Die sechs schwar­zen Kan­di­da­ten sor­tiert Stroud aus­nahms­los aus, be­vor der Rich­ter sei­ne Aus­wahl ge­neh­migt. Da­mals, sagt er, ha­be er noch nicht ver­stan­den, was so ei­ne Kon­stel­la­ti­on an­ge­sichts der lan­gen Ge­schich­te der Ras­sen­tren­nung im Sü­den be­deu­te – ei­ne wei­ße Ju­ry und ein schwar­zer An­ge­klag­ter.

Nach der Ur­teils­ver­kün­dung geht er mit Kol­le­gen in ei­ne Kn­ei­pe. Sie sin­gen, fei­ern, brin­gen Trink­sprü­che aus. Der auf­stre­ben­de Staats­an- walt Mar­ty Stroud hat sei­nen ers­ten gro­ßen Fall er­folg­reich ab­ge­schlos­sen und ei­ne wei­te­re Spros­se auf der Kar­rie­re­lei­ter er­klom­men.

Am 11. März 2014 durf­te Glenn Ford das Ge­fäng­nis ver­las­sen, am 29. Ju­ni 2015 starb er an Lun­gen­krebs. Seit­dem ver­su­chen sei­ne Hin­ter­blie­be­nen, dem Bun­des­staat Loui­sia­na ei­ne Ent­schä­di­gung ab­zu­rin­gen. Für je­des Jahr in der Zel­le hät­ten ihm 11.000 Dol­lar zu­ge­stan­den, ins­ge­samt al­so 330.000 Dol­lar. Tat­säch­lich be­kam er, am Tag sei­ner Ent­las­sung, 20 Dol­lar in Form ei­nes Ge­schenk­gut­scheins. Zur Fei­er sei­ner Frei­heit kauf­te er sich ein Brat­hähn­chen, Pom­mes und ei­ne Co­la. Da­nach hat­te er acht Dol­lar und 67 Cent üb­rig, er­zählt Stroud mit trau­ri­ger Ak­ku­ra­tes­se. Der Staat Loui­sia­na ha­be sich da­mit her­aus­ge­re­det, dass Ford schon vor 1983 Straf­ta­ten be­gan­gen ha­be. Als das Lo­kal­blatt „Sh­re­veport Ti­mes“an­ge­mes­se­ne Wie­der­gut­ma­chung ver­lang­te, schrieb er den ers­ten Leserbrief sei­nes Le­bens: „Es war kein fai­res Ver­fah­ren, ich weiß es, ich war da­bei. Ich war ar­ro­gant, nar­ziss­tisch und selbst­ge­recht. Ge­rech­tig­keit hat mich we­ni­ger in­ter­es­siert als zu ge­win­nen. Ge­win­nen war al­les.“

Kurz dar­auf traf er sich zum ers­ten Mal mit Ford, 15 Mi­nu­ten nur, in New Or­leans. Er ha­be den Tod­kran­ken um Ver­zei­hung ge­be­ten. „Er sag­te: Ver­zei­hen kann ich Ih­nen nicht, da­zu ha­ben Sie mein Le­ben zu sehr ge­prägt.“

In den Jah­ren nach dem Ur­teil ist Stroud ins Grü­beln ge­kom­men. Ein Buch der ame­ri­ka­ni­schen Or­dens­schwes­ter He­len Pre­jean, „De­ad Man Wal­king“, hat nach sei­nen Wor­ten da­bei ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt. „Wir kön­nen der Re­gie­rung nicht mal ver­trau­en, wenn es ums Fli­cken von Schlag­lö­chern geht. Wir kön­nen wir ihr dann Fra­gen von Le­ben und Tod an­ver­trau­en?“, wie­der­holt er ei­nen Ein­wand Pre­jeans. Ei­ner sei­ner Ge­gen­spie­ler, ein Ju­rist na­mens Da­le Cox, bis Mit­te No­vem­ber kom­mis­sa­risch Be­zirks­staats­an­walt im Cad­do Pa­rish, hält in so dra­ko­ni­schen Wor­ten da­ge­gen, dass er es zu lan­des­wei­ter Be­rühmt­heit brach­te. „Ich den­ke, wir soll­ten noch mehr Men­schen tö­ten“, sag­te Cox der „New York Ti­mes“. „Wir­kungs­vol­le Ver­gel­tung liegt im ge­sell­schaft­li­chen In­ter­es­se.“

Cox üb­ri­gens war als jun­ger Mensch ge­gen die To­des­stra­fe, als Stroud noch fest an ih­ren Sinn glaub­te. Stroud ver­weist heu­te auf Sta­tis­ti­ken, nach de­nen je­der Ne­un­te, aus­ge­hend von der Zahl der nach­träg­lich Ent­las­te­ten, zu Un­recht im To­des­trakt sitzt. Wä­re die ame­ri­ka­ni­sche Jus­tiz ei­ne Flug­li­nie, wä­re das so, als wür­de je­de ne­un­te Ma­schi­ne ab­stür­zen. „Nie­mand wür­de sich bei ei­ner sol­chen Feh­ler­quo­te noch in ein Flug­zeug set­zen. Wir aber ma­chen un­be­irrt wei­ter.“

„Ge­rech­tig­keit hat mich we­ni­ger in­ter­es­siert

als zu ge­win­nen“

FOTO: AP

An­sel Mar­tin Stroud III, ge­nannt Mar­ty, in sei­nem Bü­ro in Sh­re­veport, Loui­sia­na.

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