Ge­mus­ter­te Ze­ment­flie­sen fei­ern Come­back

Mit der Zeit wird man­ches Lu­xus­pro­dukt zur Mas­sen­wa­re – oder um­ge­kehrt. Ze­ment­flie­sen wur­den einst ver­wen­det, um wert­vol­le­re Ma­te­ria­li­en güns­tig zu imi­tie­ren. Heu­te ent­de­cken Krea­ti­ve und Ar­chi­tek­ten den Bau­stoff wie­der – als ex­klu­si­ves De­sign­pro­dukt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON PE­TER ST­EIN­HAU­ER

War­um soll­te man auf et­was Wert le­gen, was man mit Fü­ßen tritt? So wur­den Fuß­bö­den lan­ge zwar nach ih­rer Funk­ti­on aus­ge­sucht, aber nicht un­be­dingt auch als Hin­gu­cker im Raum. Das än­dert sich im­mer mehr. Ed­le, hand­ge­knüpf­te Ori­ent­tep­pi­che sind ge­fragt und nam­haf­te Mö­bel­de­si­gner ge­stal­ten neu­er­dings Vi­nyl­bö­den. Und nun rückt auch noch die Flie­se in den Fo­kus. Ge­fragt sind nicht mehr nur ke­ra­mi­sche Flie­sen, de­ren Ober­flä­che ge­brannt ist und da­durch glänzt. Ei­ne Re­nais­sance er­le­ben die hübsch ge­mus­ter­ten Ze­ment­flie­sen.

Aber selbst die Krea­ti­ven wa­ren an­fangs skep­tisch: Beim Aus­bau ei­nes Lofts im Ber­li­ner Stadt­teil Fried­richs­hain woll­ten die Auf­trag­ge­ber den Ein­gangs­be­reich mit Flie­sen statt mit Holz ge­stal­ten. „Zu­erst ha­ben wir uns da­ge­gen ge­sträubt“, er­zählt der Ar­chi­tekt Marc Ben­ja­min Dre­wes. „Dann ha­ben wir in ei­nem Haus­flur schö­ne, al­te Ze­ment­flie­sen ge­se­hen. Die­ses En­tree war nicht nur funk­tio­nal ge- stal­tet, son­dern Charme.“

Heu­te lie­gen in dem Loft auf ei­ner grö­ße­renFlä­che dun­kel­rot ge­mus­ter­te Mo­del­le. „Tra­di­tio­nell sind die Bö­den im­mer in ei­nen an­ders ge­mus­ter­ten Rand­strei­fen ge­fasst“, er­klärt De­wes. „Dar­auf ha­ben wir ver­zich­tet. Wir woll­ten nicht alt­ba­cken wir­ken, son­dern dem ei­nen mo­der­nen Touch ge­ben.“Der Ar­chi­tekt schätzt in-

hat­te

auch zwi­schen die Ze­ment­flie­sen, er ver­legt sie so­gar imSchlaf­zim­mer. „Uns hat die Hap­tik der Flie­sen fas­zi­niert“, sagt er. „Die Bö­den er­hal­ten ei­ne war­me An­mu­tung, wie man sie von St­ein­bö­den sonst nicht kennt.“

Ze­ment­flie­sen ha­ben im Ge­gen­satz zu ke­ra­mi­schen Flie­sen ei­ne mat­te Op­tik und ei­ne raue Ober­flä­che. Die Bö­den wir­ken be­hag­lich und har­mo­nie­ren auch gut mit Par­kett oder Die­len. Einst wur­den die­se Flie­sen häu­fig ver­baut, man fin­det sie noch in man­chem Alt­bau. Aber ähn­lich wie den Stuck woll­te man die Flie­sen in der Nach­kriegs­mo­der­ne nicht mehr ha­ben, sie wur­den mit Li­n­ole­um über­klebt. Bis­her – jetzt än­dert sich das wie­der.

Gro­ße Her­stel­ler wie Bi­saz­za aus Ita­li­en in­ves­tie­ren nun ver­stärkt in das The­ma. Das Un­ter­neh­men hat im ver­gan­ge- nen Jahr ein kom­plett neu­es Pro­gramm von Ze­ment­flie­sen auf­ge­legt, ge­stal­tet von nam­haf­ten De­si­gnern wie Tom Di­xon, Jai­me Hayon oder Pao­la Na­vo­ne. Aber die Mo­ti­ve der De­si­gner fol­gen nicht mehr der tra­di­tio­nel­len Folk­lo­re, son­dern sind abs­trakt gra­fisch – und da­mit mo­dern.

Die de­ko­ra­ti­ven Flie­sen sind bei ei­nem Qua­drat­me­ter­preis von 60 bis 90 Eu­ro kein Bil­lig­pro­dukt. „Man hat die Ze­ment­flie­sen in den 20er Jah­ren vor al­lem ver­wen­det, um an­de­re wert­vol­le Ma­te­ria­li­en zu imi­tie­ren“, er­klärt Micha­el Maass, der die Pro­duk­te der spa­ni­schen Ma­nu­fak­tur Pi­nar Miró in Deutsch­land ver­tritt. „Heu­te sind die­se Art von Flie­sen ein Wert an sich.“Ih­re Pro­duk­ti­on lie­ße sich nach wie vor nicht kom­plett au­to­ma­ti­sie­ren. „Sie ist des­halb ein im ho­hen Ma­ße hand­werk­lich ge­fer­tig­tes Pro­dukt.“Und ent­spre­chend teu­rer.

Die De­ko­re sind nicht auf­ge­malt, son­dern mit Hil­fe vonScha­blo­nen aus Blech aus­ge­gos­sen. Ih­re Fes­tig­keit er­hal­ten die Flie­sen durch Pres­sen und an­schlie­ßen­des Trock­nen. Bei al­len Ar­beits­gän­gen ist im­mer wie­der Hand­ar­beit not­wen­dig, wes­halb sich die Pro­duk­ti­on zu eu­ro­päi­schen Lohn­kos­ten kaum noch be­werk­stel­li­gen lässt.

Die Her­stel­lung von Ze­ment­flie­sen er­folgt haupt­säch­lich in Ma­rok­ko, Tu­ne­si­en und In­di­en. Nicht nur die Pro­duk­ti- on der al­ten Bo­den­be­lä­ge ist auf­wen­dig. „Die Flie­sen ha­ben ein hö­he­res Ge­wicht und drü­cken auf den Kle­ber, was dann zu Ab­sa­ckun­gen füh­ren kann“, er­klärt Sven Jänsch, spe­zia­li­sier­ter Flie­sen­ver­le­ger. „Man muss das Pro­dukt sorg­fäl­ti­ger be­han­deln, es ver­zeiht kei­ne Feh­ler.“

FOTO: BI­SAZ­ZA CE­MEN­TI­LES

Die bun­ten Ze­ment­flie­sen von Pao­la Na­vo­ne sind ein Hin­gu­cker.

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