Die Ge­sund­heits­kar­te mit der Reiß­lei­ne

Die Fra­ge war hei­kel zwi­schen CDU und SPD: Soll Glad­bach wie an­de­re Städ­te trotz un­kla­rer Kos­ten Flücht­lin­gen ei­ne Ge­sund­heits­kar­te aus­stel­len? Jetzt gibt es ei­nen Kom­pro­miss. Die Kar­te kommt, aber spä­ter und nur als Pi­lot-Pro­jekt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON RALF JÜN­GER­MANN

Auch in Mön­chen­glad­bach be­kom­men Flücht­lin­ge künf­tig ei­ne elek­tro­ni­sche Ge­sund­heits­kar­te, mit der sie sich di­rekt beim Arzt be­han­deln las­sen kön­nen. Bis­her müs­sen sie sich zu­nächst beim So­zi­al­amt quar­tals­wei­se ei­nen Be­rech­ti­gungs­schein aus­stel­len las­sen. Al­ler­dings wird die Kar­te in Mön­chen­glad­bach nicht wie in an­de­ren Städ­ten schon ab Jah­res­be­ginn, son­dern erst im Ok­to­ber 2016 ein­ge­führt. Und sie gilt auch nur für ein Jahr: Da­nach muss das Rech­nungs­prü­fungs­amt un­ter­su­chen, wie sich die Kos­ten ent­wi­ckelt ha­ben. An­schlie­ßend ent­schei­den die Po­li­ti­ker er­neut.

So wird es der Rat heu­te auf Vor­schlag von CDU und SPD wohl mit gro­ßer Mehr­heit be­schlie­ßen. Es ist ein Kom­pro­miss, der ge­sichts­wah­rend für bei­de Par­tei­en ist, die in die­ser Fra­ge un­ter­schied­li­cher Auf­fas­sung sind. Die SPD ar­gu­men­tiert, die Ge­sund­heits­kar­te spa­re Bü­ro­kra­tie und ge­be den Flücht­lin­gen Au­to­no­mie. Die CDU ist skep­ti­scher und fürch­tet ei­nen Pa­pier­ti­ger, der schwer kon­trol­lier­ba­re Kos­ten ver­ur­sacht. Ge­schätzt 180.000 Eu­ro wird die Stadt wohl pro Jahr der IKK, die die Kar­te in un­se­rer Re­gi­on an­bie­tet, er­stat­ten müs­sen. Land­auf, land­ab ha­ben sich Kom­mu­nen un­ab­hän­gig der Rats­mehr­hei­ten un­ter­schied­lich ent­schie­den. Es gibt Städ­te mit CDU-Mehr­heit, die dem vom Land aus­ge­han­del­ten Rah­men­ver­trag mit den Kran­ken­kas­sen bei­ge­tre­ten sind. Und Kom­mu­nen, wo die SPD ab­ge­wun­ken hat. Der CDU-Kreis­par­tei­vor­sit­zen­de Gün- ter Krings hat­te im Vor­feld ve­he­ment ge­gen die Ein­füh­rung der Ge­sund­heits­kar­te ar­gu­men­tiert – und ist auch von dem Kom­pro­miss nicht über­zeugt.

„Ich bin über­zeugt, dass die Kar­te we­der den Flücht­lin­gen hilft noch ir­gend­et­was für un­se­re Stadt ver­bes­sert“, sagt Krings. Die So­zi­al­äm­ter hät­ten für Men­schen, die un­ser Ge­sund­heits­sys­tem erst ken­nen­ler- nen müss­ten, ei­ne wich­ti­ge Lot­sen­funk­ti­on. „Ich emp­feh­le, den Test­be­trieb zu nut­zen, um sich dann doch ein­mal über in­tel­li­gen­te­re Al­ter­na­tiv­mo­del­le zu in­for­mie­ren“, sagt Krings. Der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Felix Hein­richs wer­tet das ganz an­ders. „Es war ein har­tes Stück Ar­beit. Aber es hat sich ge­lohnt, denn jetzt ha­ben wir ei­nen gu­ten Kom­pro­miss.“In ei­nem Punkt lie­gen SPD und CDU so weit nicht aus­ein­an­der: Auch die So­zi­al­de­mo­kra­ten sind nicht gänz­lich vom Mo­dell des Lan­des über­zeugt und hof­fen auf Nach­bes­se­run­gen. Felix Hein­richs: „Wir ge­hen fest da­von aus, dass es nicht bei die­sem Ab­schluss blei­bet. Nach ei­nem Jahr wird das Land selbst die Ver­trä­ge eva­lu­ie­ren.“Das ist wohl auch der Grund, war­um die SPD der Ein­füh- rung erst im drit­ten Quar­tal zu­stimm­te. Für die Flücht­lin­ge, die den Kom­mu­nen vom Land zu­ge­wie­sen wer­den, muss die Stadt die Be­hand­lungs­kos­ten bis zu ei­ner Hö­he von 35.000 Eu­ro pro Pa­ti­ent tra­gen. Was dar­über hin­aus geht, über­nimmt das Land. Nach 15 Mo­na­ten Auf­ent­halt in Deutsch­land ha­ben Flücht­lin­ge An­spruch auf ei­ne re­gu­lä­re Kran­ken­ver­si­che­rung.

FOTO: HA­RALD TIT­TEL

Die per­so­na­li­sier­te Ge­sund­heits­kar­te be­kom­men jetzt auch Flücht­lin­ge in Glad­bach.

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