Der Tür­ki­se Pracht­grund­kärpfling al­tert im Zei­t­raf­fer

Jena­er Al­terns­for­scher sind elek­tri­siert. Der kurz­le­bi­ge Fisch lebt in Afri­ka, und das Gros sei­ner Ge­ne äh­nelt de­nen des Men­schen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WISSEN - VON ANDRE­AS HUM­MEL

JE­NA (dpa) Mit ei­nem Ke­scher an­gelt Kath­rin Reich­wald den to­ten Fisch aus sei­nem Be­cken. Das Männ­chen hat sei­ne Far­ben­pracht ein­ge­büßt und treibt jetzt blass im Was­ser. Die Mo­le­ku­lar-Bio­lo­gin schiebt ihn in ein Plas­ti­kröhr­chen, no­tiert Ge­burts- und Ster­be­da­tum so­wie den Stamm­code dar­auf und legt es auf Eis. „Im La­bor wer­den wir für wei­te­re Un­ter­su­chun­gen sei­ne DNA iso­lie­ren“, er­klärt sie. Nur zehn Mo­na­te ist der Fisch alt ge­wor­den und ge­hört da­mit schon zu ei­nem der lang­le­bi­ge­ren Ex­em­pla­re des Tür­ki­sen Pracht­grund­kärpflings (No­tho­bran­chi­us fur­ze­ri). Der aus Afri­ka stam­men­de Fisch elek­tri­siert Al­terns­for­scher wie Reich­wald. Nun ha­ben sie sein Erb­gut ent­zif­fert. Da­mit, so hof­fen sie, kön­nen bald neue Er­kennt­nis­se ge­schöpft wer­den, wie und war­um wir al­tern.

Bis­her ar­bei­ten Al­terns­for­scher vor al­lem mit Platt- und Rund­wür­mern, He­fen, Flie­gen, Mäu­sen und Ze­bra­fi­schen. „Die Wür­mer und Flie­gen sind evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch vom Men­schen al­ler­dings sehr weit ent­fernt“, er­klärt Mat­thi­as Plat- zer, Grup­pen­lei­ter am Jena­er Leib­niz-In­sti­tut für Al­terns­for­schung.

Mäu­se und Ze- bra­fi­sche wer­den meh­re­re Jah­re alt – ent­spre­chend lang dau­ern die Ex­pe­ri­men­te. An­ders beim Tür­ki­sen Pracht­grund­kärpfling. Er ist ein Wir­bel­tier und zu­gleich das kurz­le­bigs­te, das im La­bor ge­hal­ten wird. Ein Stamm wird ge­ra­de ein­mal vier Mo­na­te alt, die lang­le­bigs­ten Tie­re der Art ster­ben mit zwölf Mo­na­ten. Da­bei al­tern sie für die For­scher qua­si im Zei­t­raf­fer und zei­gen ty­pi­sche Al­ters­merk­ma­le, wie sie auch beim Men­schen zu be­ob­ach­ten sind.

Ein in­ter­na­tio­na­les For­scher­team hat nun das Ge­nom des Fi­sches ent- zif­fert und be­rich­tet dar­über im Fach­ma­ga­zin „Cell“. „Wir kön­nen die­sen Co­de jetzt le­sen, aber ihn zu ver­ste­hen wird noch vie­le Jah­re in An­spruch neh­men“, sagt Plat­zer. Es sei ein Mei­len­stein ih­rer For­schung. Jetzt kön­ne man ge­zielt die Ge­no­me kurz- und lang­le­bi­ger Ex­em­pla­re ver­glei­chen, um nach neu­en Ge­nen zu su­chen, die Al­te­rungs­pro­zes­se steu­ern. Die Kennt­nis des Ge­noms er­lau­be auch ge­ziel­te Ein­grif­fe wie zum Bei­spiel ein­zel­ne Ge­ne aus­zu­schal­ten oder über­zu­ak­ti­vie­ren. Da mehr als 90 Pro­zent der Ge­ne des Men­schen de­nen im Fisch ähn­lich sei­en, sei die Wahr­schein­lich­keit groß, dass sich Er­kennt­nis­se auf den Men­schen über­tra­gen las­sen.

Den For­schern geht es nicht in ers­ter Li­nie dar­um, in Sci­ence-Fic­tion-Ma­nier in den Ge­nen ei­nen Schal­ter für ewi­ges Le­ben oder ewi­ge Ju­gend zu fin­den. Sie er­grün­den viel­mehr die Pro­zes­se, die uns al­tern las­sen. Mit dem Wis­sen, so die Hoff­nung, könn­te künf­tig zwar nicht der Al­te­rungs­pro­zess di­rekt be­ein­flusst, aber Ge­sund­heit und Le­bens­qua­li­tät bis ins ho­he Al­ter er­mög­licht wer­den. Et­wa in­dem die Ent­ste­hung von Krank­hei­ten wie Krebs oder Alz­hei­mer hin­aus­ge­zö­gert oder ver­lang­samt wür­de.

FOTO: DPA

Sei­ne DNA äh­nelt der des Men­schen: der Tür­ki­se Pracht­grund­kärpfling ist da­her der be­son­de­re Lieb­ling der For­scher.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.