In­te­gra­ti­on als Auf­trag der Ver­trie­be­nen­stif­tung

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON MICHA­EL ROTH

Welt­weit flie­hen Tag für Tag mehr als 40.000 Men­schen, um ein neu­es Le­ben in Frei­heit und Si­cher­heit zu fin­den. Nie­mand ver­lässt frei­wil­lig sei­ne Hei­mat. Zwei­fels­oh­ne wird uns als Zufluchts­ort ei­ne Men­ge ab­ver­langt. Den­noch darf sich Eu­ro­pa als Ort von Mi­gra­ti­on nicht hin­ter Ab­schot­tungs­re­fle­xen ver­ste­cken. Wir ste­hen viel­mehr in der Pflicht, Chan­cen von Zu­wan­de­rung zu er­grei­fen.

Das ist doch nichts Neu­es für uns! Wir ha­ben im Lau­fe der Ge­schich­te im­mer wie­der Mi­gra­ti­ons­wel­len in Deutsch­land erlebt. So ha­ben wir nach 1945 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge und Ver­trie­be­ne aus den ehe­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­ten auf­ge­nom­men. In den 50er und 60er Jah­ren ha­ben mehr als 14 Mil­lio­nen Gas­t­ar­bei­ter am deut­schen Wirt­schafts­wun­der mit­ge- wirkt. Vie­le von ih­nen ha­ben dann hier ein neu­es Zu­hau­se ge­fun­den.

Zu­wan­de­rung soll­te uns kei­ne Angst mehr ma­chen. Viel­mehr müs­sen wir Ant­wor­ten fin­den, wie wir Zu­wan­de­rer in un­se­re Ge­sell­schaft in­te­grie­ren. Wir wol­len ih­nen ei­ne neue Hei­mat bie­ten. Eben­so ha­ben wir ei­ne Er­war­tungs­hal­tung: Die­je­ni­gen, die bei uns blei­ben wol­len, müs­sen sich zu un­se­ren Grund­wer­ten und zu un­se­rem Ge­sell­schafts­kon­zept be­ken­nen.

Wir wol­len in Eu­ro­pa vor­le­ben: Ein fried­li­ches und re­spekt­vol­les Zu­sam­men­le­ben von Men­schen ganz un­ter­schied­li­cher Kul­tu­ren, Re­li­gio­nen und Eth­ni­en ist mög­lich. In Deutsch­land tra­gen wir auf­grund un­se­rer wech­sel­haf­ten Ge­schich­te ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tung, mit gu­tem Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen.

Auch des­halb wur­de im Jahr 2008 die Bun­des­stif­tung Flucht, Ver­trei- bung, Ver­söh­nung ins Le­ben ge­ru­fen. Die Stif­tung will nach ei­ge­ner Aus­kunft „im Geis­te der Ver­söh­nung die Er­in­ne­rung und das Ge­den­ken an Flucht und Ver­trei­bung im 20. Jahr­hun­dert im his­to­ri­schen Kon­text des Zwei­ten Welt­krie­ges und der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ex­pan­si­ons- und Ver­nich­tungs­po­li­tik und ih­ren Fol­gen wach­hal­ten“.

Al­lein durch den Blick zu­rück wer­den Wun­den und Nar­ben von Flucht und Ver­trei­bung kaum ver­hei­len. In ih­rem Na­men trägt die Stif­tung das Wort Ver­söh­nung. Das meint im er­wei­ter­ten Sin­ne auch In­te­gra­ti­on.

Das Fun­da­ment für ei­ne bun­te, of­fe­ne Ge­sell­schaft schaf­fen wir nur, wenn wir ge­mein­sam nach vor­ne schau­en. Des­halb muss auch die Bun­des­stif­tung ih­ren Blick wei­ten und ih­re Ar­beit neu aus­rich­ten – am Leit­bild Eu­ro­pas als Ein­wan­de­rungs­kon­ti­nent. Ge­fragt ist ein An­satz, der die eu­ro­päi­sche Di­men­si­on stärkt und die Au­f­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit mit kon­kre­ten Im­pul­sen für Ver­söh­nung und In­te­gra­ti­on für heu­te ver­knüpft.

Die Stif­tung will da­zu bei­tra­gen, dass Ver­trei­bun­gen als ge­walt­tä­ti- ges po­li­ti­sches In­stru­ment und als Men­schen­rechts­ver­let­zung ge­äch­tet wer­den – zu je­der Zeit und an je­dem Ort. Ur­sa­chen und Zu­sam­men­hän­ge für Flucht und Ver­trei­bung in der Ver­gan­gen­heit zu er­ken­nen und für die Ge­gen­wart auf­zu­ar­bei­ten, ist ei­ne der wich­tigs­ten Auf­ga­ben der Stif­tung. Da bleibt der­zeit viel zu tun. Ak­tu­el­ler geht es kaum.

Das Aus­wär­ti­ge Amt ist be­reit, an die­ser De­bat­te ak­tiv mit­zu­wir­ken – auch aus sei­nem Selbst­ver­ständ­nis als Haus des Zu­hö­rens, Er­in­nerns und Dia­logs. So­wohl das Stif­tungs­ge­setz als auch die vor­lie­gen­de Kon­zep­ti­on für die Ar­beit der Stif­tung soll­ten des­halb wei­ter aus­ge­baut wer­den. Das schmä­lert den ei­gent­li­chen Stif­tungs­auf­trag über­haupt nicht. Im Ge­gen­teil. Wie kann In­te­gra­ti­on ge­lin­gen? Auf die­se gro­ße Fra­ge un­se­rer Zeit könn­te auch die Stif­tung zu­kunfts­wei­sen­de Ant­wor­ten lie­fern.

FOTO: DPA

Der Staatsminister für Eu­ro­pa im Aus­wär­ti­gen Amt, Micha­el Roth.

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